SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. Juli 2011, 00:24 Uhr

Krieg in Libyen

Mehr als 1300 Bootsflüchtlinge erreichen Lampedusa

Italien erlebt einen Flüchtlingsansturm aus Libyen: Allein am Wochenende haben mehr als 1300 Menschen die Insel Lampedusa über das Mittelmeer erreicht. Im Kriegsgebiet eskalieren die Kämpfe zwischen Gaddafis Truppen und Rebellen nach einer flammenden Rede des Despoten.

Lampedusa - Unter ihnen sind viele Schwangere und Kinder: Mehr als 1300 Bootsflüchtlinge aus Libyen haben am Wochenende die kleine Insel Lampedusa südlich von Sizilien erreicht. Damit befanden sich am Sonntag rund 2050 Immigranten auf der selbst nur etwa 4000 Einwohner zählenden Insel, berichteten italienische Medien. Unter ihnen waren 176 Frauen und 514 Minderjährige.

Der neuerliche Flüchtlingsansturm am Wochenende erfolgte in zwei Schüben: Am frühen Sonntagmorgen erreichten rund 300 Bootsflüchtlinge die Insel. Die Küstenwache geleitete die Menschen sicher in den Hafen. Zuvor hatten die Beamten ein an Bord des Flüchtlingsbootes ausgebrochenes Feuer gelöscht. In der Nacht zum Samstag waren vier Boote mit insgesamt 1041 illegalen Einwanderern auf der Insel angekommen. Die Menschen seien aus Libyen geflohen, hieß es.

Die Flüchtlinge verbringen allerdings nur wenig Zeit auf der kleinen Insel: Der Großteil der Flüchtlinge sollte von Sonntagabend bis Montagmorgen mit einer Fähre nach Sizilien und auf das italienische Festland gebracht werden, um in anderen Flüchtlingslagern unterzukommen. Regierungschef Silvio Berlusconi sagte einen für Samstag geplanten Besuch kurzfristig ab, um die Hilfsmaßnahmen nicht durch seine Anwesenheit zu behindern.

Seit Beginn der Umwälzungen in Nordafrika sind 43.000 Menschen mit Booten an Italiens Küsten gestrandet. Vor allem aus dem umkämpften Libyen kommt in den letzten Wochen ein Großteil der Flüchtlinge.

Gaddafi droht mit Anschlägen in Europa

Bereits am Freitag hatte Libyens Machthaben Muammar al-Gaddafi seine Anhänger in einer flammenden Rede eindringlich zum Durchhalten aufgerufen - und der Nato Vergeltung angedroht. Hunderte seiner Landsleute könnten in Europa angreifen und zu Märtyrern werden, sagte er in einer vom Staatsfernsehen gesendeten Audio-Ansprache. "Auge um Auge, Zahn um Zahn. Aber wir werden ihnen noch eine Chance geben, zur Besinnung zu kommen."

Die Nato hatte diese Woche erklärt, die Gaddafi-Truppen seien durch die Luftschläge des Militärbündnisses in ihrem Operationsradius schon stark eingeschränkt. Zu einer großen Offensive seien sie nicht mehr fähig. Gaddafi erwiderte in seiner Rede, Tripolis sei die Stadt der Standhaftigkeit und des Sieges. "Sie denken, dass das libysche politische System mit Gaddafi endet, aber so ist es nicht, denn es ist die Herrschaft des Volkes", erklärte er.

In Tripolis hatten zuvor Tausende Anhänger Gaddafis am islamischen Mittagsgebet auf dem Grünen Platz teilgenommen. "Die Stunde des Dschihad ist gekommen", rief der Imam in seiner Predigt und forderte die Gläubigen auf, die Städte in Hand der Rebellen zu befreien. "Unser Land ist in den Händen der Kreuzfahrer unterstützt von Verrätern", sagte der Imam. Nach dem Gebet rief die Menge Slogans wie "Das Volk will Oberst Gaddafi".

Schwere Gefechte bei Misurata

Die Aufständischen sind bei ihrem Vormarsch auf die Hauptstadt Tripolis in der Nähe der Stadt Misurata unter schweren Beschuss der Regierungstruppen geraten. Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters berichteten am Samstag den fünften Tag in Folge von Artillerie- und Raketeneinschlägen. Nach Angaben der Aufständischen in Misrata stieg die Zahl der Toten auf sieben von sechs am Vortag. Mindestens 17 Menschen seien verletzt.

Noch am Donnerstag hatten die Rebellen Bodengewinne gemeldet und erklärt, sie seien inzwischen im Süden bis auf 50 Kilometer an die Hauptstadt Tripolis herangerückt. Auch die Nato bestätigte, dass die Rebellen im Westen die Initiative übernommen hätten. Zugleich warnte das Militärbündnis, dass die Regierungstruppen sich erneut bewaffneten und neu organisierten.

fdi/dpa/Reuters/dapd/AFP

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung