Kriegsverbrechen Schweden lässt bosnisch-serbische Ex-Präsidentin Plavsic frei

Sie hatte "ethnische Säuberungen" als legitim bezeichnet und die muslimische Bevölkerung als "genetisch deformiert" - nun ist die verurteilte Kriegsverbrecherin Biljana Plavsic wieder frei. Die schwedische Regierung erließ der früheren bosnisch-serbischen Präsidentin den Rest ihrer Haftstrafe.

Biljana Plavsic: Per Sonderflug zurück nach Belgrad
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Biljana Plavsic: Per Sonderflug zurück nach Belgrad


Belgrad - Nach acht Jahren Haft wegen Kriegsverbrechen ist die frühere Präsidentin der bosnischen Serben, Biljana Plavsic, wieder frei. Nach der Verbüßung von zwei Dritteln ihrer elfjährigen Haftstrafe wurde die 79-Jährige am Dienstag vorzeitig aus einem schwedischen Gefängnis entlassen. Mit einem Sonderflug der Regierung der bosnischen Serbenrepublik traf sie in Belgrad ein, wo sie in Zukunft leben will.

Plavsic war 2003 vom Den Haager Tribunal für das frühere Jugoslawien als eine der Verantwortlichen für die Ermordung mehrerer tausend Bosnier und für Massenvertreibungen im Balkan-Krieg verurteilt worden. Schwedens Regierung erließ ihr "wegen guter Führung" und der landesüblichen Praxis das letzte Drittel der Strafe.

Plavsic, die sich im Krieg als besonders extreme Nationalistin einen umstrittenen Namen gemacht hatte, verließ den Belgrader Flughafen unbemerkt von der Öffentlichkeit über einen Seitenausgang. Sie will in ihrem Haus in Belgrad wohnen, weil sie die serbische Staatsangehörigkeit besitzt. Die Polizei des Landes hatte angekündigt, ihr Personenschutz bereitzustellen.

Die Biologieprofessorin hatte im Bürgerkrieg (1992-1995) als Stellvertreterin des ebenfalls vom Uno-Tribunal in Den Haag angeklagten bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic besonders nationalistische und rassistische Positionen vertreten. "Ethnische Säuberungen" seien zur Schaffung eines Groß-Serbiens legitim, die muslimische Bevölkerung sei "genetisch deformiertes Material". Sie ließ sich mit den berüchtigtsten serbischen Paramilitärs in inniger Umarmung ablichten.

Plavsic hatte sich im Januar 2001 freiwillig dem Haager Tribunal gestellt und sich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig bekannt, in dessen Verlauf 100.000 Menschen getötet wurden.

Die ersten Reaktionen der Belgrader Bevölkerung auf die Freilassung waren äußerst negativ. Sie stecke "mit beiden Armen tief im Blut" und solle in Bosnien "die Flüchtlinge und Invaliden besuchen, die für sie nur Kollateralschaden sind", hieß es in Leserbriefen an regionale Zeitungen. Es sei "ein Skandal, dass jemand, der für Völkermord und den Tod und das Leid Tausender verantwortlich ist, nach so kurzer Zeit aus dem Gefängnis entlassen wird".

Der Völkermord-Prozess gegen Karadzic ist am Dienstag mit der Eröffnung der Anklage fortgesetzt worden. Karadzic boykottierte den Prozess wie schon bei der Eröffnung am Vortag. Der 64-Jährige gilt ebenso wie Plavsic und der weiter flüchtige Ex-General Ratko Mladic unter anderem als verantwortlich für das Massaker in Srebrenica, bei dem im Sommer 1995 bis zu 8000 muslimische Männer und Jungen von serbischen Truppen ermordet wurden.

ler/dpa



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