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Bürgerkrieg in Syrien: Geiselhaft in einem gescheiterten Staat

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Geiselbericht aus Syrien "Ich war im Land des Bösen"

Der italienische Journalist Domenico Quirico wurde fünf Monate lang von Rebellen in Geiselhaft misshandelt. Zurück in Italien beschreibt er einen gescheiterten Staat: In Syrien, sagt der Reporter, verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse.

In eindrücklichen Worten beschreibt Domenico Quirico die 152 Tage des Schreckens, die er gerade hinter sich hat. Der erfahrene italienische Kriegsreporter war im April in Syrien von Rebellen entführt worden, zusammen mit einem jungen belgischen Geschichtslehrer. Beide galten bis zum vergangenen Sonntag als verschwunden. "Ich habe das Land des Bösen erlebt", schreibt Quirico in einem bewegenden Bericht in der italienischen Zeitung "La Stampa". 

Die beiden waren von Rebellen entführt worden, kurz nachdem sie heimlich die Grenze zwischen dem Libanon und Syrien überquert hatten. Es folgte eine fünf Monate lange Odyssee quer durchs Land. Manchmal wurden sie direkt an Frontlinien festgehalten, sie überlebten, während Bomben und Schüsse einschlugen, vegetierten vor sich hin, den täglichen Erniedrigungen und Schikanen ihrer Kidnapper ausgesetzt.

"Vielleicht kommt ihr morgen frei, vielleicht bist du nächste Woche wieder in Italien", immer wieder machten die Kidnapper spöttische Versprechungen, schreibt Quirico. Ständig seien sie von den Rebellen gequält worden. Einmal wurde dem Journalisten das Gesicht an die Wand gepresst und eine Pistole an die Schläfe gehalten. "Du spürst einen Menschen neben dir atmen, fühlst seine Freude, das Leben eines anderen in seinen Händen zu halten, deine Angst zu spüren."

Ein einziges Mal nur sei er nicht wie ein Tier, sondern als Mensch behandelt worden, schreibt der Italiener. Das war ausgerechnet während der Woche, in der die zwei Europäer von Kämpfern der Nusra-Front bewacht wurden. "Sie sind radikale Krieger, islamistische Fanatiker", schreibt Quirico, "aber gegenüber ihren Feinden - denn wir, Christen, Westler, sind ihre Feinde - haben sie einen Sinn für Anstand und Respekt." Nach einer Woche wurden die zwei Gefangenen jedoch wieder ihren ursprünglichen Kidnappern übergeben.

Syrien entwickelt sich zum gescheiterten Staat

Das Syrien, das Domenico Quirico beschreibt, ist kein Land mehr, sondern ein gescheiterter Staat. "Wie Somalia", schreibt er. Im Zuge des grausamen Krieges verschwimmen die Grenzen zwischen "Gut" und "Böse", zwischen Rebell und Gangster. Es bleibt die Kluft zwischen denjenigen, die bewaffnet sind, und dem Großteil der Syrer, die ihnen hilflos ausgeliefert sind, den Zivilisten.

Das syrische Regime bezeichnet Quirico als "mafiaartig", auf Seiten der Rebellen sieht er

"ein neues, besorgniserregendes Phänomen für die Revolution: die Entstehung von Banden von Ganoven. Sie profitieren von einer islamistischen Fassade und dem Revolutionskontext, um sich ganze Landstriche unter den Nagel zu reißen, die Bevölkerung zu erpressen, Menschen zu entführen und sich die Taschen zu füllen".

Es ist die Geschichte wohl jedes andauernden Bürgerkriegs. Die formale Wirtschaft bricht zusammen, illegale Parallelstrukturen blühen auf - Schmuggelhandel, Plünderungen und Kidnappings. Schon vor dem Beginn des Aufstands 2011 war der Mafiastaat Syrien ein Schmuggler- und Ganovenparadies.

Auch regimetreue Kämpfer finanzieren sich quer durch Diebstähle. In einem alawitischen Stadtteil von Homs gibt es seit mehr als einem Jahr den "Sunni-Markt", so benannt, weil sich dort das Hab und Gut findet, das Assad-Anhänger aus den Häusern von Sunniten klauten.

"Unser Wert war nicht mehr als der einer Handelsware"

Für die Politiker im Westen ist diese Entwicklung besonders dramatisch. Sie haben sich lange hauptsächlich verbal auf die Seite der Opposition geschlagen. Washington schickte nun offenbar erstmals eine Waffenlieferung, man zögert mit der Unterstützung. Mit jedem Monat wird es schwieriger, eine Antwort zu finden auf die Frage: Wenn alles zu bröseln beginnt in Syrien, Staat, Recht, Ordnung und Anstand, worauf kann man sich da noch stützen?

Seit 2011 war Domenico Quirico mehrmals heimlich nach Syrien eingereist, jedes Mal ließ er sich von einer Gruppe Rebellen ins Land schmuggeln. Jedes Mal ging es gut, bis zum 6. April 2013. "Wir hatten sie für vertrauenswürdig gehalten", schreibt Quirico über die Miliz. Doch er vermutet, dass die Männer, die ihn bisher jedes Mal geschützt hatten, ihn dieses Mal "verkauften". Dutzende Journalisten, Hilfsarbeiter und andere Westler gelten derzeit in Syrien als vermisst.

"Unser Wert war nicht mehr als der einer Handelsware", schreibt Quirico. "Wie Mehlsäcke, Objekte, die nur einen Wert haben, solange sie verkauft werden können. Sie konnten uns brutal treten, aber nicht töten. Wenn sie uns zu sehr beschädigt hätten oder endgültig, hätten wir unseren Handelswert verloren - das schreckliche Gesetz der Geiselnahme." Ob und wie viel Lösegeld für die Freilassung der zwei Europäer gezahlt wurde, ist nicht bekannt.

Selbst Kinder und alte Männer hätten die zwei Gefangenen getriezt, schreibt Quirico. "Ein einziges Mal habe ich eine Geste des Mitgefühls erlebt in 152 Tagen", schreibt er. Ein Rebell zog sein Handy aus der Hosentasche und reichte es dem 61-jährigen Italiener, damit er wenigstens für ein paar Sekunden seine Frau anrufen konnte, um ihr zu sagen, dass er noch lebt.

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