Kriegsvorbereitung US-Marines trainieren in der Südsee den Häuserkampf

Den amerikanischen Truppen könnte im Falle eines Irak-Krieges ein blutiger Kampf um Bagdad bevorstehen. Um sich darauf vorzubereiten, proben US-Spezialeinheiten in Attrappen-Städten den Ernstfall - und machen sich dabei eine neue Taktik zu Nutze.


Training für moderne Kriege: Amerikansiche Soldaten 1998 beim Test mit High-Tech-Waffen
AFP

Training für moderne Kriege: Amerikansiche Soldaten 1998 beim Test mit High-Tech-Waffen

New York - Die US-amerikanischen Befehlshaber würden einen Straßenkampf am liebsten ganz vermeiden. Zu groß ist die Gefahr eines blutigen Infernos.

Dennoch: Wollen die Amerikaner ihr erklärtes Ziel, die Entmachtung Saddam Husseins, erreichen und sollte sich die Republikanische Garde des Diktators wie erwartet ganz in die irakische Hauptstadt zurückziehen, um dort um jedes Haus zu kämpfen, würde den USA nichts anderes übrig bleiben, als nach Bagdad einzudringen.

Wie die amerikanische Zeitung "New York Times" berichtet, wird in künstlich erbauten Städten schon für den Ernstfall trainiert. Eine dieser Attrappen-Städte steht auf der Südseeinsel Guam, eine andere im US-Bundesstaat Louisiana. Auf einem Flugzeugstützpunkt in Südkalifornien, so die Zeitung, habe man einen 1000 Gebäude umfassenden Komplex aufgebaut. Viele Häuser sähen einander sehr ähnlich, Straßenschilder gebe es nicht. All das solle die Orientierung erschweren und möglichst realistische Bedingungen schaffen. Die Soldaten sollten lernen, die Orte in Gitterraster zu unterteilen.

Im Falle eines Angriffs auf den Irak soll eine neue Taktik für den Städtekampf die amerikanischen Truppen vor einem Fiasko bewahren. Ihr Ziel ist es, die Städte zunächst zu isolieren und anschließend selektiv die Säulen der Husseinschen Macht anzugreifen.

Ein klassischer Häuserkampf, bei dem um jeden Block gefochten wird, gilt den amerikanischen Strategen als zu riskant und könnte außerdem den Widerstand des irakischen Volkes festigen. Ein gezielter Angriff auf Saddams Machtzentren hingegen - so hoffen die Planer - würde dem Diktator die Kontrolle über seine Getreuen entziehen und so das Regierungssystem implodieren lassen.

Die neue Taktik, so die "New York Times", setze auch darauf, dass die irakischen Zivilisten den Angriff als "Befreiung" wahrnehmen würden, wie der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld es angedeutet habe.

"Al-Dschasira würde gar nicht helfen"

Die Basis für die neue Taktik bildet ein Papier des amerikanischen Militärs, das als "Doctrine for Joint Urban Operations" bezeichnet wird und auch die bisherigen Erfahrungen mit Städtekämpfen - etwa in Mogadischu, Belgrad oder auch in Grosny - aufarbeitet.

In dem Papier wird zunächst eine "multidimensionale Überwachung" gefordert, um strategische Ziele wie Militärstützpunkte, Strom- oder Wasserwerke und Rundfunkstationen auszumachen. Mit dieser Arbeit wurde laut Zeitungsbericht bereits begonnen.

Ein möglicher Angriff, so die "New York Times", würde wohl nach Sonnenuntergang beginnen, um die Vorteile der technologischen Überlegenheit des US-Militärs ausnutzen und Zivilisten schonen zu können, die sich in der Nacht meist in ihren Häusern aufhielten.

Außerdem sollten Aufrufe und Handzettel die kämpfenden Gegner demotivieren und die Bevölkerung beruhigen.

Ein moderner Städtekampf wie dieser, so die Berechnungen der Militärs, würden etwa zehnprozentige Verluste für die angreifenden Truppen bringen. Deutlich weniger als in vergangenen Kämpfen, bei denen etwa 30 bis 40 Prozent der Angreifer starben.

Dennoch bleiben führende Militärs skeptisch. "Es würde große Verluste auf unserer Seite geben", zitiert die "New York Times" General Anthony C. Zinni. "Wir würden viele Zivilisten töten und einen großen Teil der Infrastruktur zerstören, und die Bilder auf Al-Dschasira würden uns auch gar nicht helfen."



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