Kriegspropaganda "Eingespannt wie 2000 Strandesel"


Am Fernsehschirm live dabei: Flugabwehrfeuer in Bagdad 1991
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Am Fernsehschirm live dabei: Flugabwehrfeuer in Bagdad 1991

Nicht nur wurde ein Teil der Wirklichkeit ausgespart, sondern auch erfunden. Die PR-Agentur Hill & Knowlton lancierte einen Film mit der 15-jährigen Najirah al-Sabah, der Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Das Mädchen gab unter Tränen vor, sie habe gesehen, wie irakische Soldaten neugeborene Babys aus ihren Brutkästen gerissen und auf dem kalten Boden hätten sterben lassen. Hill & Knowlton sorgte dafür, dass dieser Film von 700 Fernsehstationen gezeigt wurde. Allein am 10. Oktober sahen ihn 53 Millionen Amerikaner.

Augenzeugen widerlegten nach dem Krieg die frei erfundene Geschichte. "Wir wussten damals nicht, dass es nicht wahr war", rechtfertigte sich später US-General Brent Scowcroft, heute Politlobbyist. "Aber ich glaube, das war am Ende auch nicht so wichtig." Die Baby-Story war immerhin so wichtig, dass Präsident George Bush sie in fünf Reden erwähnte, wie auch sieben Senatoren zur Rechtfertigung einer Pro-Kriegs-Resolution.

Beschämt stellte die britische Journalisten Maggie O'Kane nach dem Krieg im "Guardian" fest: "Wir haben einen lausigen Job gemacht: mit dem Krieg, der Wahrheit und dem Blut. Wir, die Medien, wurden wie 2000 Strandesel eingespannt und durch den Sand geleitet, um zu sehen, was das britische und amerikanische Militär uns sehen lassen wollte in diesem schönen sauberen Krieg."

Abhängig von den Militärs: General Colin Powell erklärt Journalisten im Golfkrieg die Lage
DPA

Abhängig von den Militärs: General Colin Powell erklärt Journalisten im Golfkrieg die Lage

Nur durch den Wagemut einiger weniger Journalisten kamen Bruchstücke der Wahrheit ans Licht der Öffentlichkeit. So zum Beispiel die 314 Menschen, die zwei US-Bomben in einem Bagdader Bunker zerschmorten. Oder der Angriff gegen die bereits abziehenden irakischen Truppen auf die Straße nach Basra, wo Tausende Soldaten umkamen, obwohl sie längst auf der Flucht waren und keine Gegenwehr leisteten.

Friedensforscher wie der Norweger Johan Galtung kritisieren daher seit langem, dass Reporter wie Fallschirmspringer in einen Krieg springen und die Region wieder verlassen, sobald die heiße Phase vorbei ist. Kaum einer blieb nach dem Golfkrieg im Irak, um nach dem Abzug der US-Militärs das wahre Ausmaß der Kriegsfolgen zu beschreiben.

Nur manchmal kommt die Wahrheit ans Licht: US-Bomber schossen im Golfkrieg auf die abziehenden Iraker.
AP

Nur manchmal kommt die Wahrheit ans Licht: US-Bomber schossen im Golfkrieg auf die abziehenden Iraker.

Dass Militärs niemals so sauber operieren können wie ein Chirurg im OP, zeigte auch der Kosovo-Krieg. Trotz angeblicher Präzisionswaffen trafen die Bomben der Nato auch Zivilisten. Fehleinschläge wie die auf die chinesische Botschaft in Belgrad nannte der Westen lapidar "Kollateralschäden".

Solche sprachliche Verharmlosung gehört zum Standardarsenal der Militärpropagandisten und soll den Krieg vor den Wählern daheim rechtfertigen. "Wir führen keinen Krieg", sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder am ersten Tag der Nato-Luftangriffe.

Und auch jetzt in Afghanistan scheuen sich Politiker und Militärs, das unschöne Wort in den Mund zu nehmen. Sie reden lieber von Gegenschlägen und Vergeltung, obwohl sie wahrscheinlich noch nie der Unterstützung in der Bevölkerung so sicher sein konnten wie nach den Terroranschlägen gegen die USA. Und obwohl es für Journalisten noch nie so schwierig war, der Wirklichkeit auf den Grund zu gehen. Anders als vor zehn Jahren in Bagdad gibt es diesmal kein Hotel El Raschid, von dessen Dach die Reporter dem Krieg zuschauen können.

So kann niemand überprüfen, ob in Afghanistan wirklich schon seit längerem Soldaten der britischen Spezialeinheit SAS operieren, wie eines der vielen lancierten Gerüchte lautet. Oder ob die Behauptungen stimmen, die Taliban-Opposition der Nordallianz erhalte von Russen und anderen große Mengen moderner Waffen. Selbst die Taliban und Osama Bin Laden benutzen die westlichen Medien für ihre Propaganda-Botschaften.

Für das "Kriegshandwerk" gilt unverändert, was schon Bismarck vor über hundert Jahren feststellte: "Es wird nie so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd."

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