Kriegsangst in Hongkong "Dieser Krieg ist völlig verrückt"

Die chinesische Regierung hat den Krieg gegen den Irak heftig verurteilt. Die Menschen auf den Straßen Honkongs interessieren sich dagegen wenig für die ersten Bomben. Mehr Angst macht ihnen die gefährliche Lungenkrankheit SARS.

Von , Hongkong


"Amerika hat das Feuer eröffnet", schreit die Schlagzeile der "Apple Daily" in großen gelben Schriftzeichen, die ein Mann in roter Jacke gut gelaunt am Ausgang der U-Bahnstation "Central" stapelt. Es ist 14 Uhr 30, die Journalisten und Drucker des beliebten Hongkonger Boulevardblattes haben nicht lange gebraucht, um ihre Gratis-Sonderausgabe auf die Straßen zu bringen.

Johnson Lau hat sich wie viele andere Passanten ein Exemplar gegriffen und studiert die Fotos und Grafiken des US-Angriffs auf den Irak. Nervös steckt er sich eine Zigarette an. "Dieser Krieg ist völlig verrückt", stößt er hervor.

Doch mehr als Unmut über den Krieg bringen die Hongkonger an diesem Tag nach den ersten Bombenangriffen nicht hervor. Niemand ruft zu einer spontanen Demonstration auf, niemand verteilt Flugblätter oder sammelt Unterschriften. Denn es ist alles gesagt und die Mauer des US-Konsulats ist bereits mit den Worten "Leben ist das Wertvollste" bemalt. Wie die Chinesen in der Volksrepublik halten die meisten Hongkonger den Irak-Krieg für ein gewagtes Abenteuer.

So strömen die Broker, Regierungsbeamte, Sekretärinnen und Verkäuferinnen nach außen hin ungerührt vom Geschehen im Nahen Osten in der Mittagspause durch den leichten Nieselregen auf Kantinen, Restaurants und Cafés zu. Zwei Philippinerinnen verkaufen gefälschte Burberry-Taschen an ihre Landsleute, die Hongkongern als Haushaltshilfen dienen. Ihre Arbeitgeber setzen fort, was sie immer tun: Das Geld und die Waren anderer umzuschaufeln und dabei selbst Unmengen an Geld zu verdienen.

Mehr als der Krieg beschäftigt die Hongkonger in diesen Stunden die gefährliche Lungenentzündung, an der inzwischen über 150 Menschen erkrankt sind und der Skandal um Finanzsekretär Anthony Leung, der es gewagt hat, sich ein neues Luxusgefährt zu kaufen, kurz bevor er die Steuern für den Erwerb von Automobilen drastisch erhöhte.

Doch in den Shopping-Malls schauen viele gebannt auf die TV-Bildschirme, über die erste Aufnahmen der Attacke flimmern. "Wenn nach dem Krieg die US-Nachfrage stabil bleibt und der Ölpreis fällt, könnte Hongkong vom Krieg profitieren", sagt Johnson Lau.

Wenn aber die Energiepreise steigen, meint er, werde die angeschlagene Hongkonger Wirtschaft weiter abwärts trudeln. Ohnehin sind in den letzten Wochen weniger Touristen in den "Duftenden Hafen", wie die Stadt auf chinesisch heißt, gekommen, und im Haushalt klafft ein Riesenloch.

Lau ist Direktor einer Speditionsfirma. Sein Arbeitsbereich ist bereits von den Kriegsvorbereitungen betroffen: Die Versicherungen verlangen höhere Prämien und um Terrorangriffe abzuwehren, verlangt der US-Zoll vollständige Güterlisten, bevor ein Frachter Richtung Amerika ablegt.



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