Krieg in Libyen Gaddafi pokert mit Rückzug aus Misurata

In der Stadt Misurata finden seit Wochen heftige Kämpfe statt, nun wollen sich Gaddafis Truppen offenbar zurückziehen. Das behauptet zumindest Libyens stellvertretender Außenminister. Die Rebellen bezweifeln die Ansage jedoch.

REUTERS

Tripolis - Ist die Ankündigung nun ein Zeichen der Schwäche oder handelt es sich nur um eine Täuschung? Die Truppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi wollen offenbar die Belagerung von Misurata beenden. Das sagte Vizeaußenminister Chaled Kaim am Freitagabend in Tripolis. Die Armee werde den Kampf um die Kontrolle der Stadt nun den Stämmen der Region überlassen.

Misurata, die drittgrößte Stadt Libyens, ist seit mehr als sieben Wochen umkämpft. Sie liegt rund 200 Kilometer östlich von Tripolis und ist eine Hochburg der Rebellen im Westen des Landes. Gaddafis Truppen liefern sich heftige Gefechte mit den Aufständischen, Hunderte Menschen kamen dabei bereits ums Leben.

Der Vizeaußenminister Kaim sagte nun, die Armee habe eine "chirurgische Lösung" in Misurata angestrebt, doch angesichts der Nato-Luftangriffe sei dies nicht mehr möglich. Nun werde die Lage von den ansässigen Stämmen und den Menschen in Misurata geregelt: "Die libysche Armee wurde vor ein Ultimatum gestellt - sollte sie das Problem nicht lösen, werden die Menschen der angrenzenden Orte Sliten, Tarhuna, Bani Walid und Tawargha nach Misurata gehen und mit den Rebellen reden. Geben diese nicht auf, werden sie kämpfen." Kaim äußerte sich so nach einem Treffen von Stammesvertretern und der Armee in jenem Teil von Misurata, der noch von Gaddafi-Truppen beherrscht wird.

Ein Sprecher der Aufständischen in Bengasi reagierte mit Spott auf die Ankündigung Kaims. "Was sollen das für Stämme sein, die Gaddafi unterstützen?", fragte Ahmed Bani den US-Sender CNN. Dieses Manöver zeige nur, dass Gaddafi versuche, sein Gesicht zu wahren. "Es bestätigt, dass unsere Rebellen Misurata befreit haben und dass Libyen noch immer aus einem Teil besteht und nicht aus zwei, wie Gaddafi es sich erhofft", sagte Bani. Wenn die Regierungstruppen Misurata verlassen, sei "das Spiel aus". Allerdings bezweifelte er, dass sie dies wirklich tun werden.

Tatsächlich hat das Gaddafi-Regime schon früher mit einem Stammeskrieg gedroht. Laut BBC könnte es sich auch dieses Mal eher um eine taktische Wendung handeln als um eine reale Reaktion auf die Kämpfe. Gaddafi fühle sich zunehmend isoliert und suche nach einer Möglichkeit, den Krieg irgendwie diplomatisch zu beenden.

Medizinische Versorgung ist katastrophal

Die Lage für die Bewohner von Misurata wird nach Angaben des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes immer schlimmer. Das Hauptkrankenhaus sei überlastet und die wichtigste Wasserleitung gekappt, so dass die Bewohner auf Brunnen und das Industriewasser aus Misuratas Entsalzungsfabrik angewiesen seien. Nur auf dem Seeweg können die Eingeschlossenen mit Nahrung, Zelten und Medikamenten versorgt werden.

Angesichts der bedrohlichen Lage hatten die USA am Donnerstag angekündigt, nun auch bewaffnete Drohnen einzusetzen.Diese können tiefer fliegen und Gaddafis Bodentruppen gezielter bekämpfen, sagte ein US-General. Gleichzeitig setzte die Nato ihre Luftangriffe gegen Gaddafis Getreue fort. In der Nacht zum Samstag bombardierten sie mehrere Ziele in Tripolis, darunter einen mutmaßlichen Bunker.

In der Bergregion südwestlich von Tripolis war es den Aufständischen am Freitag gelungen, einen Grenzübergang nach Tunesien unter ihre Kontrolle zu bringen. Der Ort Jefren westlich von Tripolis dagegen ist nach Berichten geflüchteter Bewohnern inzwischen fast zur Gänze von Gaddafis Truppen abgeriegelt. In der Region zwischen Adschdabija und Brega steckten die Rebellen in einer Sackgasse, berichtete US-Generalstabschef Michael Mullen.

McCain fordert, den Rebellen Waffen zu geben

US-Senator McCain forderte, alles zu unternehmen, um den Aufständischen zu helfen. Dazu gehöre auch, sie mit Waffen auszustatten, sagte McCain am Freitag nach einem Treffen mit der Führung der Rebellen in Bengasi. "Ich ermutige alle Nationen, den Rat als legitime Stimme des libyschen Volks anzuerkennen", sagte der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat weiter. Die Führung der Rebellen zeige, "wie ein freies Libyen" aussehen könnte.

Auch der französische Präsident Nicolas Sarkozy will bald Bengasi besuchen. Dies teilte der Elysée-Palast mit, ohne ein Datum zu nennen. Frankreich war das erste Land, dass den Übergangsrat als rechtmäßigen Vertreter Libyens anerkannte.

cte/AFP/Reuters

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Stancer81 23.04.2011
1. ...
Was haben die Rebellen bisher eigentlich getan um einen Waffenstillstand zu erwirken ? Ich find es irgendwie komisch, Zugeständnisse für einen Frieden kommen nur von Gadaffi. Die werden dann aber sofort als pokerspiel abgetan und es wird weiter gebombt. Klar will sich Gadaffi an der Macht halten. Jeder würde vermutlich genauso handeln. Würde er sich ergeben käme das seinem Todesurteil gleich. Die Rebellen würden ihn ohne zu zögern am nächsten Baum aufhängen und im Exil müsste er wohl ebenso jeden Tag um sein Leben fürchten. Die Darstellung in den Medien ist schon seit Wochen pro-Rebellion. Wo ist die neutrale Berichterstattung ? Wo sind die Schlagzeilen "Rebellen wollen Gadaffi tot sehen" oder "Rebellen nicht an Verhandlungen interessiert" ? Wären ja alles negative Schlagzeilen für unsere "Freiheits-Helden" Ich erinner nur mal : Gadaffi hatte dem Vorschlag der arabischen Liga zugestimmt, die Rebellen nicht. Ob Gadaffi sich an sowas halten wird steht nicht zur Debatte, sowas muss durch UN-Beobachter sicher gestellt werden, aber wenn ich wirklich am Frieden interessiert bin sollte ich versuchen so schnell wie möglich einen Waffenstillstand zu erwirken. Die Rebellen machen auf mich den Eindruck, als reden sie nur mit Leuten, die bereit sind Bomben auf Gadaffi zu werfen!
ratxi 23.04.2011
2.
Zitat von sysopIn der Stadt Misurata finden seit Wochen heftige Kämpfe statt, nun wollen sich Gaddafis Truppen offenbar zurückziehen. Das behauptet zumindest Libyens stellvertretender Außenminister. Die Rebellen bezweifeln die Ansage jedoch. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,758768,00.html
Durchaus denkbar, dass Gaddafis Truppen doch schon nachhaltig geschwächt sind und ihnen nichts anderes mehr übrig bleibt, als der Rückzug. Zu hoffen ist es...
intenso1 23.04.2011
3. ...
Zitat von sysopIn der Stadt Misurata finden seit Wochen heftige Kämpfe statt, nun wollen sich Gaddafis Truppen offenbar zurückziehen. Das behauptet zumindest Libyens stellvertretender Außenminister. Die Rebellen bezweifeln die Ansage jedoch. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,758768,00.html
Die Rebellen sind an keinen Verhandlungen interessiert. Egal ob Gaddafi Vorschläge unterbreitet, die Afrikanische Union oder die Arabische Liga, sie wollen keine Gespräche. Solange die Nato einseitig für die "Freiheitskämpfer" bombt fühlen sie sich als die Überlegenen. Wenn diese Leute erst an der Macht sind, dann armes Libyen.
cour-age 23.04.2011
4. man
Zitat von ratxiDurchaus denkbar, dass Gaddafis Truppen doch schon nachhaltig geschwächt sind und ihnen nichts anderes mehr übrig bleibt, als der Rückzug. Zu hoffen ist es...
kann annehmen, dass ihm die NUR bezahlten, aber NICHT STERBEN wollenden Söldner davonlaufen... ... und dass ihm langsam doch Sorgen macht, dass er da zuviele herausgefordert hat... es wird bald ein Ende geben :-)
raju1956 23.04.2011
5. eine Kriegserweiterung...
Zitat von sysopIn der Stadt Misurata finden seit Wochen heftige Kämpfe statt, nun wollen sich Gaddafis Truppen offenbar zurückziehen. Das behauptet zumindest Libyens stellvertretender Außenminister. Die Rebellen bezweifeln die Ansage jedoch. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,758768,00.html
Die Amerikaner wollen, wie nicht anders zu erwarten, die Kämpfe in Libyen noch anheizen. McCain ist wohl der Meinung, das mit mehr Waffen für die Rebellen mehr erreicht werden kann. Sicher, der Krieg wird dann noch umfangreicher und es wird noch mehr Tote geben - vor allem Zivilisten. Und die Rebellenverstecken sich ja gerne zwischen den Zivilisten, da sie ja keine Uniform tragen. Da wird dann auch aus Krankenhäusern geschossen, oder aus Schulen! Von den sogen.Rebellen!
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