Kriegsverbrechen Chirac soll Serben-General Mladic geschützt haben

Lange hat Paris bei den ethnischen Säuberungen im Bosnienkrieg weggeschaut. Erst unter Jacques Chirac änderte sich das. Doch jetzt ist ein Dokument aufgetaucht, das einen ungeheuerlichen Verdacht nährt: Frankreichs Präsident soll dem serbisch-bosnischen General Radko Mladic Schutz vor Strafverfolgung versprochen haben.


Der als Kriegsverbrecher gesuchte Ratko Mladic: Hatte er einen geheimen Deal mit Chirac?
AP

Der als Kriegsverbrecher gesuchte Ratko Mladic: Hatte er einen geheimen Deal mit Chirac?

Hamburg - Wie der "Daily Telegraph" berichtet, soll Chirac im Gegenzug von serbischer Seite die Übergabe von zwei französischen Kampfpiloten zugesagt worden sein. Die beiden Piloten befanden sich Mitte der neunziger Jahre nach dem Abschuss ihrer "Mirage" bei Sarajewo 14 Tage in serbischer Gefangenschaft.

Der Preis für die Sicherheit der französischen Soldaten war, schreibt die britische Zeitung "Daily Telegraph", dass Mladic, einer der Haupttäter des Massakers von Srebrenica, nicht an das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgeliefert wird.

Die Zeitung zitierte aus der Abschrift eines Telefongesprächs zwischen dem ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Zoran Lilic und dem Chef der jugoslawischen Streitkräfte in Belgrad. In diesem Telefonat soll Lilic im Dezember 1995 erklärt haben, dass Mladic nach Ende des Krieges keine Auslieferung befürchten muss - selbst wenn er angeklagt werden sollte. Dafür habe Mladic sowohl Garantien von Chirac als auch von Slobodan Milosevic erhalten, heißt es in der Mitschrift.

Unter Mladics Befehl hatten im Juli 1995 bosnisch-serbische Truppen die damalige Uno-Schutzzone Srebrenica eingenommen und mindestens 7000 muslimische Männer jeden Alters ermordet. Die Massenerschießungen gelten als schlimmstes Kriegsverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges.

Bis heute auf freiem Fuß: Mladic und Karadzic

Noch immer flüchtig: Mladic (links) und Karadzic
DPA

Noch immer flüchtig: Mladic (links) und Karadzic

Mladic und der Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, wurden wegen des Massakers vom Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen angeklagt. Seit dem Friedensabkommen von Dayton konnten sie jedoch bis heute untertauchen.

Tribunal-Vertreter hatte es mehrfach als Schande bezeichnet, dass Nato-Einheiten Mladic und Karadzic auch acht Jahre nach dem Massaker noch nicht festgenommen haben und sie nicht für ihre Taten zur Verantwortung gezogen wurden.

Lilic trat diese Woche als Zeuge in dem Verfahren gegen Milosevic in Den Haag auf. Er bestätigte, dass die Abschrift des Telefonats korrekt war. Allerdings wich er Details aus und lehnte laut "Daily Telegraph" eine Antwort auf die Frage ab, zu welchem Zeitpunkt dieser Deal vereinbart wurde.

Das Dokument wurde den Anklägern in Den Haag von einem nicht genannten Geheimdienst ausgehändigt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammt das Abhörprotokoll jedoch von den Briten oder Amerikanern, schreibt der "Daily Telegraph".

Chiracs Sprecherin Catherine Colonna wies die Behauptung inzwischen als unwahr zurück: Es habe keinen Deal zur Freilassung der beiden Piloten gegeben. Vielmehr habe Frankreich eine unnachgiebige Haltung gegenüber Milosevic und seine Verbündeten vertreten.

Auch Diplomaten äußerten ihre Befürchtung, dass Chirac mit dem schier unglaublichen Vorwürfen unrecht getan werden könnte. Schließlich habe er nach der nachgiebigen Haltung seines Vorgängers Francois Mitterand eine Kehrtwende vollzogen und eine Schlüsselrolle zur Beendigung der ethnischen Säuberungen eingenommen.

Srebrenica schutzlos serbischen Truppen ausgeliefert

Chirac hatte sich auch mehrfach gegen Vorwürfe zur Wehr setzen müssen, dass er Luftangriffe gegen Mladics Truppen verhindert haben soll, als diese auf Srebrenica vorrückten und eine niederländische Einheit einfach überrannten.

So wurde etwa in einer holländischen TV-Dokumentation behauptet, dass Mladic bei seinem Angriff auf die Uno-Schutzzone mit Frankreich ein "Gentleman's Agreement" getroffen habe.

Trauernde Frauen am Massengrab in Srebrenica
EPA/DPA

Trauernde Frauen am Massengrab in Srebrenica

Mit 400 Uno-Soldaten in serbischer Gefangenschaft sollen sich die Führer der bosnischen Serben vor Nato-Luftangriffen sicher gefühlt haben. Mit der Erpressung sei erzwungen worden, dass Srebrenica schutzlos ausliefern wurde. Diese Vorwürfe erhoben auch mehrere Verantwortliche der Vereinten Nationen.

Unterdessen haben am Freitag etwa 20.000 bosnische Muslime in Srebrenica an der Beisetzung von 282 Opfern des Massakers beigewohnt. An der Trauerfeier nahmen die Führer der muslimisch-kroatischen Föderation, Vertreter der bosnischen Serbenrepublik sowie internationaler Organisationen teil.



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