Krieg im Kaukasus Abchasien greift georgische Truppen an

Schlittert Georgien in einen Zwei-Fronten-Krieg? Seit dem frühen Morgen sprechen wieder die Waffen: Die Separatisten in Abchasien haben eine Offensive gestartet, die Kämpfe verlagern sich damit nach Westen - nachdem Russlands Einheiten derzeit nicht weiter vorrücken.


Moskau - Im Südkaukasus-Konflikt hat sich die Lage an der zweiten Front Abchasien verschärft. Um 6 Uhr Ortszeit riss Artilleriefeuer die Menschen im Kodori-Tal aus der nächtlichen Ruhe. Am frühen Morgen, so meldet es die russische Nachrichtenagentur Interfax, starteten Separatisten in Abchasien eine Militäroffensive gegen georgische Truppen.

Wie ein Sprecher der Separatisten erklärte, wollen sie die georgischen Einheiten aus dem nördlichen Teil der Kodori-Schlucht vertreiben. Es ist das einzige Gebiet der abtrünnigen georgischen Region Abchasien, das noch von georgischen Truppen kontrolliert wird. Der russische Nachrichtensender Westi 24 berichtete von heftigen Schusswechseln und Luftangriffen der abchasischen Luftwaffe in der Gegend.

Das von Russland unterstützte und international nicht anerkannte Abchasien versucht seit Samstag, die georgischen Truppen aus der Kodori-Schlucht zu vertreiben. Am Montag versicherte Tiflis, alle Angriffe abgewehrt zu haben. Dagegen versicherte der abchasische Verteidigungsminister Mirab Kischmarja, die georgischen Truppen säßen im oberen Abschnitt der Schlucht "völlig fest".

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Ein Separatistensprecher sagte, im Gebiet befindliche Uno-Beobachter seien zuvor gewarnt worden und hätten sich zurückgezogen. Das Hauptquartier der Uno-Beobachtermission (Unomig) in Suchumi sei nicht betroffen. Im Rahmen von Unomig sind zwölf Bundeswehrangehörige in Georgien eingesetzt. Die Abchasen hatten auch das georgische Militär und Zivilisten aufgefordert, das Flusstal an der Grenze zu Russland zu verlassen.

Die Abchasen betrachten das obere Kodori-Tal, in dem wenige tausend Menschen leben, als ihr Territorium. Der georgische Präsident Micheil Saakaschwili hatte dort 2006 die dortigen Abchasen vertreiben und eine georgische Verwaltung errichten lassen. Abchasien hatte sich ebenso wie die abtrünnige Provinz Südossetien Anfang der 90er Jahre von Georgien abgespalten. Nach dem Völkerrecht gehören beide Gebiete jedoch weiter zu Georgien.

Russland hat in den vergangenen Tagen 9000 Soldaten und 350 Militärfahrzeuge in das Gebiet am Schwarzen Meer verlegt. Dies wurde mit der Unterstützung der bislang in Abchasien stationierten russischen Friedenstruppen begründet.

Saakaschwili unterstellt "ethnische Säuberungen"

Präsident Saakaschwili beschuldigte Russland, in Abchasien eine "ethnische Säuberung" durchzuführen. Saakashwili sagte am Montagabend (Ortszeit) in einem Gespräch mit dem Nachrichtensender CNN, dass derzeit der größere Konflikt nicht Südossetien stattfinde, sondern in Abchasien. Die russischen Streitkräfte griffen auf breiter Front militärische und zivile Ziele in Georgien an. Es sei ein "kaltblütiger und brutaler" Angriff auf sein Land, sagte der Präsident. Aber Georgien "wird sich niemals ergeben".

An der anderen Front um die abtrünnige Provinz Südossetien und im georgischen Kernland blieb es in der Nacht offenbar ruhig. Nach dem Vorrücken russischer Truppen in das georgische Hinterland gab es nach Angaben aus Tiflis vorläufig keine Kämpfe mehr. "Derzeit gibt es nirgendwo in Georgien bewaffnete Zusammenstöße", sagte der Chef des Nationalen Sicherheitsrates, Alexander Lomaia, nach georgischen Medienangaben gegen Mitternacht Ortszeit in Tiflis.

Ein weiteres Vorrücken der russischen Truppen sei derzeit nicht zu beobachten, teilte der georgische Regierungschef Lado Gurgenidse nach Angaben der russischen Agentur Interfax in Tiflis mit. Russland hatte zuvor Behauptungen aus Georgien dementiert, in Richtung der georgischen Hauptstadt vorzudringen. So seien in die Stadt Gori, 60 Kilometer vor Tiflis, lediglich Aufklärer geschickt worden. Bewohner der Geburtsstadt des Sowjetdiktators Stalin hatten am Montagabend von einer Einnahme Goris durch die russische Armee berichtet.

Die georgische Führung zeigte sich enttäuscht über das bisherige Verhalten der internationalen Staatengemeinschaft im Kaukasus-Krieg. Es sei traurig, dass sich "unsere westlichen Partner und Freunde nicht in den Konflikt einmischen konnten", sagte Regierungschef Gurgenidse in Tiflis.

Im Uno-Sicherheitsrat drängen die westlichen Staaten indes auf ein Ende der Kämpfe in Georgien. Russland lehnte den französischen Entwurf einer Uno-Resolution jedoch als inakzeptabel ab. Der von Frankreich eingebrachte Resolutionsentwurf sieht nach den Worten von Botschafter Jean-Pierre Lacroix eine sofortige Einstellung aller Feindseligkeiten in Georgien vor. Außerdem solle Russland seine Truppen aus Südossetien abziehen und die territoriale Integrität Georgiens respektieren. Den Opfern solle zudem humanitäre Hilfe zukommen.

Russlands Botschafter Witali Tschurkin sagte, der Entwurf habe zahlreiche Unzulänglichkeiten. Vor allem enthalte er keine Hinweise auf die georgische Aggression und die von Georgien verübten Grausamkeiten.

phw/dpa/AP/AP/Reuters

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