Krieg in Libyen Tödlicher Alltag in einer belagerten Stadt

Misurata steht unter Beschuss von Gaddafis Truppen: Viele Menschen sind verletzt, ein Kind wird von Granatsplittern durchbohrt und stirbt. Am Hafen prügeln sich Verzweifelte um die wenigen Plätze auf einem Schiff - die Einwohner der Rebellenstadt kämpfen ums Überleben.

Aus Misurata berichtet


Das größte Problem ist die mangelnde Disziplin der Mediziner. Nicht die Verletzungen durch Flakgeschosse, nicht die Tausenden Patienten der vergangenen Wochen, erzählt ein italienischer Chirurg um ein Uhr morgens, nach seiner Schicht. Rauchend, bei einem Glas Gin mit Orangensaft, sagt er leise, libysche Ärzte hätten die Regel noch nicht verinnerlicht, die für alle Kriege gelte: Man könne nicht jedem helfen.

"Aber es ist ja auch ihr erster Krieg", sagt er. Er sei schon in Ruanda gewesen und im Kongo, in Somalia, in Darfur, in Afghanistan, in Tschetschenien, Irak und Kambodscha. Dort müsse man sich als Arzt in aller Ruhe die Opfer anschauen und in drei Kategorien einteilen: Die ersten sterben sowieso, für die kann man nichts tun. Die zweiten werden überleben, auch wenn man nichts für sie tut. Und die dritten könnten überleben, wenn man ihnen sofort hilft. Nur ihnen gilt die Aufmerksamkeit.

Und er sage immer: "Save lives, not limbs". Rettet Leben, nicht Gliedmaßen. Aber hier, im Krankenhaus von Misurata, würden sie eben versuchen, allen zu helfen. Selbst den Todgeweihten.

Krankenhaus unter Beschuss

Vor dem Gebäude haben Helfer ein Zelt auf dem Parkplatz aufgebaut, es ist die Notfallstation. Davor sitzen Ärzte in der Sonne, der Klinikdirektor schläft noch in seinem Büro. Normalerweise kommen am Nachmittag und frühen Abend die meisten Opfer, doch heute kommen schon ab zehn Uhr morgens alle paar Minuten Krankenwagen. Gaddafis Truppen haben früher als sonst angefangen die Stadt zu bombardieren. Die Explosionen sind den ganzen Tag über zu hören, manchmal treiben Rauchwolken über die Stadt. Kurz danach hört man Nato-Flugzeuge.

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Alltag in Misurata: Rebellenstadt kämpft ums Überleben
Einer der verletzten Kämpfer steigt aus dem Krankenwagen, der von der Front kommt. Er humpelt zum Bett, den Weg muss ihm keiner mehr zeigen. Er zieht sich die Weste aus, legt sich mit Jeans und gelben F-22-Schuhen darauf und nickt dem Arzt zu. Der krempelt ihm das T-Shirt hoch. Der Kämpfer hat einen seitlichen Bauchschuss, er benimmt sich gelangweilt wie in einem Wartezimmer.

Zwei Minuten später hört man ein Krachen in der Nähe. Der Eingang des Krankenhauses ist beschossen worden. Die Ärzte schauen nur kurz auf, dann operieren sie weiter. Wahrscheinlich eine Panzerbüchse aus einiger Entfernung, sagt einer der Männer. Das Geschoss war so langsam, das nur der Putz am Haus dahinter abgeblättert ist und ein paar Mauerstücke herausgefallen sind. Das sei schon häufig passiert. Er zeigt auf ein Einschussloch in dem Zelt. Das sei hier ein Privatkrankenhaus, sagt er noch, der Besitzer verliere Millionen, ganz zu schweigen von der nötigen Renovierung. "Die Stadt ist schlimmer als Mogadischu", sagt einer der anwesenden Kriegsfotografen.

Wir sind besorgt, weil unser Fahrer Mohammed auch zwei Stunden später als verabredet nicht erscheint. Als er kommt, entschuldigt er sich. Er hätte noch ein Kind beerdigen müssen, heute morgen um elf Uhr. Die Splitter einer Mörsergranate haben den Jungen gestern getroffen. Wir kennen das Kind, es heißt Hussein, zwölf Jahre alt. Vor zwei Tagen wollte es noch im Garten mit uns "Erschießen" gespielt und hat gelacht, als wir uns an die Brust gefasst haben und theatralisch umgekippt sind. Mohammed möchte uns gern zu der Familie fahren, der Vater wolle mit uns sprechen.

Zu Hause bei Husseins Eltern

Auf dem Weg dahin kommen wir an den langen Schlangen der Menschen vorbei, die für Brot anstehen. Vor den Metzgereien daneben ist es leer, die Auslagen sind voll. Die Ladeninhaber würden noch verkaufen, erklärt uns Mohammed, aber nur gegen Bargeld und das wird bei denen, die nichts mehr verdienen, immer weniger. Ein Kilo Fleisch kostet mittlerweile 14 Dinar, etwa acht Euro, viel Geld in Libyen. Zehn Brote dagegen umgerechnet nur 20 Cent. Irgendwann wird das Fleisch vergammeln, meint er.

Am Haus des getöteten Kindes empfängt uns der Vater, 44 Jahre alt, früher Buchhalter, jetzt arbeitslos. Hussein war sein zweitältester Sohn. "Gestern ist mein Kind gestorben", sagt er, "wir werden gewinnen." Er meint den Krieg und lächelt dabei, doch seine Augen sind glasig. Dann bedankt er sich, dass wir gekommen sind, setzt sich hin und schweigt. Verwandte und Spielgefährten zeigen, wer wo gestanden hat als es zur Explosion kam. Die Granate ist gegen einen Baum geprallt, die Explosion hat einen Ast abgerissen, die Splitter sind über den ganzen Hof geprasselt.

Hussein stand mit dem Rücken zum Baum, er sprang hoch, als es knallte, die Splitter drangen durch seinen Körper und traten am Bauch wieder heraus. Die Splitter liegen zwischen den Blumen herum. Aus dem Haus riecht es nach Blut. Einer der Jungen findet ein Stück der zerfetzten Kleidung. Sie rätseln, was sie damit machen sollen. Wenn noch Fleischreste dran sind, müssten sie es nach muslimischem Brauch ebenfalls bestatten. Sie suchen weiter.

Mohammed hält zehn scharfkantige Brocken in seiner Hand, die Reste der Mörsergranate, die sie aus dem Hof gesammelt haben. Vielleicht, meint er, habe Gaddafi versucht, das Lager der Kämpfer nebenan zu beschießen.

Unter der Flagge des befreiten Libyen

Dort sind Sandhügel vor dem Eingang aufgestellt, am Eingang weht die Flagge des befreiten Libyen. Die Kämpfer haben Kalaschnikows, sie tragen Messer im Gürtel. Sie schauen freundlich, aber es will keiner mit Journalisten sprechen. Sie seien dazu nicht befugt, sagen sie. Das passiert häufig in der Stadt, meistens wird auf eine nicht anwesende wichtige Person verwiesen oder ein Komitee, das für die benötigten Informationen zuständig sei.

Schließlich erklärt uns doch einer der Kämpfer, wie man die Panzer Gaddafis aufhalte. Man müsse einfach mit einer Panzerbüchse auf die Ketten schießen, sagt er, am Besten vorn oder hinten, an der schwächsten Stelle, dafür braucht man aber Erfahrung.

Am meisten Sorgen machen ihm und den anderen Kämpfern die hundert Scharfschützen Gaddafis. Sie würden immer noch auf den Dächern des eroberten Teils der Stadt stehen. Ein Cousin von ihm wurde am Dienstagabend getroffen. Zwei Kilometer weit könnten sie schießen, sagt er, Gaddafi habe sie mit den besten Gewehren ausgestattet. "Was wir an Waffen haben, haben wir von Gaddafi erobert", sagt er.

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Seite 1
durchfluss 13.04.2011
1. Stümperei
Das war wirklich der Gipfel der Westerwellenschen Stümperei - sozusagen das Sahne Häubchen der Misswirtschaft. Möge er als glücklosester deutscher Aussenminister schon bald in den Geschichtsbüchern vergessen werden.
qvoice, 13.04.2011
2. ...
Zitat von durchflussDas war wirklich der Gipfel der Westerwellenschen Stümperei - sozusagen das Sahne Häubchen der Misswirtschaft. Möge er als glücklosester deutscher Aussenminister schon bald in den Geschichtsbüchern vergessen werden.
Westerwelle ist der einzige, der bei der Kriegsbegeisterung einen kühlen Kopf beweahrt hat. Mit seiner Enthaltung hat er sein z. T. glückloses Handeln davor mehr als wett gemacht.
Liberalitärer, 13.04.2011
3. Zwei Seiten
Auch dieser Artikel leidet am Lierhaus Syndrom - auf die Tränendrüse drücken. Und ja, in Kriegen können beabsichtigt oder beabsichtigt Menschen Schaden nehmen. Das unterscheidet sie von einem Charity Event oder einer Tombola - es soll sogar in Kriegen schon Tote gegeben haben. Sogar unbeteiligte Tote, die an der bleihaltigen Luft gestorben sind, soll es gegeben haben. Nur dummerweise haben Kriege (zumal Bürgerkriege) eines an sich, sie haben zwei Seiten.
snarkfission 13.04.2011
4. Seid nicht feige, Leute! Lasst mich hintern Baum!
Wie schon oft zuvor bemerkt "Der Krieg in Libyen ist ein Desaster, weil zum effektiven Schutz der Bevölkerung auch Bodentruppen notwendig wären, die aber niemand hin schicken will." http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=7498092&postcount=273 Mit Bombardierung und Luftkrieg alein wird nur die Zahl der Todesopfer erhöht.
autocritica, 13.04.2011
5. Tödlicher Alltag wegen Rebellenkämpfern
Zitat von sysopMisurata*steht*unter Beschuss von Gaddafis Truppen: Viele Menschen sind verletzt, ein Kind wird von Granatsplittern durchbohrt und stirbt.*Am Hafen prügeln sich Verzweifelte um die wenigen*Plätze auf einem Schiff - die Einwohner der Rebellenstadt kämpfen ums Überleben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,756850,00.html
Das deutet darauf hin, dass die Rebellen (wegen mir mit F-22-Schuhen, sind mir deswegen trotzdem nicht sympathisch) Zivilisten in Misurata als Schutzschilde missbrauchen. Vielleicht feiern deshalb auch diese Kinder in Misurata nach einer Niederlage der Rebellenkämpfer, weil ohne deren Anwesenheit dort auch das Leiden der Zivilbevölkerung aufhören würde: http://edition.cnn.com/2011/WORLD/africa/04/13/libya.war/index.html?hpt=T1
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