Kriegsopfer "Fragen Sie nicht weiter"

Seit zwölf Tagen bombardiert die israelische Luftwaffe den Südlibanon und trifft überwiegend Zivilisten. Unter ihnen viele Kinder. Auf der Intensivstation des Krankhauses von Sidon werden ihre Verletzungen versorgt, ihre seelischen Wunden wird niemand heilen können.

Aus Sidon berichtet


Sidon - Dass Wissam noch am Leben ist, hat er nur seiner Angst zu verdanken. Sie war so groß, dass er von der Ladefläche sprang, als der Pick-Up eine Panne hatte und stehen blieb. Sekunden später schoss ein israelischer Kampfhubschrauber eine Rakete auf den Wagen, auf dem er mit seinen Eltern und Geschwistern flüchten wollte.

Wissam wurde getroffen, das Schrapnell bohrte sich tief in seinen rechten Oberschenkel, zerriss Arterien und Muskeln. Der Helikopterpilot flog einen Kreis. Nach dem zweiten Beschuss waren 23 der 27 Menschen auf dem Wagen tot. "Seine Familie auch, fragen sie nicht weiter", sagt der behandelnde Arzt auf Englisch. Der 15-Jährige weiß es noch nicht.

Mehr als 1500 Menschen wurden bei den Angriffen Israels bereits verletzt. Hier im Hamoud-Krankenhaus in der libanesischen Hafenstadt Sidon werden viele von ihnen behandelt, hier bekommen sie einen Namen, eine Geschichte, ein Gesicht.

Sidon ist die drittgrößte Stadt des Libanon und, nachdem im Stadtzentrum des südlicher gelegenen Tyrus Tag für Tag Bomben detonieren, die erste halbwegs sichere Station auf dem Fluchtweg nach Norden. 31.000 Flüchtlinge hat Sidon seit dem Beginn der Krise aufgenommen, ein Flüchtling kommt auf drei Einheimische.

Viele von ihnen haben von Wissams Flucht gehört: Von den Familien auf dem Pritschenlaster, die sich aus dem Dorf Marhouahine ganz im Süden aufgemacht hatte, um in einem in einem nahen Unifil-Camp Zuflucht zu suchen. Die von den Soldaten abgewiesen wurden und sich also schutzlos und allein auf den Weg nach Beirut machen mussten. Die erst von einem Kriegsschiff aus beschossen wurden und schließlich von dem Helikopter.

In einem hat Wissam Glück gehabt: Das Hammoud-Krankenhaus ist das drittgrößte des Landes und gilt als eines der besten im Libanon. So konnten die Ärzte sein Bein retten, auch wenn es 24 Stunden dauerte, den verletzten Jungen aus dem unter Beschuss liegenden Süden herauszuholen. Nur Wissams Zehen am rechten Bein sind noch blauschwarz, die Blutversorgung war zu lange unterbrochen. "Da wird er ein bisschen was davontragen", sagt Mohammed Wehbe, der Chirurg.

"Dann hat er geschossen"

Anderen Patienten in den neun Betten der Intensivstation geht es schlechter: Der Verband an Kudur Gazals rechten Armstupf suppt durch. Viele Operationen und zwei, drei Monate im Krankenhaus werden nötig sein, um den Verletzungen beizukommen, die dem Familienvater am Vortag zugefügt wurden, sagt Wehbe. Mit einem klar gekennzeichneten Krankenwagen sei er bei Bourj Rahal in der Nähe von Tyrus unterwegs gewesen, als ein israelischer Hubschrauber die Ambulanz getroffen habe, sagt Gazal. "Der Pilot hat uns eine Weile beobachtet und gesehen, dass wir drei Verletzte geborgen haben. Dann hat er geschossen."

Gazals Verhängnis mag ausgerechnet die klare Kennzeichnung seines Krankenwagens gewesen sein: Er gehörte der schiitischen Amal-Miliz, was das Misstrauen des Piloten geweckt haben könnte, dass es sich bei den Männern um Hisbollah-Kämpfer handelte. Das ist die Krux an diesem Kampf, in dem eine Seite keine Uniform trägt, sich aus der Bevölkerung rekrutiert und deshalb mit ihr verschmilzt: Die Zivilbevölkerung könnte auch der Feind sein und wird deshalb von Israel angegriffen.

116 Opfer der Kämpfe wurden bislang im Hammoud-Krankenhaus behandelt, sechs Tote gezählt. Für eine Privatklinik mit 1000 Angestellten und 320 Betten ist das zu verkraften, trotzdem macht sich der Chefarzt und Besitzer Ghassan Hammoud Sorgen: "Ich habe unheimlich viel Angst vor den kommenden zwei bis drei Tagen", sagt der 70-Jährige in geschliffenem Deutsch: Hammoud hat in Bonn studiert, ist mit einer Deutschen verheiratet und lebt zeitweise im Ruhrgebiet. Mit seinem deutschen Pass könnte er längst ausgereist sein und daheim in Essen wunderbare Geschichten erzählen. Darüber, wie Kanzler Adenauer ihn als Studenten höchstpersönlich in seinem Dienst-Mercedes nach Hause fuhr, wenn es mal wieder regnete und der junge Mann mit dem schwarzen Haarschopf auf den Bus wartete.

Stattdessen sitzt Hammoud in einer von Flüchtlingen überrannten Stadt und erzählt davon, dass er mit dem Vorrücken der israelischen Bodentruppen eine Vielzahl neuer Patienten befürchtet: "Jetzt geht es los im Süden". Parallel werde die Versorgungslage schlechter, die Klinik habe maximal noch Medikamente für eine Woche. "Wir versuchen über die syrische Grenze von anderen arabischen Ländern das Nötigste zu bekommen, aber es ist schwierig." Von der Regierung habe er bislang nichts gehört und keine Hilfe bekommen. Man muss sich das klar machen: 12 Tage nach dem Beginn einer nicht enden wollenden Serie von Luftangriffen hat Sozialministerin Nayla Moawad die drittgrößten Klinik des Landes nicht einmal anrufen lassen, um sich ein Bild von Lage und Bedarf zu machen.

"… sonst sind wir alle tot"

"Die Regierung hatte einfach keinen Notfallplan in der Schublade", sagt Hammoud. Angesichts dessen ist er, der seine Klinik vom extra eingeflogenen deutschen TÜV hat prüfen lassen, resigniert. "Wir haben den Stillstand erreicht, es ist für dieses Land zu spät", sagt er. "Darüber werden wir später reden müssen." So lange die Krise andauere sei eine politische Auseinandersetzung unmöglich, "sonst sind wir alle tot". Die Bevölkerung trage die Katastrophe, während die Hisbollah nicht zu sehen sei.

Dass die Hisbollah unsichtbar ist, weil sie von der Bevölkerung - aus Angst oder Loyalität – gedeckt wird, zeigt sich in diesem Tage immer wieder. In den Schulen von Sidon, in der die Flüchtlinge aus den Hisbollah-Gebieten hausen, will niemand die Miliz oder ihre Stellungen gesehen haben. Als ein Mann sagt, vor dem Beschuss seines Dorfes durch Israelis sei aus den umliegenden Tälern gefeuert worden, bedeuten im die Umstehenden durch Handzeichen, ruhig zu sein. Am Freitag hatte der Chefarzt des Krankenhauses von Nabatijet Journalisten nicht auf die Stationen gelassen sondern sie auf eine ausführliche Führung durch die Keller des Krankenhauses mitgenommen. Immer wieder beteuerte er nervös, keine Hisbollah-Kämpfer gesehen oder behandelt zu haben – ein Dutzend eindeutig nicht zum Krankenhaus gehörige Männer standen dabei um ihn herum und hörten aufmerksam zu. Auch im Krankenhaus von Sidon sollen keine Kämpfer eingeliefert worden sein. "Wir Ärzte fragen uns auch, wo sie ihre Verletzten versorgen", sagt Chefarzt Hammoud. Irgendwo müsse es Lazarette geben. "Die Hisbollah ist sehr gut organisiert."

Auf der Intensivstation sagt Wissam zum Abschied dann doch zwei englische Worte: "Thank you." Seiner Schwägerin stehen Tränen in den Augen. An dem Ständer für Infusionsbeutel neben seinem Bett hängt eine übergroße Comicfigur und erzählt davon, dass der Junge mit der dicken Brille und dem Oberlippenflaum eigentlich noch ein Kind ist. Ein Kind, dem die Ärzte bald sagen werden, dass es seine Familie verloren hat.

Korrektur: Aufgrund eines Übermittlungsfehlers hieß es im Text zunächst, das von unserer Korrespondentin besuchte Krankenhaus befände sich in Tyrus. Tatsächlich steht das Krankenhaus in der Stadt Sidon. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.



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