Kriegsverbrecher-Tribunal "Die Schreie des Babys waren noch Stunden zu hören"

Eigentlich sollte vor dem Kriegsverbrechertribunal heute Jugoslawiens Ex-Präsident Slobodan Milosevic zu Wort kommen. Doch Chefanklägerin Carla Del Ponte ist mit ihren Ausführungen noch nicht fertig.


Auch ehemalige Mitarbeiter stehen auf der Zeugenliste im Prozess gegen Jugoslawiens Ex-Präsident Milosevic
AP

Auch ehemalige Mitarbeiter stehen auf der Zeugenliste im Prozess gegen Jugoslawiens Ex-Präsident Milosevic

Den Haag - Am Morgen wurde der Prozess gegen Milosevic mit zusätzlichen Erläuterungen der Anklagen aus den Konflikten in Bosnien und im Kosovo fortgesetzt. Am Dienstag hatte Del Ponte den heute 60-Jährigen für Morde, Folter, Verfolgung und Vertreibung von Hunderttausenden von Menschen verantwortlich gemacht, die in den neunziger Jahren so genannten ethnischen Säuberungen im früheren Jugoslawien zum Opfer gefallen sind. Das Verfahren gegen Milosevic soll etwa zwei Jahre dauern.

"Hier steht kein Staat und keine Organisation vor Gericht", bekräftigte Del Ponte bei der Begründung von drei Anklagen zu Verbrechen im Kosovo, in Kroatien und in Bosnien. "Der Angeklagte steht hier, um Rechenschaft abzulegen für seine eigenen Taten und für seinen Anteil an den Verbrechen, die ihm zur Last gelegt werden", sagte sie. Die Anklägerin betonte damit die persönliche Verantwortlichkeit des einstmals mächtigsten Politikers auf dem Balkan.

Gier nach persönlicher Macht sei das alles bestimmende Motiv gewesen, das Milosevic bewegt habe, betonte Del Ponte. Die Verbrechen, um die es in den Anklagen geht, waren nach Ansicht der Anklage "von einer fast mittelalterlichen Wildheit und einer kalkulierten Grausamkeit, die alle Grenzen legitimer Kriegsführung weit überschreitet".

Video: Milosevic zu Prozessbeginn in "sehr guter Verfassung"

Ein Beispiel dafür gab Del Pontes Assistent Geoffrey Nice mit der Schilderung eines Massakers in Bosnien. Dabei sollen Serben unter anderem 45 Angehörige einer Großfamilie ermordet haben. Die Opfer waren in einem in Brand gesteckten Haus bei lebendigem Leibe verbrannt. Unter ihnen war auch eine Frau, die unmittelbar zuvor auf der Flucht ein Kind zur Welt gebracht hatte. "Die Schreie des Babys waren noch Stunden zu hören", berichtete Nice.

Als Präsident von Serbien und später von Jugoslawien müsse Milosevic von vielen Verbrechen gewusst haben. Er sei auch aus dem Ausland auf Grausamkeiten aufmerksam gemacht worden, die Serben begangen hätten. "Warum hat er nichts getan, um sie zu beenden?", fragte der Staatsanwalt. Die Anklage zeigte zur Erläuterung ihrer Thesen mehrfach Videofilm-Ausschnitte und Fotos von Milosevic und anderen, gegen die das Tribunal ermittelt hat.

Milosevic, der ohne Anwalt auskommen will, hat angekündigt, er benötige für seine erste Verteidigungsrede mindestens einen Tag. Er lehnt das Tribunal als illegal ab.

Der jugoslawische Ex-Präsident muss sich seit Dienstag in Den Haag wegen des Vorwurfs von Mord, Folter, Verfolgung und Vertreibung von vielen tausend Einwohnern des früheren Jugoslawiens verantworten.



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