S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Gebt uns das Elsass zurück!

Folgt man Putins Logik, sieht die europäische Landkarte bald ganz anders aus: Erst holen wir Deutschen uns die Siedlungsgebiete in Belgien zurück, dann reden wir ein ernstes Wort mit den Franzosen.

Eine Kolumne von


Wolfgang Schäuble hat sich im Jahrzehnt vertan, das war sein Fehler. Seit Ausbruch der Krim-Krise erinnern uns professionelle Unken an die unheilvollen Parallelen zum Ersten Weltkrieg. Auch damals habe eine Kultur der Konfrontation geherrscht.

Hätte Schäuble doch bloß den Vergleich mit 1914 gewählt. Stattdessen musste er unbedingt an das Schicksal der Sudetendeutschen erinnern, die Hitler unter militärischen "Schutz" stellte, weil sie angeblich in der Tschechoslowakei nicht mehr sicher waren. Sudetenland geht gar nicht. Die brave Frau Göring-Eckardt von den Grünen rief den Minister stellvertretend für alle friedensbewegten Menschen umgehend zur Ordnung: Historische Vergleiche seien in Krisensituationen nie hilfreich, damit gieße man nur Öl ins Feuer.

In der Sache liegt Schäuble nicht ganz falsch, wie jeder geschichtlich halbwegs Interessierte weiß. Er war auch nicht der Erste, dem die Annexion des Sudetenlandes angesichts der russischen Ukraine-Politik ins Gedächtnis kam. Es braucht nicht viel Phantasie, um die Dinge von hier aus weiterzudenken. Wenn man sich an Putin beziehungsweise der putinschen Logik ein Beispiel nimmt, sieht die Landkarte in Europa bald ganz anders aus.

Über die Rückgabe von Mallorca ließe sich reden

75.000 Menschen in Belgien sprechen Deutsch. Da ist ein Referendum schnell auf den Weg gebracht, um diese Siedlungsgebiete - darunter etwa Lontzen, Amel und Sankt Vith - heim ins Reich zu führen. Lothringen ist wohl für immer verloren, aber bei dem Elsass sollten wir hartnäckig bleiben. Als Ausgleich könnten wir den Franzosen das Saarland anbieten. Das hat uns eh nur Scherereien gemacht (Honecker, Lafontaine). Auch über die Rückgabe von Mallorca an Spanien ließe sich reden, vorausgesetzt, England würde auf Gibraltar verzichten.

Das eigentliche Argument gegen Schäuble ist kein historisches, sondern ein emotionales. Man solle den russischen Bären nicht weiter reizen, lautet es: Einmal in Wut geraten, kenne er möglicherweise kein Halten mehr. Abgesehen davon, dass solche Bezüge zum Nationalcharakter seit langem aus der Mode sind, versteckt sich hier eine Herablassung ganz eigener Güte: Ein Volk, das schon von einem historischen Vergleich so aus der Fassung gebracht werden kann, dass es jede Zurückhaltung verliert, wird man kaum unter die zivilisierten Nationen rechnen.

Angeblich ist sich die deutsche Presse einig in der Verurteilung der russischen Aggression. Aber wenn man die Zeitungen aufschlägt, wimmelt es von Stimmen, die zur Rücksicht auf die russische Befindlichkeit raten.

Die eifrigsten Warner und Mahner finden sich kurioserweise links der Mitte, also in einem Milieu, in dem ethnisch begründete Grenzbereinigungen ansonsten eher kritisch gesehen werden. Woher kommt die plötzliche Sympathie für einen Mann, der im eigenen Land die Bürgerrechte mit Füßen tritt, Schwule und Lesben verfolgen lässt, weil ihm das Stimmen bringt, und Journalismus mit einer zähnefletschendem Propagandashow verwechselt, in der jeder eigensinnige Kopf als Volksfeind gilt?

Pazifismus ist gut fürs Geschäft

Es gibt historische Momente, die wie ein Blitzschlag die politische Landschaft erhellen. Es ist erstaunlich, wie schnell die Deutschen bereit sind, das Völkerrecht beiseitezuräumen. In der Krim-Krise erweist sich, dass der Pazifismus, auf den wir so stolz sind, in erster Linie nicht moralisch, sondern ökonomisch begründet ist. Es hat sich für uns immer bezahlt gemacht, dass wir uns an die Seite drücken, wenn es darum geht, den Freiheitsrechten Geltung zu verschaffen, die wir gerne im Munde führen. Auf diese Friedensdividende möchten wir auch in der Auseinandersetzung mit Russland nicht verzichten.

Es gibt viele Gründe, das Agieren der Europäer ungeschickt oder falsch zu finden. Es ist zweifellos auch vernünftig, gerade in der Außenpolitik nationale Interessen im Blick zu behalten. Das Ringen um die Ukraine führt uns vor Augen, dass mit dem Ende des Kalten Krieges das Denken in geopolitischen Räumen nicht plötzlich aufgehört hat zu existieren. Aber deshalb muss man nicht gleich gutheißen, was sich andere mit Gewalt herausnehmen.

Wer leichtfertig das Völkerrecht zur Disposition stellt, hat keine Kategorie mehr zur Hand, wenn er plötzlich doch die nationale Souveränität verteidigt sehen möchte.

"Vaterlandslose Gesellen" hat Helmut Kohl einmal die Wirtschaftsführer genannt, die sich in Lobbyverbänden wie dem "Ostausschuss der deutschen Wirtschaft" zusammenfinden und dort für ihre Geschäfte trommeln. Diese Leute exportieren alles, wenn man sie lässt. Das ist ihr gutes Recht, schließlich sind sie nicht für die Verbreitung der Demokratie auf ihre Posten gekommen. Aber man sollte auf dieser Krämerlogik keine Regierungspolitik begründen.

Dass man ausgerechnet Vertretern der Linken den Unterschied zwischen Politik und Wirtschaft erklären muss, gehört zu den verrückten Volten dieser Wochen.

insgesamt 563 Beiträge
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GlobalerOptimist 03.04.2014
1. Herr Fleischhauer,
lassen Sie das. Ach in Deutschland gibt es noch genügend Biertischstrategen, die wieder marschieren möchten.
dachauerthomas 03.04.2014
2. Saarland
Im Saarland gab es die Volksabstimmung Frankreich oder Deutschland. Im Elsass müsste erst mal eine Volksabstimmung abgehalten werden.
Prellbock 03.04.2014
3. optional
Können wir nicht auch was abgeben?
bürger_prollmann 03.04.2014
4. optional
" ... Wer leichtfertig das Völkerrecht zur Disposition stellt, hat keine Kategorie mehr zur Hand ..." Kein Land hat öfter das Völkerrecht gebrochen, kein Land hat mehr Kriege geführt, als die USA. Putin ist ganz sicher kein "lupenreiner Demokrat" - Herr Obama und die Kriegstreiber der Nato sind es eben so wenig ...
snof 03.04.2014
5. Dummes Geschwätz
Weder Elsässer noch deutschsprachige Belgier haben bekundet, dass sie zurück ins "Reich" wollen. Die Krimbewohner mehrheitlich schon... zurück nach Russland
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