Kriegsverbrecher in Haft Bosnische Muslime bejubeln Karadzics Festnahme

Freudenfeiern in Sarajevo: Die Festnahme des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Radovan Karadzic lässt seine Gegner jubeln - und seine Anhänger toben. Die Polizei musste mit einem Großaufgebot das Gerichtsgebäude in Belgrad sichern, in dem sich der einstige Serbenführer befindet.

Belgrad - Jahrelang war er auf der Flucht, nun ist der wegen Kriegsverbrechen gesuchte frühere Präsident der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, gefasst. Die Festnahme sei am Montagabend erfolgt und "eine Aktion der serbischen Sicherheitsdienste" gewesen, erklärte das Büro des serbischen Präsidenten Boris Tadic.

Serbien steht seit Jahren unter erheblichem internationalem Druck, mutmaßliche Kriegsverbrecher an das Tribunal auszuliefern. Karadzic ist wegen Völkermords und anderer Verbrechen angeklagt. So wird er unter anderem gemeinsam mit dem damaligen Befehlshaber der bosnisch-serbischen Streitkräfte, Ratko Mladic, für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht, bei dem 8000 Muslime ermordet wurden. Karadzic war seit zehn Jahren untergetaucht.

Nach der Festnahme versammelten sich in der Nacht Dutzende seiner Anhänger vor dem Gerichtsgebäude in Belgrad, in dem der Festgenommene dem Untersuchungsrichter vorgeführt wurde. Schwerbewaffnete Einheiten der serbischen Polizei zogen in der Nacht zum Dienstag vor dem Gebäude auf. Die Einsatzkräfte bildeten einen dreifachen Sicherheitsring um das Gebäude. Auch die US-Botschaft, die bereits im Februar im Kosovo-Konflikt zur Zielscheibe serbischer Ultranationalisten geworden war, wurde von der Polizei geschützt.

"Karadzic, du Held"

Mehrere Anhänger Karadzics vor dem Gebäude wurden festgenommen, nachdem sie auf Reporter losgegangen waren. Karadzic wird von vielen Serben immer noch als Patriot verehrt. "Karadzic, du Held", riefen seine Anhänger, und "Tadic, du Verräter".

Mit Autokorsos und Hupkonzerten feierten hingegen bosnische Muslime in der Nacht zum Dienstag in Sarajevo die Festnahme Karadzics. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der bosnischen Hauptstadt. Viele Bewohner zogen jubelnd, singend und tanzend auf die Straßen.

Kriegsverbrechen im einstigen Jugoslawien

Der Chefankläger des Haager Tribunals, Serge Brammertz, gratulierte den serbischen Behörden zu der Festnahme. "Das ist ein wichtiger Tag für die Opfer, die seit über einem Jahrzehnt auf diese Festnahme gewartet haben", sagte er. "Es ist auch ein wichtiger Tag für die internationale Justiz, da dies klar vor Augen führt, dass niemand außerhalb des Gesetzes steht und dass alle Flüchtigen früher oder später der Justiz überstellt werden." Sollte Karadzic nach Den Haag ausgeliefert werden, wäre er der 44. Serbe, der dem Tribunal überstellt wird. Prominentester Verdächtiger war bislang der frühere serbische Präsident Slobodan Milosevic, der 2000 gestürzt wurde und 2006 in Untersuchungshaft in Den Haag starb.

"Der Osama Bin Laden Europas"

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon würdigte die Festnahme als "historischen Augenblick". Die Opfer des Bosnien-Krieges hätten 13 Jahre lang auf Gerechtigkeit gewartet. Die US-Regierung feierte die Verhaftung als Tribut an die Opfer der Kriegsgreuel. Ein bedeutender Verbrecher sei "von der Bühne entfernt" worden, sagte der frühere US-Balkanbeauftragte Richard Holbrooke. Karadzic sei der "Osama Bin Laden Europas".

Dagegen haben die oppositionellen serbischen Nationalisten die Ergreifung von Karadzic kritisiert. "Damit verschwinden die Menschen, die ein Symbol des Patriotismus sind", sagte der Generalsekretär der Radikalen (SRS), Aleksandar Vucic, am Dienstagmorgen in Belgrad. Die neue proeuropäische Regierung habe mit der Verhaftung der EU einen Dienst erwiesen, nachdem die Regierungsparteien in der Vergangenheit von Brüssel unterstützt worden waren.

Nach der Festnahme von Karadzic fahndet das Uno-Tribunal nun noch nach zwei mutmaßlichen Kriegsverbrechern: Karadzics frühere rechte Hand Mladic und dem früheren Serbenführer in Kroatien, Goran Hadzic. Dem Bosnien-Krieg von 1992 bis 1995 fielen rund 250.000 Menschen zum Opfer, etwa 1,8 Millionen wurden in die Flucht getrieben.

ffr/AP/AFP/dpa

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