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28. April 2008, 12:32 Uhr

Kriegsschrott in Laos

Gartenzäune aus Fliegerbomben

Aus Pho Viang berichtet Jürgen Kremb

Auf kein Land der Erde fielen mehr Bomben als auf Laos zur Zeit des Indochina-Krieges. Unzählige Blindgänger aus amerikanischen Splitterbomben, verborgene Minen und Sprengsätze behindern noch immer den zaghaft einsetzenden Wirtschaftsboom. Doch einige Menschen leben vom tödlichen Kriegsschrott.

Phonsavan - Ob es schwer ist, eine 5000-Kilo-Bombe zu entschärfen? "Was für eine dumme Frage", lacht Bhoon Me, 50, aus dem Dorf Pho Viang, auf der legendären Ebene der Tonkrüge gelegen. "Ich habe es schon als Kind gelernt." Man braucht nur eine Harke, eine ruhige Hand und ziemlich viel Mut. Als Teenager zog der drahtige Mann nur "zwei, dreimal zum Lernen" mit älteren Nachbarn in den nahen Wald.

Denn dort, in den Phukut Dschungelbergen, gut 300 Straßenkilometer von der Hauptstadt Vientiane entfernt, lag Ende der sechziger Jahre das Epizentrum des geheimen Kriegs der USA in Indochina. Bei Flächenbombardements mit B-52-Bombern gingen mit 2,5 Tonnen pro Kopf auf die Bevölkerung von Laos mehr Sprengsätze nieder, als auf jedes andere Land der Erde. Eine verlässliche Zahl über die Todesopfer gibt es bis heute nicht. Doch allein im 50-Kilometerradius um die berühmten archäologischen Fundstätten herum sollen mehr als 50.000 Menschen gestorben sein.

Was damals ein Fluch für die Bevölkerung war, garantierte in den vergangenen Jahren, so makaber das klingen mag, zumindest ein bescheidenes Grundeinkommen. "Der Wald da draußen", sagt Bhoon und zeigt auf die schroffe Hügelkette hinter seiner Hütte, "ist noch immer gepflastert mit Bombentrichtern, Blindgängern und Metallschrott."

Ein Dollar für fünf Kilogramm Bombenschrott

Nachdem Bhoon nach dem Ende des Indochina-Krieges bei den älteren Dorfbewohnern das Entschärfen von Bomben gelernt hatte, lebte er Jahre von dem gefährlichen Handwerk. Das so gewonnene Altmetall verkauft er an durchreisende Händler, die aus Vietnam oder China in das noch immer bitterarme Laos kommen. Sie zahlen knapp einen Dollar für fünf Kilogramm Bombenschrott.

Das meiste Geld verdienen Männer wie Bhoon mit den gut zwei Meter großen Halbschalen der amerikanischen "Clusterbombs", den gefürchteten Splitter- oder Streubomben. Millionen von diesen Ungetümen warfen die US-Flieger über der Provinz Xieng Khang im Zentrum des Landes ab. Dass aus dem Bauch jeder dieser todbringenden Monster bis zu 900 sogenannte "Bombies" regneten, macht die Arbeit der Metallsammler auch heute noch besonders gefährlich.

Denn gut ein Drittel der faustgroßen Sprengkörper, die der Form von Ananasfrüchten oder Mangos nachempfunden wurden, sind nie detoniert und haben sich bis zu einen halben Meter tief in Felder und Waldböden gebohrt. Wenn sie von Bauern, Kindern oder Metallsammlern berührt werden, können sich auch heute noch einen todbringenden Regen von mehreren Hundert nur reiskorngroßen Splittern entladen.

"Wenn etwas schief geht, komme ich ins Paradies"

Aber über diese Gefahr spricht man hier ungern. Bhoon hat Frau und vier Kinder. "Wenn etwas schief geht, komme ich direkt ins Paradies", sagt er und lacht. Einige seiner Freunde und Nachbarn haben bei der Arbeit ihr Leben verloren oder wurden schwer verstümmelt.

Was Bhoon jedoch mehr Sorgen bereitet, ist die zunehmende Konkurrenz junger Schrottsammler und die damit einhergehende Verknappung des eigenartigen Rohstoffs Bombenschrott. "Seit die Metallpreise so hoch sind", sagt der Mann, "muss man jetzt immer weiter ziehen, um noch gute Stücke zu finden."

Von seinem ersparten Geld hat der wagemutige Mann sich deshalb eine kleine Reifenwerkstatt aufgebaut. Der Kompressor, mit dem er die Pneus aufpumpt, ist aus einer 750-Pfund-Bombe gefertigt. Wie viele seiner Nachbarn legt sich Bhoon den Metallschrott zudem als eine Art Sparkonto vor sein Haus. Sein Gartenzaun besteht aus den Hüllen der Splitterbomben. Ein entschärfter Blindgänger dient als Sitzgelegenheit. "Wenn meine Töchter heiraten", sagt er, "werde ich das Stück um Stück verkaufen, um ihre Aussteuer zu finanzieren."

Die Bomben bringen wenigen ein paar Almosen, vielen anderen Tod und Leid

Doch die wenigsten Bewohner der Ebene der Tonkrüge können dem noch überall herumliegenden Bombenschrott etwas Positives abgewinnen. "Was sind die paar Almosen, die wenige von den Bomben verdienen, im Vergleich zu dem Leid, das wir dadurch erfahren haben", sagt Vane Yen, 43.

Die zierliche Frau, deren Gesicht von tiefen Sorgenfalten durchzogen ist, wohnt im Städtchen Muang Khoun, unweit des berühmten Tempels Wat Phia aus dem 16. Jahrhundert. Wegen eines amerikanischen Bombenangriffs auf ein vietnamesisches Kommando, das sich 1969 in der heiligen Stätte versteckt hatte, ist von der einst historisch bedeutenden Anlage nur noch eine gut zehn Meter große Buddha-Statue übriggeblieben. Vane lebt vom Reisanbau und ist zudem halbtags bei der Gemeindeverwaltung als Gesundheitsberaterin angestellt.

Die Eltern von Vane verloren im Indochina-Krieg ihr Leben, ihr Mann ist durch die Spätfolgen einer Mine seit Jahren schwer behindert. Aber vor gut fünf Jahren brachte ein nicht detonierter Bombenblindgänger die größte Tragödie in ihr Dorf. Es war im Winter 2002, da schleppte ein Metallsammler einen noch nicht entschärften Sprengkörper auf den Acker nahe der Dorfschule. Der offenbar selbst kriegsgeschädigte Mann wollte sein Fundstück dort an einen Schrotthändler verkaufen.

"Warum hilft uns Amerika nicht?"

Doch gerade als die Kinder das Schulgebäude verließen, flog die Bombe in die Luft. Dem Sohn von Vane zerschlug ein Splitter die Schädeldecke. Wie sechs weitere Mitschüler war er sofort tot. Ihre älteste Tochter ist durch den Unfall noch heute schwer behindert. "Jedes Mal wenn ich auf den Acker gehe oder Nachbarn ein neues Haus bauen, habe ich Angst, dass so etwas wieder passiert", sagt sie und kämpft mit den Tränen. "Warum hilft uns Amerika nicht, all diese Sprengkörper zu entfernen?"

Sousath Phetrasy, 50, weiß dass dies eine Illusion bleiben wird. "Die USA zahlen bis heute noch keinen Cent für die Opfer des Entlaubungsmittels Agent Orange in Vietnam", sagt der dickliche Mann, "warum sollen sie dann Laos helfen?" Den Krieg gegen das kleine Land im Zentrum von Südostasien, wo heute auf einer Fläche so groß wie Vietnam nur sechs Millionen Menschen leben, gab es offiziell nämlich gar nicht. Die Kämpfe wurden über Jahre in Regie des CIA und ohne Wissen des US-Parlaments geführt.

Sousaths Eltern kämpften bis zum Kriegsende 1975 für die Pathet Lao, den kommunistischen Widerstand. In den achtziger Jahren hat er in der DDR studiert. Als er 1987 nach Phonsavan zurückkam, lag seine Heimatstadt noch immer in Trümmern.

Sousaths Traum, ein Hotel aufzubauen und Touristen über die einzigartige archäologische Fundstätte der Ebene der Tonkrüge zu führen, scheiterte im ersten Anlauf daran, dass die Gegend mit Blindgängern und Bombenresten übersät war. Also begann er selbst mit den Aufräumungsarbeiten. Sein einziger Helfer war damals sein 15-jähriger Sohn. Fünf Jahre arbeiteten sie ohne fremde Hilfe.

Kriegsgeschichte als Touristenattraktion

Mittlerweile erhalten die Bewohner der abgelegenen Region jedoch auch von MAG, einer britischen Hilfsorganisation, die sich auf das Entschärfen von Minen spezialisiert hat, fachmännische Unterstützung. Wie gigantisch das Problem noch immer ist, zeigt die Statistik. Bei einer ihrer letzten Ausgrabungen, die sie im Auftrag der Unesco unternahm, fand die Hilfsorganisation Anfang Januar auf einer nur 20.000 Quadratmeter großen Fläche 1177 "Bombies". Diese wurden anschließend hinter Sandsäcken mit Hilfe von C-4 Plastiksprengstoff kontrolliert gesprengt.

"Es wird wohl noch eine ganze Generation brauchen, bis die Spuren des Indochina-Krieges endgültig getilgt sind", sagt Sousath. Im Windschatten des Booms der Nachbarländer Vietnam und China, wächst seit kurzem auch im noch immer kommunistisch regierten Laos die Wirtschaft mit satten sieben Prozent. Vor allem der Tourismus ist der kräftigste Motor des vielversprechenden Aufschwungs. Das mittlerweile eröffnete Hotel von Sousath ist deshalb meistens ausgebucht.

Die Hauptattraktion allerdings, die Besucher wieder in das noch immer sehr rückständige Land zieht, sind und bleiben die Spuren der Vergangenheit. Seine Hotellobby hat Sousath deshalb mit Bombenattrappen und Zeitungsartikeln über den geheimen Krieg in Laos verziert. "Die Besucher wollen wissen, was damals wirklich in unserem Land passierte", sagt er. "So schnell lassen uns der Krieg und seine Rückstände nicht los."

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