Krieg in Afghanistan Petraeus' Milizstrategie erzürnt Karzai

Der neue Nato-Oberkommandierende in Afghanistan muss seine erste Bewährungsprobe bestehen. General Petraeus will Dorfstreitkräfte im Kampf gegen die Taliban aufrüsten - Präsident Karzai wehrt sich, die Frage wird laut: Braucht es in diesem Land noch mehr Waffen?

General Petraeus und Staatschef Karzai: "Wir Afghanen wissen es besser"
REUTERS

General Petraeus und Staatschef Karzai: "Wir Afghanen wissen es besser"


Kabul - Es war das erste Treffen zwischen US-General David Petraeus und dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai - und laut "Washington Post" gab es bei dem Gespräch in der vergangenen Woche erhebliche Spannungen. Demnach stößt der neue Nato-Oberbefehlshaber mit seiner Strategie im Kampf gegen die Taliban bei dem Staatschef auf Skepsis.

Die USA wollen die afghanische Bevölkerung stärker in den Kampf gegen Taliban einbinden und Dorfbewohner für lokale Verteidigungsprogramme rekrutieren. Würde Kabul den Plänen zustimmen, hätten die USA die Möglichkeit, afghanische Zivilisten zu trainieren, ihnen Uniformen zu stellen und sie auch zu bezahlen.

US-Regierungsvertreter berichteten, Washington wolle an etwa zwei Dutzend Standorten Dorfstreitkräfte etablieren. Entsprechende Pilotprojekte gibt es in Afghanistan bereits. Die US-Armee will deren Zahl nun verdoppeln. Diese Pläne gehen noch auf Petraeus' Vorgänger, General Stanley McChrystal zurück. Petraeus selbst hatte mit einer ähnlichen Strategie im Irak Erfolg.

Doch die afghanische Regierung befürchtet, dass mit solchen Dorfstreitkräften lokale Kriegsherren und unkontrollierte Milizen an Stärke gewinnen könnten. Ein afghanischer Regierungsvertreter sagte der Zeitung, Karzai fürchte, es würden eine Art Privatmilizen geschaffen. "Man sollte die Macht der Gemeinden in einer Weise ausbauen, dass nicht die zukünftige Stabilität des Landes gefährdet wird", hieß es aus dem Umfeld von Karzai. Man versuche Lösungen zu finden, die Afghanistan und den USA dienten.

Bewährungsprobe für Petraeus

Petraeus hatte das Kommando im Afghanistan-Krieg Anfang Juli übernommen. Angesichts der Kritik an seinen Strategieplänen steht er bereits jetzt vor einer Bewährungsprobe. Denn für die Umsetzung braucht er die Unterstützung Karzais. Es werde oft stundenlang mit den Befehlshabern der ausländischen Truppen verhandelt, sagte der afghanische Regierungsvertreter. Man versuche dann klarzumachen, wie mit bestimmten Situationen umzugehen sei. "Wir Afghanen wissen es besser", sagte er.

Das Verhältnis zwischen Karzai und dem früheren Nato-Oberbefehlshaber McChrystal galt als sehr eng. Nun versucht auch Petraeus als Obamas erster Krieger in Afghanistan, seinerseits Vertrauen aufzubauen. Laut "Washington Post" traf er sich innerhalb weniger Tage drei Mal mit Karzai. Die Gespräche seien als "offene Diskussion" verlaufen, sagten US-Militärs. Einige Bedenken Karzais seien "verständlich". Petraeus wolle bei kommenden Treffen Punkt für Punkt darauf eingehen.

Bei seinem Amtsantritt als Oberbefehlshaber in Afghanistan am 4. Juli hatte Petraeus den Aufständischen den Kampf angesagt. "Wir sind hier, um zu siegen", sagte der Viersternegeneral. Er befehligt rund 140.000 Soldaten einer multinationalen Truppe, zu der auch das deutsche Afghanistan-Kontingent zählt, im Krieg gegen die Taliban und andere Aufständische am Hindukusch.

Isaf-Soldaten töten sechs Zivilisten

Petraeus hatte zur Einigkeit im Kampf gegen die Taliban aufgerufen. Zivilisten und Soldaten müssten gemeinsam alles unternehmen, um den seit neun Jahren währenden Konflikt zu beenden, sagte der 57-Jährige in Kabul.

Allerdings kommt es auch immer wieder zu tödlichen Angriffen der Isaf-Truppen auf Zivilisten. So starben am Donnerstag in Jani Chel in der Provinz Paktia südlich von Kabul sechs Zivilisten durch Artilleriefeuer, mehrere wurden verletzt. Die Isaf sprach am Samstag von einem "tragischen Vorfall". Die Schutztruppe übernehme die Verantwortung dafür.

Zivile Opfer sind ein wichtiger Streitpunkt zwischen der afghanischen Regierung und den internationalen Truppen. Kabul betrachtet die Anwesenheit der ausländischen Soldaten zunehmend als Hauptursache der Gewalt im Land.

Auch die Isaf musste wieder Tote und Verletzte vermelden. In Nordafghanistan wurden bei einem Anschlag auf einen Bundeswehr-Konvoi am Samstagmorgen zwei deutsche Soldaten verletzt, wie das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam erklärte. Im Süden und Osten des Landes starben sechs US-Soldaten und mindestens ein Dutzend Zivilisten bei Attacken, wie die Schutztruppe Isaf mitteilte.

mmq

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Gandhi, 10.07.2010
1. Wenn einem nichte Gescheites mehr einfaellt,
Zitat von sysopMit General Petraeus wollen die USA in Afghanistan die Wende schaffen. Auch Zivilisten sollen im Kampf gegen die Taliban bewaffnet werden. Kann diese Stratgie Erfolg bringen?
dann kommen die tollen Einfaelle. Erst toetet man Zivilisten (weil die bewaffnet waren) und man sie deshalb nicht von Kombattanten unterscheiden konnte und nun sollen bewaffnete Zivilisten zu Kombattanten auf Seiten der USA werden? Die einzige "Strategie", die Erfolg bringen kann, ist den Sieg zu erklaeren und abzuziehen. Das fuer Zerstoerung vorgesehene Geld kann zu Hause viel sinnvoller angelegt werden (aber auch das werden les cons bestreiten), denn auch die Infrastruktur hier haette mal eine Ueberholung noetig.
henningr 10.07.2010
2.
Zitat von sysopMit General Petraeus wollen die USA in Afghanistan die Wende schaffen. Auch Zivilisten sollen im Kampf gegen die Taliban bewaffnet werden. Kann diese Stratgie Erfolg bringen?
Na klar. Wenn die Afghanen sich gegenseitig für ein paar Dollar abknallen, lassen sie wenigstens die Militärbasen in Ruhe. Und das Chaos nimmt man als Vorwand dort zu bleiben. Mussmna halt auch glaubwürdig rüberbringen. Solche Schlagzeilen wie zuletzt, dass rund 2 US-Steuermillionen die Woche in die Taschen der Taliban wandern sind zu vermeiden.
redpirate37 10.07.2010
3. Gibts dort auch unbewaffnete Zivilisten?
Auch Zivilisten sollen im Kampf gegen die Taliban bewaffnet werden. Kann diese Stratgie Erfolg bringen? Je mehr Waffen um so mehr Frieden und Ruhe, klar doch, kann ja nur auf die Weise funktionieren. Irgendwer muss das Zeug ja schließlich bezahlen und abkaufen das im Westen produziert wird. Am Besten die Steuerzahler der NATO Länder, also finanzieren wir den Waffenerwerb der afghanischen Zivilisten, die wiederum damit ein Geschäft bei den Taliban und Aufständischen betreiben können. Klingt doch logisch. Die Taliban lassen sich dann entwaffnen irgendwann und liefern ihre russischen und chinesichen Waffen an Sammelpunkten ab für ein paar Dollar Prämie. ;) Sieht ja schon nach allergrößter Verzweiflung aus was der Westen dort treibt...
semir, 10.07.2010
4.
Zitat von sysopMit General Petraeus wollen die USA in Afghanistan die Wende schaffen. Auch Zivilisten sollen im Kampf gegen die Taliban bewaffnet werden. Kann diese Stratgie Erfolg bringen?
Anscheinend besteht die erfolgreiche Strategie in einem Wunsch nach dem Scheitern in Afghanistan.
duk2500 10.07.2010
5. Dorfmilizen
Dieses Modell kann funktionieren, zumindest dort, wo die Dorfbewohner nicht mit den Taliban sympathisieren. Zur Zeiten des Terrorbewegung "Leuchtender Pfad" hat der damalige Präsident Alberto Fujimori die in den sogenannten "Rondas Campesinas" organisierten indianischen Dorfbewohner bewaffnet. Das war sehr erfolgreich, die Dörfler konnten sich in den abgelegenen Gebieten des Altiplano und der Selva gegen die Einfälle der Maoisten zur Wehr setzen und haben in Zusammenarbeit mit den Streitkräften sehr schnell für Ruhe gesorgt.
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