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28. Juni 2012, 13:54 Uhr

Kriegsverbrechertribunal

Richter sprechen Karadzic in einem Punkt frei

Die Anklage gegen Radovan Karadzic umfasste elf Punkte - nun hat das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag den früheren Serbenführer Radovan Karadzic vom Vorwurf des Völkermords in bosnischen Gemeinden freigesprochen.

Den Haag - Der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic ist in einem Punkt vom Vorwurf des Völkermords freigesprochen worden. Das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ließ am Donnerstag den Anklagepunkt des Völkermords in bosnischen Gemeinden fallen. Der einstige serbische Spitzenpolitiker Vojjslav Seselj erhielt hingegen zwei Jahre Haft wegen Missachtung des Gerichts.

In Bezug auf Karadzic stellte das Gericht klar, dass die Anklage nicht genug Beweise vorgelegt habe, dass es sich bei der Vertreibung und Tötung von muslimischen Bosniern und Kroaten Anfang der neunziger Jahre um Völkermord gehandelt habe - auch wenn dort schlimmste Verbrechen unter dem politischen Kommando Karadzics verübt worden seien.

Karadzic werden in dem Prozess aber zahlreiche weitere Verbrechen angelastet. Er bleibt für das Massaker an muslimischen Jungen und Männern in Srebrenica wegen Völkermords sowie in neun weiteren Punkten wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt.

Im Sommer 1995 hatten bosnisch-serbische Truppen die von Muslimen bewohnte Uno-Schutzzone Srebrenica erobert. Ein kleines Kontingent niederländischer Blauhelm-Soldaten überließ den Angreifern die Enklave kampflos. Wenige Tage später wurden rund 8000 überwiegend männliche Muslime von den Serben abgeführt, erschossen und in Massengräbern verscharrt, wie spätere Untersuchungen ergaben.

Der ehemalige Serbenführer Karadzic muss sich seit Oktober 2009 vor dem Haager Tribunal verantworten. Er war im Juli 2008 in Belgrad gefasst worden, nachdem er sich 13 Jahre lang versteckt gehalten hatte. Vor zwei Wochen forderte Karadzic in Den Haag seinen Freispruch in allen elf Anklagepunkten.

Der ehemalige serbische Spitzenpolitiker und Nationalist Seselj wurde vom Tribunal verurteilt, weil er vertrauliche Gerichtsunterlagen im Internet veröffentlich hatte und sich weigerte, diese Angaben zu löschen. Es ist bereits das dritte Mal, dass Seselj wegen Missachtung des Gerichtes verurteilt worden ist. Allerdings beeindruckte ihn das wenig. Als ihn der Richter aufforderte, für die Urteilsverlesung aufzustehen, antwortete Seselj: "Ich soll für Sie aufstehen? Sie sind doch wohl nicht normal! Ich bin der Führer der (faschistischen) serbischen Cetniks!" Gegen den 57-Jährigen wird der Prozess wegen Kriegsverbrechen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina von 1991 bis 1994 geführt.

fdi/AFP/dapd

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