Krieg in Georgien Grabesstille in der Geisterstadt Gori

Der Krieg ist vorbei, die Angst der Menschen, die Trauer um die Toten bleiben. Gori, tagelang Ziel russischer Luftangriffe, wirkt wie verlassen - nur wenige Menschen hielten es in der Stadt aus. Sie berichten vom kampflosen Abzug georgischer Truppen. Jetzt trauen sich Flüchtlinge wieder zurück.

Aus Gori berichtet


Gori - Der Marktplatz von Gori wirkt gespenstisch. Glänzend steht die silberne Statue von Stalin in der Mitte des zentralen Platzes in der Nachmittagssonne. Hier wurde der sowjetische Politiker geboren, seine Figur ist immer noch ein Symbol des Imperiums. Hier gibt es sogar ein großes Museum zu Ehren des brutalen Diktators - mitten in Georgien, das seit Tagen Krieg mit dem übermächtigen russischen Bruder führt.

Die riesige Stalin-Statue, ausgerechnet sie blieb in diesem Krieg völlig unbeschädigt.

Rundherum liegen Scherben auf den Gehsteigen. Die Scheiben der Häuser zerbarsten durch die Wucht der Explosionen russischer Bomben und dem Artilleriefeuer. Auf dem Platz markieren kleine Krater Einschläge von Granaten. Autos sind von Kugeln zersiebt. Im Teer haben Panzer die Abdrücke ihrer Ketten hinterlassen. Auf dem Weg nach Gori stehen einige verlassen an der Straße.

An den Häusern sind Tausende Einschusslöcher. Angeblich fegten Kampfflugzeuge feuernd im Tiefflug über die Stadt - das sagen jedenfalls die Anwohner. Doch sind tatsächlich russische Panzer in die Stadt eingerollt, wie es die Georgier gemeldet hatten? Keiner der Anwohner will dies je gesehen haben. Glaubt man ihnen, war die georgische Armee schon vor zwei Tagen abgezogen, gar geflüchtet.

Willkommen im Nachrichtenchaos des Kaukasus-Konflikts: Was hier in den vergangenen Tagen wirklich passierte, weiß offenbar keiner so genau. Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig, befeuerten den Konflikt mit immer neuen Schreckensmeldungen über Angriffe, Totenzahlen, einen angeblichen Einmarsch der Russen nach Georgien und neuen Angriffen von beiden Seiten. Der Krieg im Kaukasus war in jeder Hinsicht auch ein PR-Krieg.

Die meisten Einwohner von Gori haben die Stadt in den vergangenen Tagen verlassen. Wer blieb, versteckte sich in den Kellern der Mietskasernen oder hoffte einfach, dass sein Haus nicht getroffen würde. Was wirklich passierte in Gori und der Umgebung ist kaum zu klären - es wird vielleicht auch nie geklärt werden. Fest steht nur, dass es Angriffe der Russen gab. Den angeblichen russischen Vormarsch nach Zentralgeorgien hat es wohl nie gegeben.

Auf dem Marktplatz kümmert diese Frage niemanden. Noch nicht, vielleicht. Hier und da kehrt ein Ladenbesitzer Unrat auf, eine Frau räumt in einer Apotheke die Medikamente in die Regale. Um das Rondell rasen ab und an Autos mit quietschenden Reifen. Nur ganz kurz springen Einwohner aus ihren Wagen heraus, fotografieren die Szenerie. Wie Touristen wirken sie - dabei liegt die Entstehung dieser fragwürdigen Sehenswürdigkeit erst wenige Stunden zurück.

Sehr schnell geben die Fahrer dann wieder Gas, keiner will lange an diesem Ort sein. Die Stadt, nur wenige Kilometer entfernt von der Kampfzone Südossetien, ist faktisch eine Geisterstadt. Hin und wieder rasen Jeeps mit Reportern umher. Auch sie springen in ihren schweren Schusswesten nur kurz aus den Autos, aus Angst, Russlands Aussage zum Ende der Angriffe sei vielleicht nur eine weitere kalkulierte Täuschung. Dann wird es wieder ruhig.

Es ist Dienstagnachmittag, vor einer Stunde hat Russland ganz plötzlich das Ende seines Angriffs auf Georgien verkündet, faktisch das Ende des Kriegs. Nur eine Stunde zuvor wurde genau hier ein niederländischer Journalist durch eine Bombe getötet, vielleicht das letzte und eins der tragischsten Opfer dieses Konflikts.

"Wir wurden einfach nur beschossen"

Wie viele Menschen hier starben, weiß niemand genau. Am örtlichen Krankenhaus kamen nur die Leichtverletzten an, hier hätte auch kaum jemand gerettet werden können. Ohne sterile Hilfsmittel werden Menschen mit Schnittverletzungen behandelt, einige liegen auf den Tragen in Blutlachen. "Wir konnten hier nichts tun", sagt ein Arzt, "wer es nicht die eine Stunde Fahrt nach Tiflis schaffte, war verloren."

Im Schutz eines Innenhofes sitzen ein paar Menschen beisammen. Auch sie haben die Bomben nur gehört, was genau passierte, können sie nicht sagen. Erst nach einer Weile sprechen sie etwas offener. Auch sie sagen, dass sich ihre eigenen Streitkräfte schon vor Tagen zurückgezogen hätten. "Es gab hier keinen Kampf", so ein Tierarzt aus Gori, "wir wurden einfach nur beschossen."

Der Krieg ist vorbei! Der Tierarzt, der seinen Namen nur mit Igor angeben will, hat es im Radio gehört. Er traut dem Frieden nicht. "Die können jederzeit wieder anfangen", sagt er trocken. Er zeigt auf die Bergketten rund um Gori. Überall dort seien russische Stellungen, die jederzeit wieder auf Gori feuern können. Zur Beruhigung nimmt Igor einen Schluck seines selbst angesetzten Weins.

Es sind nur Momentaufnahmen in Gori an diesem Nachmittag. Doch sie zeigen, dass die Zustimmung zum provokanten Vorgehen des georgischen Militärs keineswegs unumstritten ist. Micheil Saakaschwili, den georgischen Präsidenten, nennt der Arzt läppisch durak, einen Vollidioten. "Wie konnte er einen solchen Krieg anfangen, wir konnten nur verlieren", schimpft er, "wir konnten nie gegen Russland standhalten."

Doch es ist viel mehr, was den Veterinär an den Mächtigen stört. Von Weinglas zu Weinglas werden seine Bilder plakativer: "Wenn ein Tier krank ist, muss ich helfen", sagt er, "doch sehen Sie hier Polizei, die Plünderungen verhindert? Sehen Sie hier einen Bürgermeister, der sich kümmert?" Nein, die Regierung habe sich verzogen in ihre Bunker, feige sei die Mannschaft um Saakaschwili.

Georgien feierte seine Niederlage wie einen Sieg

Während des Gesprächs beginnt im georgischen Radio eine Live-Übertragung aus der Hauptstadt Tiflis. Der Präsident zeigt sich der Öffentlichkeit, redet vor einem Meer von Tausenden Fahnen mitten in der Hauptstadt. So absurd es klingt - Georgien feierte die faktische militärische Niederlage, welche die Regierung schon vor Tagen eingestehen musste, als Sieg. "Lang lebe Georgien", stand auf den Plakaten und "Nieder mit Russland".

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Die fadenscheinige Inszenierung aber reichte Präsident Saakaschwili offenbar noch nicht. "Während wir hier stehen, wird rund um Gori noch immer bombardiert", ruft er der Menge zu und bezeichnet die russischen Erklärungen damit offen als Lüge. Zumindest diese Lüge ist leicht zu belegen - rund um Gori herrschte weiter die gespenstische Stille des Nachmittags nach dem Krieg.

Als wir die Stadt verlassen, kommen langsam mehr Einwohner zurück nach Gori. Teilweise mit Bussen reisen sie in ihre Heimat, die sie aus Angst vor dem Krieg verlassen haben. Lange bleiben wollen die meisten, die sich kurz am Marktplatz umgesehen haben, nicht. Jeder hier weiß, dass der Konflikt jederzeit wieder eskalieren kann - jeder noch so kleine Funken kann die Zusagen beider Seiten gegenstandslos machen.

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