Kriegsverbrechen in Sri Lanka Kopfschuss, Gelächter, Genickschuss

Es ist an Grausamkeit kaum zu überbieten: Ein Video zeigt die Liquidierung nackter Gefangener durch Uniformierte in Sri Lanka. Angeblich hat es ein Soldat der Regierungsarmee mit seiner Handykamera aufgenommen - ein Beweis dafür, wie mit Tamilen verfahren wurde?

SPIEGEL TV

Von Rüdiger Falksohn


Hamburg - Im Mai war endlich alles vorbei, die 26 Jahre andauernden Kampfhandlungen, der Krieg der Befreiungstiger vom Tamil Eelam (LTTE) für einen eigenen Staat auf Sri Lanka. Monatelang hatte die Regierungsarmee die Aufständischen in die Enge getrieben, Pardon wurde nicht gegeben, beide Seiten gingen mit äußerster Erbitterung und Brutalität zu Werke. Hunderttausende tamilische Zivilisten waren auf der Flucht, die LTTE hielt viele von ihnen als menschliche Schutzschilde, in "Schutzzonen", die angeblich von der Armee nicht behelligt wurden.

Angeblich - denn die Gerüchte hielten sich, dass Colombos Soldaten während ihres Siegeszuges auf Kriegskonventionen und Menschenrechte wenig Rücksicht nahmen, genauso wenig wie die in die Enge getriebenen Tiger. Die Eliminierung der LTTE-Führung schließlich war der entscheidende Schlag, die letzten Tiger wurden aufgerieben.

All dies geschah unter Ausschluss der Öffentlichkeit; bis heute sind für unabhängige Journalisten die ehemaligen Kampfzonen im Norden praktisch tabu. Drei Monate nach Kriegsende ist nun ein Video aufgetaucht, angeblich aufgenommen von einem Regierungssoldaten per Handykamera, das beweisen könnte, wie die Armee vorging. Das Original zeigt Hinrichtungen von neun Gefangenen auf einem vom Regen durchweichten, schlammigen Feldweg; die vom privaten britischen Fernsehsender "Channel 4" gesendete kommentierte Version erspart dem Zuschauer einige der schlimmsten Details.

Die Aufnahmen entstanden offenbar im Januar. Zu sehen sind gefesselte, nackte Männer mit Augenbinden, die auf den Weg geworfen werden, dort in gebückter Haltung sitzen, ohne Regung, ohne Gegenwehr, und per Genickschuss oder Kopfschuss umstandslos von einem Mann in Armeeuniform mit einem Gewehr erschossen werden. Ihre Körper zucken nur kurz, dann sacken sie weg in den Schlamm, werden achtlos liegengelassen, Stimmen sind zu hören, die beiläufige, zynische Kommentare auf Singhalesisch abgeben, in der Sprache der Sieger: "Ich glaube, er schaute zurück", oder: "Das ist wie Zwergenschießen."

Regierung hält Informationen zurück und Zeugen fern

Die Wahrheitsfindung auf Sri Lanka war schon immer schwierig, so auch in diesem Fall. Armeesprecher Udaya Nanayakkara erklärte im SPIEGEL-ONLINE-Interview, die zuerst auf Sri Lanka veröffentlichten Aufnahmen seien "arrangiert" und "Propaganda-Material der LTTE". Nanayakkara beschuldigt die in Berlin gegründete Organisation "Journalists for Democracy", die aus tamilischen und singhalesischen Journalisten besteht und das Video als erste verbreitete, sie wolle so die Regierung und Armee "in Misskredit ziehen". Eine Verifikation durch unabhängige Experten hat offenbar noch nicht stattgefunden.

Und so beweisen die Aufnahmen gar nichts - oder alles, je nach Standpunkt. Die Identität des filmenden Soldaten wird geheimgehalten, die Journalisten für Demokratie berufen sich auf Quellenschutz und geben keine Auskunft darüber, wie sie in den Besitz der Sequenz gekommen sind. Colombos strikte Informationspolitik allerdings lässt stark vermuten, dass es stichhaltigen Grund gegeben hat und weiterhin gibt, neutrale Zeugen von den Kampf- und Elendszonen fernzuhalten.

Die Regierung habe immer wieder notorisch gelogen, sagt beispielsweise Yolanda Foster, Sri-Lanka-Expertin von Amnesty International. Zwar könne die Authentizität dieses speziellen Videos nicht verifiziert werden, doch lägen ihrer Gruppe genügend Berichte über Kriegsverbrechen von Überlebenden vor, welche die Aufnahmen plausibel erscheinen lassen.

Die Uno schätzt, dass in 26 Jahren Bürgerkrieg mindestens 80.000 Menschen ums Leben gekommen sind. Hunderttausende befinden sich noch in Flüchtlingslagern, unter zum Teil unwürdigen humanitären Bedingungen, bedroht von Krankheiten. Die jüngsten Kommunalwahlen in den befreiten Gebieten des Nordens fanden - wenig verwunderlich - unter Ausschluss der internationalen Öffentlichkeit statt, in der größten Stadt Jaffna siegte die Regierungspartei, andernorts gewann jedoch eine mit den Tigern sympathisierende Tamilenpartei deutlich.

Armee stockt Soldaten auf

Das reine Gewissen in Sachen Kriegs- und Menschenrechte, wie es Armeesprecher Nanayakkara vertritt, wird konterkariert durch einen Exodus kritischer Journalisten, die sich unter Druck fühlen und um ihr Leben fürchten. An die 50 einheimische Journalisten haben Sri Lanka in den vergangenen Monaten verlassen; ein prominenter Regierungskritiker und Chefredakteur wurde bei einem Anschlag getötet.

So bleiben die Zustände insbesondere im Norden Sri Lankas weiter im Unklaren, die Regierung sorgt dafür, aber ihre Politik lässt Schlüsse zu: Dass beispielsweise immer noch so viele Tamilen in Lagern festgehalten werden, deuten Beobachter dahingehend, dass die Armee im Umfeld der menschenleeren Dörfern der ehemaligen Kriegsgebiete erst einmal genügend Stützpunkte einrichten will, um eine Rückkehr und Infiltration der letzten versprengten Tiger zu unterbinden. Dass die Zahl der Soldaten erheblich aufgestockt werden soll, obwohl nun Frieden herrscht, bestreitet selbst Colombo nicht.



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