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09. April 2003, 18:45 Uhr

Kriegsreporter

"Fast ein bisschen Harakiri"

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Die Medienwelt trägt Trauer. Schon elf Journalisten haben im Irak-Krieg ihr Leben gelassen. Doch war es das wert: elf Leben für eine unabhängige Berichterstattung? Medienexperten halten die Arbeit der Kriegsreporter für unverzichtbar, Zweifel bleiben aber am Konzept der "Embedded Journalists".

Journalisten trauern vor dem Hotel Palestine in Bagdad um ihre getöteten Kollegen
AP/ Kyodo News

Journalisten trauern vor dem Hotel Palestine in Bagdad um ihre getöteten Kollegen

Berlin – Es war eine Entscheidung gegen das Risiko. Der "Focus"-Reporter Christian Liebig hatte beschlossen, die US-Soldaten nicht beim Vorstoß nach Bagdad zu begleiten - aus Sicherheitsgründen. Der "Embedded Journalist" blieb im Camp. Eine tödliche Entscheidung: Er kam dort mit einem spanischen Kollegen am Montagmittag bei einem irakischen Bombenangriff ums Leben. Schon am folgenden Tag fielen drei weitere Journalisten dem Krieg zum Opfer.

"Der internationale Journalismus zahlt im Moment einen unglaublichen Blutzoll“, sagt Hendrik Zörner, Sprecher des Deutschen Journalistenverbandes (DJV). Um nicht auf Informationen und Material der Kriegsparteien angewiesen zu sein, müsse man eigene Leute vor Ort haben. Dennoch "liegt es in der Verantwortung eines jeden einzelnen Journalisten, welches Risiko er auf sich nimmt“, so Zörner.

Siegfried Weischenberg, Publizistikprofessor an der Universität Hamburg, sagt: "Wir wünschen uns alle eine kompetente und möglichst unabhängige Berichterstattung." Der Einsatz von Korrespondenten in Bagdad ist aus seiner Sicht "durchaus zu rechtfertigen“. Kollegen, die in der Hauptstadt recherchiert haben, hätten eindrucksvolle Bilder geliefert. "Den Krieg vorzuführen als einen schrecklichen Krieg, halte ich für eine ganz wichtige journalistische Aufgabe“, so Weischenberg.

Was jedoch die rund 600 "Embedded Correspondents“ angeht, die mit alliierten Verbänden unterwegs sind, sieht die Entscheidung für den Medienexperten anders aus: "Der Preis ist zu hoch, da begibt man sich unnötig in Gefahr.“ Diese Form der Berichterstattung führe zu problematischen Bildern vom Krieg und habe eher den "Charakter einer Live-Sportübertragung“. DJV-Mann Zörner schimpft gar: "Das System des Embedded Journalism ist an sich verwerflich.“ Es handele sich dabei um ein Instrument der Public Relations, "das ist mit den Grundsätzen eines freien, objektiven und distanzierten Journalismus nicht zu vereinbaren“, sagt er.

Trotz der Kriegswirren liefern Journalisten seriöse Berichterstattung aus dem Irak. "Einige, die in Bagdad ausharren, haben meinen hohen Respekt“, erklärt Weischenberg. RTL-Korrespondentin Antonia Rados und ZDF-Reporter Ulrich Tilgner, die "mit Augenmaß und unaufgeregt versucht haben, das nach Deutschland rüberzubringen, was die Leute hier wissen sollen“, seien für ihn Kandidaten für den Preis der Pressefreiheit, sagt Weischenberg. Der Preis ist mit 7500 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre vom Deutschen Journalistenverband vergeben. Die Arbeit der Journalisten im Irak ist aus Weischenbergs Sicht "sehr mutig“, bei manchen allerdings "fast ein bisschen Harakiri“.

"Keine Geschichte ist ein Leben wert“, sagt dagegen Beatrix Gerstberger. Sie hat erlebt, wie schnell aus der Arbeit in Krisengebieten tödlicher Ernst werden kann. Am 13. Juni 1999 verlor die damals 35-Jährige ihren Lebensgefährten Gabriel Grüner. Der "Stern"-Journalist wurde zusammen mit dem Fotografen Volker Krämer und dem Dolmetscher Senol Alit im Kosovo erschossen. Beatrix Gerstberger war damals im sechsten Monat schwanger. "Das Grundmotiv, die Suche nach der Wahrheit, finde ich richtig und gut, aber in diesem Krieg kommt es mir so vor, als wäre das kaum möglich“, sagt die Journalistin. Über ihre eigene Geschichte und ähnliche Schicksale von Frauen hat sie ein Buch geschrieben. "Keine Zeit zum Abschiednehmen“, heißt es. Bittere Ironie: Das erste Exemplar ihres Buches hielt sie am 20. März in den Händen. Am selben Tag fielen im Irak die ersten Bomben.

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