Kriegsverbrecher-Tribunal Die Massaker und der Volkstribun

Abgemagerte Menschen, gefesselte Leichen: Mit schockierendem Material hat die Anklage vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic konfrontiert.


Flüchtlinge im Kosovo: Befehligte Milosevic die Vertreibung von Tausenden Albanern?
AP

Flüchtlinge im Kosovo: Befehligte Milosevic die Vertreibung von Tausenden Albanern?

Den Haag - Filmausschnitte mit langen Flüchtlingskolonnen, ausgemergelten Häftlingsgestalten, brennenden Dörfern und Bilder von gefesselten Leichen ergänzten am Mittwoch die juristischen Erläuterungen der Ankläger.

Der stellvertretende Chefankläger Geoffrey Nice verwies auf die Ereignisse aus dem Juli 1995, als in Srebrenica bis zu 7500 Männer und Jungen in Massenexekutionen systematisch ermordet worden seien. Die genau geplante Zerstörung von Häusern, Geschäften und Moscheen in den muslimisch dominierten Regionen habe sicherstellen sollen, dass die Opfer niemals zurückkehrten, sagte Nice. Milosevic habe die Serben von ihren jugoslawischen Nachbarn trennen wollen, um seinen Machtbereich auf dem Balkan weiter auszudehnen.

Der Angeklagte habe versucht, seine Anhänger davon zu überzeugen, dass die Geschehnisse unabwendbar seien, sagte Nice. Die Gefangenen in den Lagern Trnopolje, Omarska und Keraterm im Osten Bosniens seien ausgehungert, geschlagen und sexuell misshandelt worden, erklärten die Vertreter der Anklage. Ihre Leichen seien in Massengräbern verscharrt worden.

Die Aufnahmen hatten zu Beginn der 90er-Jahre einen internationalen Aufschrei ausgelöst und schließlich 1993 zur Gründung des Uno-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien geführt.

"Auf vielfache Weise wird er untrennbar mit den Ereignissen verbunden, die ihm zur Last gelegt werden", sagte Nice über den Angeklagten. Massaker in Srebrenica (Bosnien) und Racak (Kosovo) sowie die drei Jahre lange Belagerung von Sarajevo mit den gezielten Angriffen auf Zivilisten waren nach seinen Worten keine unvermeidbaren Ereignisse. "Es waren keine Aktionen Gottes, sondern menschliche Aktionen, genauer gesagt: Aktionen dieses Angeklagten", rief Nice. Bei den Konflikten in Kroatien, Bosnien und im Kosovo habe Milosevic alles daran gesetzt, seine Landsleute zu Komplizen zu machen. Die Anklage sehe in ihm aber die kontrollierende Kraft im Zentrum aller Verbrechen.

Auftraggeber Milosevic

Angeklagter Milosevic in Den Haag: Kontrollierende Kraft im Zentrum aller Verbrechen
AFP

Angeklagter Milosevic in Den Haag: Kontrollierende Kraft im Zentrum aller Verbrechen

Das Geschehen im ersten Halbjahr 1999, das in der Kosovo-Anklage gegen Milosevic zusammengefasst ist, steht nach Darstellung des kanadischen Anklägers Dirk Reyneveld vor allem unter der Überschrift "Vertreibungen". Serbische Streitkräfte unterschiedlicher Art - reguläre Truppen, Polizei und Milizen - hätten in Milosevics Auftrag mehr als 800.000 ethnische Albaner aus dem Kosovo verjagt. Wie schon in früheren Konflikten hätten die serbischen Kämpfer Gebiete mit vorwiegend albanischer Besiedlung systematisch angegriffen, Dörfer in Brand gesteckt, Menschen erschossen, misshandelt und all ihrer Habe beraubt. Den Flüchtlingen seien gezielt alle Ausweisdokumente weggenommen worden. "Nichts sollte mehr davon zeugen, dass sie Bürgerrechte im Kosovo hatten", schilderte er.

Nach Ansicht der Anklage hat Milosevic zuvor internationale Verhandlungen so weit auf die Spitze getrieben, dass die Nato mit Luftangriffen geantwortet habe. Dadurch habe er die Flucht von vielen ethnischen Albanern aus dem Kosovo auf die Angriffe zurückführen können. "Die weitaus meisten flohen aber wegen der Angriffe der Serben, nicht wegen der Nato-Bombardierung", sagte Reyneveld.

Milosevic hörte den ausführlichen Darlegungen der Anklagebehörde aufmerksam zu. Wie am Vortag machte er wieder häufig Notizen. Ursprünglich sollte er bereits am Mittwoch Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten. Wegen Schwierigkeiten durch die Einführung von Albanisch als vierter Sprache für die Übersetzung des Prozessgeschehens hätten die Vertreter der Anklage ihre Ausführungen langsamer machen müssen als vorgesehen, sagte eine Sprecherin von Chefanklägerin Carla Del Ponte am Mittag zur Erklärung. Reyneveld sprach auch nach der Mittagspause weiter zur Kosovo-Anklage.

Milosevic wird nun voraussichtlich an diesem Donnerstag vor dem Tribunal zu den Anklagen Stellung nehmen. Eine halbe Stunde vor der angekündigten Vertagung des Gerichts bezeichnete er es am Mittwoch als unlogisch, dass er sofort beginnen und dann abbrechen müsse.

Richter Richard May hatte ihm zuvor das Wort erteilt, nachdem Dirk Reyneveld als Vertreter der Anklage seine Ausführungen zu den Vorgängen im Kosovo Anfang 1999 beendet hatte.



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