Krieg in der Ostukraine Einst Badeparadies, heute Trümmermeer

Bis der Krieg kam, war Schyrokyne ein Ferienort in der Ukraine. Nicht mondän, eher bei Familien beliebt. 2011 machte Vadym hier noch Urlaub. Jetzt verschanzt er sich mit seiner Armee-Einheit in der Geisterstadt.

Till Mayer

Aus Schyrokyne am Asowschen Meer berichtet


Anmerkung: Autor Till Mayer hat den Soldaten Vadym im Mai 2019 begleitet und danach diese Reportage geschrieben. In den vergangenen Tagen ist Vadym nach SPIEGEL-Informationen bei einem Unfall an der Front ums Leben gekommen. Wir veröffentlichen den Text in seiner ursprünglichen Form.


Der Jachtclub war die beste Adresse am Strand. Ein weißer Ziegelbau mit Indoorpool, davor ein mächtiges Panoramafenster mit Blick auf das Meer. Der Jachtclub liegt nicht in dem Budget, das Vadym im Jahr 2011 zur Verfügung hat. Als Elektriker auf dem Bau muss man beim Urlaub sparsam sein. "Schyrokyne war da richtig. Nicht so teuer wie Odessa oder die Krim. Wir hatten eine kleine und günstige Ferienwohnung für meine Frau, mich und die 15-jährigen Zwillinge", sagt der 47-Jährige.

Dann umrundet er den Indoorpool, der schon lange kein Wasser mehr hält. Ziegelsteine, Bretter, Mauertrümmer liegen im Becken. Das Panoramafenster brach im Kugelhagel in Abertausende kleine Glasstücke. Sie knirschen unter den Füßen des Unteroffiziers, als er mit seinen schweren Stiefeln darüber läuft. Im Gegenlicht gibt er einen unwirklichen Schattenriss, die Kontur der Kalaschnikow hebt sich ab.

Der Badeort Schyrokyne wurde im Krieg erst zum Schlachtfeld, dann zur Geisterstadt. Und Vadym fungiert als Führer durch die Trümmergassen. "Schyrokyne war für den Familienurlauber gemacht. Keine riesigen Attraktionen, man konnte sich ein Boot mieten. Die Teenager ließen sich auf der Riesen-Banane durch das Wasser ziehen", erinnert er sich. Dann geht es auf den Strand. Der 47-Jährige will sein Lieblingsrestaurant zeigen. Der Sand gibt sanft unter den Füßen nach, die Natur hat sich Stücke der einstigen Bademeile zurückgeholt.

Fotostrecke

18  Bilder
Krieg in der Ostukraine: Sogar der Kindergarten ist zerschossen

Das Restaurant ist zweistöckig: gelbe Ziegel, zerbrochenes Fensterglas, dunkle Fensterhöhlen. "Verrückt, hier saßen wir und haben gegrillten Fisch gegessen", sagt Vadym und schüttelt den Kopf. Immerhin, gegrillter Fisch steht immer wieder auf der Speisekarte von Vadym und seinen Kameraden. Sie haben in einer der langgezogenen Häuserreihen Stellung bezogen. Innen kahle Mauern, die Möbel sind längst geplündert oder zerstört.

Die Männer haben aus Plastikflaschen Schwimmer gebaut, die ein Netz halten. Außerhalb des Bereichs gehen die Soldaten lieber nicht ins Wasser. Die Strömung kann Minen anschwemmen. Schon viele Kilometer vor Schyrokyne warnen Schilder davor. "Man muss hier schon aufpassen. In den Ruinen können noch Sprengsätze versteckt sein", erklärt Vadym. Blindgänger, Sprengfallen und die nahe Frontlinie, an eine Rückkehr der Bewohner nach Schyrokyne ist derzeit nicht zu denken.

Blindgänger, Minen und Sprengfallen gelten in Schyrokyne als große Gefahr.
Till Mayer

Blindgänger, Minen und Sprengfallen gelten in Schyrokyne als große Gefahr.

Dann geht es weiter. An Garagen mit ausgebrannten Booten vorbei.

Der Soldat biegt nach rechts in eine Gasse ab. Auf beiden Seiten je ein Block mit Ferienwohnungen, teilweise haben Explosionen das Dach weggerissen. Mitten in der Trostlosigkeit steht ein Sessel, Vadym lässt sich hineinfallen. "Alle kamen sie hierher, um Urlaub zu machen, aus der ganzen Ukraine und auch aus dem nahen Russland. Wer hätte damals gedacht, dass das passieren kann?", sagt er, ein Schnellfeuergewehr auf den Beinen.

2014 hat der Krieg begonnen, seitdem kämpfen prorussische Milizen und die ukrainische Armee gegeneinander, vor allem in den Gegenden um Donezk und Luhansk. Vadym diente an den verschiedensten Abschnitten der Front im Donbas, dort wo seine ukrainische Brigade ihn hinschickt. Mittlerweile trägt auch sein Sohn Uniform. "Frisch von der Offiziersschule direkt in die Brigade, in der sein Vater dient", sagt Vadym stolz. Nur seine Frau, die sehe die Sache etwas anders. "Komm heim, du hast lang genug gekämpft, sagt sie", sagt Vadym. Jetzt muss sie sich auch um den Sohn sorgen. Und Vadyms Vater fällt es immer noch schwer zu glauben, "dass jetzt Ukrainer und Russen aufeinander schießen. Und Ukrainer auf Ukrainer. Aber wir müssen unser Land verteidigen, so einfach ist das", erklärt der 47-Jährige.

"Wir kämpfen fast jede Nacht"

"Mit meinem Vater ist es ähnlich. Er hat in Afghanistan in der Roten Armee gekämpft und lebt jetzt als Pensionär in Moskau." Das sagt Hauptmann Oleksandr, ein sehniger Endvierziger. "Ich kämpfe nicht gegen die Menschen Russlands, sondern gegen die Politik Putins. Die steckt doch hinter all dem Wahnsinn hier", sagt der Offizier.

Die Soldaten haben sich in den Ruinen ihr Fitnessstudio eingerichtet.
Till Mayer

Die Soldaten haben sich in den Ruinen ihr Fitnessstudio eingerichtet.

Er übernimmt die weitere Führung durch Schyrokyne. Zuerst zur Kirche, blau gestrichener Putz, gold-glänzendes Dach, auch hier zerschossenes Fensterglas. Die Kirche gehört zum Moskauer Patriarchat. Kreuze und Altar sind verschwunden, an die Wände im Innenraum sind Hakenkreuze geschmiert. Im Keller steht auf Russisch: "Eine Kirche gibt nur dann Licht, wenn sie brennt." Auch dazu ein Hakenkreuz, eine 88 und der Vermerk "Parafin Diwission", das Doppel-SS darin als Runen. "Das waren die Separatisten", ist sich Oleksandr sicher. Es könnten aber auch ukrainische Kämpfer gewesen sein. Dass beispielsweise in der ehemaligen Freischärler-Einheit "Asow" zahlreiche Rechtsradikale unter Waffen stehen, ist kein Geheimnis.

Wenige Hundert Meter entfernt zieht sich ein schmaler Weg durch verlassene Bauern- und Fischerhäuschen. Oben steht die ehemalige Schule. Dort hatten sich die Separatisten verschanzt und auf die ukrainischen Truppen geschossen. Zurück blieb ein Trümmerhaufen. Keine zwei Minuten zu Fuß entfernt liegt der Kindergarten, auch er schwer beschädigt. Selbst in der Rutsche sind Einschusslöcher. Drinnen liegen aufgeschlagene Malbücher und Spielsachen, als würden die Kinder gleich wiederkommen. Wenn nicht über allem zentimeterdick Staub und Dreck liegen würde. Über einem Vorschulzimmer hat ein Granateneinschlag das Dach eingerissen. "Was für ein Irrsinn", sagt Oleksandr.

Ein ukrainischer Soldat steht in einem zerstörten Kindergarten.
Till Mayer

Ein ukrainischer Soldat steht in einem zerstörten Kindergarten.

Dann geht es weiter zur aktuellen Frontlinie, über menschenleere Straßen. In einem Gasthaus gammelt eine Hochzeitsdekoration vor sich hin. Den ukrainischen Verbänden gelang es 2015, den Feind aus dem Ort zu vertreiben, jetzt stehen die Soldaten in Schützengräben am Ortsrand. Es ist still an diesem Tag. "Aber wir kämpfen fast jede Nacht. Sie schießen meist mit Maschinengewehren, Kalaschnikows und Mörsern. Auch Panzer kamen zum Einsatz", sagt ein junger Soldat und deutet auf eine Ruine.

Überall nur Zerstörung

Oleksandr führt zurück in den Ort. Ein großer Hotelkomplex steht noch zur Besichtigung aus. Rotgemauerte Ziegelbauten, vier- bis fünfstöckig. In einem Block liegt im Eingang eine zerbrochene Gitarre, die Wände sind rußgeschwärzt. Oleksandr fischt in einem Nebenraum einen Haufen Zettel vom Boden. Gutscheine für die Gäste. Mit genauem Zeitplan, wann es Frühstück, Mittagessen, Kuchen und Kulturprogramm gibt. Bettruhe: 23 Uhr. Unter den Füßen knirscht der Schutt, als Oleksandr in die oberen Stockwerke geht. "Das Gebäude war ein gefährlicher Ort, von hier aus wurden die feindlichen Stellungen unter Beschuss genommen", erklärt der Offizier, als er im dritten Stock steht.

Draußen vor dem Gebäude wärmen die Sonnenstrahlen eines Spätnachmittags die Haut. Dann geht auf Oleksandrs Mobiltelefon eine SMS ein: "Willkommen in Russland", meldet sich ein Provider. Der Offizier zeigt die Nachricht, der Ärger ist ihm anzusehen. Er will alles tun, um das zu verhindern.

insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Oberleerer 16.06.2019
1.
Als ob es sein Krieg ist. Er hält die Knochen hin für ein Fleckchen Erde, wo er sich gerade mal eine Ferienwohnung für eine Woche mieten kann. Warum verteidigen nicht die Hoteliers ihre Scholle? Ganz einfach: egal wer die Oberhand gewinnt, nur in seltenen Fällen kommt es zu Enteignungen. Der Krieg wird absehbar nicht enden. Würde die Ukraine keinen Konflikt mehr im Innern haben, wird sie am nächsten Tag in die NATO aufgenommen. Die schnellste Lösung für die Ukraine ist eine Abtretung der Gebiete an Russland. Das würde Putin überraschen und in Zugzwang bringen.
Demetrios 16.06.2019
2. Nicht Separatisten, russische Armee!
Warum spricht der Artikel von "Separatisten"? Die Eroberer von Schyrokyne kamen über die russische Grenze. Es gab damals keine Landverbindung zu den "Volksrepubliken" der sogenannten Separatisten. Warum übernimmt SPON diesen Kreml-Neusprech?
kjmuller70 16.06.2019
3. Leben & Leben lassen
Articles wie diesser macht meinen hass auf politiker immer größer, warum können Bürger nicht friedlich zusammen leben?
RudiRastlos2 16.06.2019
4.
Krieg am Rande von Europa... und die Welt schaut seit vielen Jahren einfach weg... einfach nur traurig.
heinz k 16.06.2019
5. Auf der anderen Seite ...
denken die Leute vermutlich genauso ! Ein dummer Krieg , bei dem die Kleinen nichts , die Großen aber viel zu gewinnen haben. Man lese Wilhelm Bush : " Storch und Rabe ". Da sind Storch und Rabe auch im Politischen Disput , zwei Frösche nehmen Partei und geraten sich dabei in die Haare - und werden am Ende gefressen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.