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US-Truppen: Pakistans Angst vor dem Einmarsch

Foto: TAUSEEF MUSTAFA/ AFP

Kriegsangst Pakistan warnt die USA vor Einmarsch

Planen die USA eine Operation gegen Terroristen in Pakistan? Hochrangige Militärs des Landes beobachten einen massiven Aufmarsch der Amerikaner - und machen im Gegenzug verbal mobil. Washington bekäme es mit einer "Atommacht" zu tun.

Hamburg/Islamabad - Alarmstimmung im pakistanischen Armeehauptquartier in Rawalpindi: "Wir nehmen zur Kenntnis, dass die USA ihre Truppen an der Grenze zu unserem Land in Afghanistan verstärken", sagte ein Militärsprecher SPIEGEL ONLINE am Mittwoch. Es werde schweres Geschütz aufgefahren, Kampfhubschrauber bezögen Stellung, Hunderte von amerikanischen und afghanischen Soldaten seien in der Region stationiert.

Nach Meinung von Beobachtern deutet vieles darauf hin, dass die USA einen Angriff auf das terroristische Haqqani-Netzwerk planen, das sich in der pakistanischen Krisenregion Waziristan versteckt. In den vergangenen Tagen hatte Washington bereits seine Drohnenangriffe in dieser Gegend verstärkt. In Miranshah, Verwaltungshauptstadt von Nord-Waziristan, sorgten Meldungen über die amerikanische Truppenverstärkung für Panik. Pakistanische Fernsehsender berichteten, Menschen würden sich auf eine Flucht vorbereiten.

Pakistans Armeechef Ashfaq Parvez Kayani erklärte vor Mitgliedern des Verteidigungsausschusses, er halte einen Einmarsch von US-Truppen zwar für "unwahrscheinlich". Sollten die USA einen solchen Schritt aber erwägen, sollten sie sich ihn "zehnmal überlegen", mahnte Kayani. Zwar sagte er nicht, wie Pakistan in einem solchen Fall reagieren würde, jedoch erinnerte er die USA daran, "dass Pakistan eine Atommacht ist und nicht mit Irak und Afghanistan verglichen werden kann".

Einem Parlamentarier zufolge, der an der Sitzung mit Kayani teilnahm, sind sich die Militärs einig, dass ein Angriff auf Pakistan das Scheitern der USA in Afghanistan vertuschen solle. "Bevor die US-Truppen Vietnam verließen, wissend, dass sie den Krieg verloren hatten, griffen sie auch Laos und Kambodscha an", sagte ein General SPIEGEL ONLINE. "Es wäre fatal, wenn sie jetzt, vor dem bevorstehenden Abzug aus Afghanistan, Pakistan angreifen würden."

Die USA haben das Haqqani-Netzwerk im Visier, das nach Erkenntnissen Washingtons für einen Großteil der Angriffe auf US-Soldaten in Afghanistan verantwortlich sein soll. Dessen Kämpfer werden angeblich in Pakistan ausgebildet und hätten auf pakistanischem Territorium einen "sicheren Hafen". Washington hat in den vergangenen Monaten mehrfach von Islamabad verlangt, militärisch gegen das Netzwerk vorzugehen.

Im September warf US-Generalstabschef Mike Mullen Pakistans Geheimdienst ISI sogar vor, das Haqqani-Netzwerk zu nutzen, um eigene Interessen in Afghanistan durchzusetzen. Mitte September war die US-Botschaft in Kabul angegriffen worden - vermutlich von Haqqani-Mitgliedern.

Pakistan geht nur zögerlich gegen die Haqqani-Truppe vor

Kayani sagte jetzt nach Angaben von Parlamentariern, er habe den USA deutlich gemacht, dass Pakistan selbst über den Zeitpunkt eines militärischen Vorgehens in Nord-Waziristan entscheiden werde. Druck aus den USA sei "nicht hilfreich". "Wir haben ihnen [den USA] gesagt, dass das Problem in Afghanistan liegt, nicht in Pakistan", zitierte ein Abgeordneter Kayani. "Wenn mich jemand überzeugen kann, dass es gut läuft, wenn wir in Nord-Waziristan einschreiten, werde ich sofort dafür sorgen, dass wir militärisch aktiv werden", sagte Kayani weiter. Pakistan habe "langfristige Interessen in Afghanistan". Diese dürften nicht geopfert werden zugunsten "kurzfristiger Interessen".

Inwieweit die Vorwürfe aus den USA stimmen, dass das Haqqani-Netzwerk heimlich von den pakistanischen Streitkräften unterstützt wird, lässt sich nicht überprüfen. Innerhalb der US-Regierung aber wächst die Ungeduld, dass Pakistan nichts gegen die Militanten auf pakistanischem Boden tut. Die Lage in Afghanistan ist instabil, der Druck auf US-Präsident Barack Obama wächst, wenigstens einen kleinen Erfolg in der Region vorzuweisen.

Manche seiner Berater drängen daher zu der militärischen Aktion - so, wie die USA schon mit ihrem Schlag gegen Osama Bin Laden im pakistanischen Abbottabad im Mai dieses Jahres erfolgreich waren. Gleichwohl dürften viele in Washington vor einem militärischen Vorgehen ohne Einverständnis der pakistanischen Regierung zurückschrecken - längst hat sich Pakistan mit China und Saudi-Arabien starke Verbündete gesucht.

Die pakistanische Regierung geht tatsächlich nur zögerlich gegen die Mitglieder der Haqqani-Truppe vor, weil sie befürchtet, dass die sich im Falle eines Krieges in Nord-Waziristan mit Terroranschlägen im ganzen Land rächen würden. Bislang hält sich Haqqani mit Gewalt auf pakistanischem Boden zurück. "Die USA sollten auch einmal versuchen, unsere Position zu verstehen", sagte ein pakistanischer General SPIEGEL ONLINE. "Welches Interesse hat Pakistan daran, weiteren Terror im eigenen Land anzufachen?"

Aus afghanischen Regierungskreisen hieß es dagegen, die US-Truppenverstärkung entlang der Grenze sei mit Pakistan abgesprochen. "Kämpfer des Haqqani-Netzwerks sollen auf dem Weg von Pakistan nach Afghanistan abgefangen und getötet werden", erläuterte ein afghanischer Beamter aus dem Verteidigungsministerium den Plan.

In der ostafghanischen Provinz Khost würden amerikanische und afghanische Soldaten Häuser durchsuchen, in mehreren Orten bestehe derzeit eine Ausgangssperre. Afghanistans Verteidigungsminister Abdul Rahim Wardak hatte am Dienstag bestätigt, dass Nato und afghanische Streitkräfte eine neue Offensive gegen das Haqqani-Netzwerk gestartet hätten. Das pakistanische Armeehauptquartier in Rawalpindi wollte diese Version nicht bestätigen.

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