Kriegsverbrechen Folter-Vorwurf gegen Israel

Amnesty International wirft der israelischen Armee schwere Kriegsverbrechen vor. Nach einem Bericht der Menschenrechtsorganisation haben israelische Soldaten unter anderem gefoltert und Gefangene misshandelt.


Vorwurf der Menschenrechtsverletzung: Flüchtlingsfamilie in Dschenin
AFP

Vorwurf der Menschenrechtsverletzung: Flüchtlingsfamilie in Dschenin

London – Amnesty sieht "klare Beweise" dafür, dass Israel bei der Militäroffensive im vergangenen Frühjahr "schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen" begangen hat. Die Armee soll im Westjordanland gefoltert und getötet, Gefangene misshandelt und Häuser mutwillig zerstört haben, in denen sich zum Teil noch die Bewohner befanden. Der Bericht nennt den Fall einer achtköpfigen Familie, die ums Leben kam als ihr Haus eingerissen wurde.

Der am Montag veröffentlichte Amnesty-Bericht beschuldigt Israel, in Nablus und Dschenin hätten die Soldaten Krankenwagen blockiert und auf der Suche nach Extremisten Palästinenser als menschliche Schutzschilde benutzt. Festgenommene seien nach ihrer Freilassung gezwungen worden, durch Gefechtzonen zu gehen.

"Bislang haben es die israelischen Behörden versäumt, die Täter schwerer Menschenrechtsverletzungen zur Verantwortung zu ziehen", heißt es in dem Amnesty-Papier, das vom palästinensischen Kabinettssekretär Ahmed Abdul Rahman begrüßt wurde. Er forderte den Uno-Sicherheitsrat zu Sanktionen gegen die israelische Regierung auf. Die Vereinten Nationen hatten nach eigenen Untersuchungen im Flüchtlingslager von Dschenin jedoch keine Beweise für ein Massaker gefunden, wie es die palästinensische Seite behauptet hatte. Die Uno und weitere Menschenrechtsgruppen hatten Israel hingegen schon früher vorgeworfen, gegen Menschenrechte verstoßen zu haben.

Amnesty International erklärte, man habe den israelischen Behörden die Beweise für Kriegsverbrechen bereits vorgelegt, jedoch bisher keine Antwort darauf erhalten. Die israelische Armee kündigte an, sie werde Stellung nehmen, wenn der vollständige Amnesty-Bericht vorliege. Sie habe jedoch von ihrem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch gemacht, da es im März verstärkt zu Anschlägen auf israelische Zivilisten gekommen sei.

Das israelische Militär hatte am 29. März eine Großoffensive im Westjordanland gestartet, nachdem zuvor bei einem Selbstmordanschlag 29 Israelis getötet worden waren. Bei den anschließenden Kämpfen wurden allein in Dschenin 52 Palästinenser und 23 israelische Soldaten getötet. Unter rund 80 Todesopfern in Dschenin sollen laut Amnesty mindestens 16 Frauen und Kinder gewesen sein.



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