Krim-Krise im Überblick Moskau begründet Militäreinsatz mit Janukowitsch-Bittbrief

Ex-Staatschef Janukowitsch soll um eine Militärintervention in der Ukraine gebeten haben. Das geht aus einem Brief hervor, den der russische UN-Botschafter präsentierte. US-Präsident Obama sieht Putin auf der "falschen Seite der Geschichte" - und droht mit Sanktionen. Der Nachrichtenüberblick.

UN-Botschafter Tschurkin mit dem Janukowitsch-Brief: "Recht und Ordnung"
AP

UN-Botschafter Tschurkin mit dem Janukowitsch-Brief: "Recht und Ordnung"


  • Die Ereignisse im Weltsicherheitsrat:

Der entmachtete Staatschef Wiktor Janukowitsch hat Moskau in einem Brief gebeten, Streitkräfte in die Ukraine zu schicken, um einen angeblich drohenden Bürgerkrieg abzuwehren. So stellte es zumindest der russische UN-Botschafter Witalij Tschurkin vor dem Weltsicherheitsrat in New York dar. Zum Beweis hielt er das Schriftstück noch in die Höhe. Darin habe Janukowitsch Putin gebeten, "Recht und Ordnung" in der Ukraine wiederherzustellen.

Tschurkin betonte mit Blick auf das Vorgehen Russlands auf der Krim, die überwiegend von Russen bewohnt ist: "Alles was geschieht, geschieht in voller Übereinstimmung mit russischem Recht." Es gehe nur um den Schutz von Minderheiten und den Kampf gegen "terroristische Kräfte". Nur, weil auf den Russen "herumgetrampelt" werde, hätten sich "Volksbrigaden für Selbstverteidigung gebildet".

US-Botschafterin Samantha Power widersprach: "Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man die russische Armee für den verlängerten Arm des UN-Kommissars für Menschenrechte halten", sagte sie an Tschurkins Adresse. "Aber Sie haben das Völkerrecht und die Souveränität eines unabhängigen Landes verletzt. Und das ohne jeden Grund, denn es gibt keinerlei Berichte, dass die russische Minderheit irgendwie bedroht oder drangsaliert wurde." Der Westen betont weiterhin das aggressive Vorgehen des Kreml, der wiederum spricht von einem Hilfseinsatz.

  • Die Lage auf der Krim:

Am Montag blieb es auf der Krim bei militärischen Drohgebärden. Russland erhöhte den Druck, hat die Halbinsel praktisch unter Kontrolle. Ständig gab es neue Gerüchte und Meldungen über Truppenbewegungen. Die Truppenstärke der russischen Armee auf der Krim soll innerhalb einer Woche auf 16.000 gestiegen sein, sagte der ukrainische UN-Gesandte Jurij Sergejew auf der Krisensitzung des Sicherheitsrats.

An der russischen Küste in Sichtweite der Krim standen gepanzerte Fahrzeuge, vor allem Radpanzer. Sie bezogen Stellung bei einem Fährhafen auf der russischen Seite einer nur wenige Kilometer breiten Meerenge, der die Krim von Russland trennt. Übergriffe gab es jedoch bisher nicht.

Vor Sewastopol, dem Heimathafen der Schwarzmeerflotte, kreuzten zahlreiche russische Kriegsschiffe, offiziell für ein Manöver. Die prorussische Provinzregierung berichtet von mehr als 6000 abtrünnigen Soldaten der ukrainischen Armee.

  • Die Reaktion der Ukraine:

Der vorläufige ukrainische Premier Arsenij Jazenjuk machte am Montag noch einmal unmissverständlich klar: "Wir werden die Krim niemals aufgeben." Trotzdem gerät das Land militärisch und wirtschaftlich immer weiter unter Druck. Als Reaktion auf die russischen Provokationen versetzte die Ukraine ihre Streitkräfte in volle Kampfbereitschaft.

  • Die Reaktionen des Westens:

Brüssel und Washington verschärften den Ton. Die Europäische Union droht mit Sanktionen, falls Moskau seine Truppen nicht aus der Ukraine zurückzieht und wieder in die Kasernen beordert. Über solche Maßnahmen werde bereits bei einem Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs der EU am Donnerstag in Brüssel entschieden, sagte Frankreichs Außenminister Laurent Fabius nach einem Krisentreffen der EU-Außenminister.

Die US-Regierung ist bereits einen Schritt weiter und bereitet Strafmaßnahmen gegen Russland vor. Es sei wahrscheinlich, dass sie erlassen würden, wenn sich die Lage in der Ukraine weiter entwickle wie bisher, sagte die Sprecherin des Außenministeriums in Washington, Jennifer Psaki.

US-Präsident Obama fand zudem deutliche Worte: Russland befinde sich "auf der falschen Seite der Geschichte" und dürfe nicht einfach internationales Recht brechen. "Russland kann nicht straffrei seine Soldaten einsetzen und die Grundprinzipien verletzen, die rund um die Welt anerkannt werden", sagte der US-Präsident.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatte unterdessen mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow in Genf zu Abend gegessen und Gespräche über die Krise in der Ukraine geführt. Steinmeier hatte zuvor an einem Treffen der EU-Außenminister in Brüssel teilgenommen. Anschließend sagte er, wenn Russland "keine schnellen und glaubwürdigen Beiträge zur Deeskalation" leiste, werde dies Folgen für das Verhältnis Russlands zur EU haben.

  • So reagieren die Finanzmärkte:

Russisches Erdgas wird trotz der Krim-Krise nach Angaben der Ukraine durch ihre Pipelines wie üblich nach Europa weitergeleitet. Das berichtet die zuständige Firma Ukrtransgas. Wegen der Sorge vor einer weiteren Verschärfung der Lage stiegen die Ölpreise jedoch kräftig. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im April kostete im frühen Handel 110,67 US-Dollar, 1,60 Dollar mehr als am Freitag. Dagegen riss die sich zuspitzende Situation in der Ukraine den russischen Aktienmarkt tief ins Minus.

Auch die US-Börsen reagieren auf die Spannungen in der Ukraine. Der Dow Jones Industrial sackte um 0,98 Prozent ab. Der S&P-500 verlor 0,76 Prozent auf rund 1845 Punkte. In Deutschland waren die Auswirkungen ebenfalls spürbar: Der Leitindex Dax sackte um 3,44 Prozent auf 9359 Punkte ab.

Eskalation in der Ukraine - Chronologie der Krise
Donnerstag, 20. Februar
REUTERS

Sicherheitskräfte eröffnen in Kiew das Feuer auf Demonstranten. Fast 80 Menschen werden getötet. Damit eskalieren die wochenlangen Proteste in Kiew, die sich auch daran entzündeten, dass Präsident Wiktor Janukowitsch das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen wollte. Die Europäische Union beschließt individuelle Sanktionen gegen Verantwortliche für die Gewalt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und seine Kollegen aus Frankreich und Polen beginnen eine Vermittlungsmission.

Freitag, 21. Februar
AFP

Auf Vermittlung der drei europäischen Außenminister und eines russischen Abgesandten unterzeichnen die Oppositionsführer und Präsident Wiktor Janukowitsch eine Vereinbarung, die eine Präsidentschaftswahl bis Ende des Jahres vorsieht. Das Parlament beschließt die Rückkehr zur Verfassung des Jahres 2004 mit weniger Rechten für den Staatschef.

Samstag, 22. Februar
Getty Images

Das Parlament enthebt Janukowitsch des Amtes und setzt für den 25. Mai eine vorgezogene Wahl an. Janukowitsch reist von Kiew in den Osten der Ukraine und taucht unter. Das Parlament wählt Alexander Turtschinow zu seinem Vorsitzenden. Zudem verfügen die Abgeordneten die sofortige Freilassung Julija Timoschenkos. Sie reist nach Kiew und ruft die Demonstranten auf dem Maidan zur Fortsetzung des Protests auf.

Sonntag, 23. Februar
AFP

Das Parlament wählt Turtschinow zum Übergangspräsidenten. Die USA und der Internationale Währungsfonds stellen Finanzhilfen in Aussicht.

Montag, 24. Februar
AFP

Die Übergangsregierung beziffert den Finanzbedarf der Ukraine auf 35 Milliarden Dollar (25,5 Milliarden Euro).

Dienstag, 25. Februar
AFP

In der Ukraine wird der nach Russland geflohene Janukowitsch wegen "Massenmords" gesucht. Boxweltmeister Vitali Klitschko erklärt seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl.

Mittwoch, 26. Februar
REUTERS

Der proeuropäische Politiker Arseni Jazenjuk wird vom Maidan-Rat als Chef der Übergangsregierung nominiert. Kiew beantragt einen internationalen Haftbefehl gegen Janukowitsch. Putin ordnet eine gewaltige Militärübung an der Grenze zur Ukraine an. Auf der Krim kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern der neuen Führung in Kiew.

Donnerstag, 27. Februar
REUTERS

Prorussische Milizionäre besetzen den Regierungssitz und das Parlament in der Krim-Hauptstadt Simferopol. Jazenjuk wird als Regierungschef vom Parlament bestätigt.

Freitag, 28. Februar
Getty Images

Bewaffnete in Uniformen ohne nationale Erkennungszeichen übernehmen die Kontrolle über zwei Flughäfen auf der Krim. Nach Angaben Kiews landen 2000 russische Soldaten auf einem Luftwaffenstützpunkt auf der Halbinsel. US-Präsident Barack Obama droht Moskau mit ernsten Konsequenzen, sollte die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine verletzt werden.

Samstag, 1. März
Getty Images

Das Oberhaus des russischen Parlaments stimmt Putins Antrag zur Entsendung von Truppen in die Ukraine zu. Kiew beschuldigt Russland, inzwischen 6000 Soldaten und 30 Panzerfahrzeuge auf die Halbinsel verlegt zu haben. Ein Referendum über den künftigen Status der autonomen Teilrepublik wird auf den 30. März vorverlegt. Die ukrainische Armee wird in Alarmbereitschaft versetzt.

Sonntag, 2. März
AP

Die Ukraine mobilisiert alle Reservisten, Übergangsregierungschef Arseni Jazenjuk wirft Moskau eine "Kriegserklärung" vor. Prorussische Milizen setzen ukrainische Soldaten auf der Krim in ihren Kasernen fest. Der gerade ernannte ukrainische Marinechef läuft in das Lager der prorussischen Regionalregierung der Krim über.

Die G-7-Staaten legen die Vorbereitungen für den für Juni geplanten G-8-Gipfel in Sotschi auf Eis. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wirft Putin am Telefonat einen Verstoß gegen das Völkerrecht vor. Putin akzeptiert Merkels Vorschlag zu einem Dialog mit einer "Kontaktgruppe".

Montag, 3. März
DPA

Nach Angaben des ukrainischen Grenzschutzes setzt Russland die Verlegung von Truppen auf die Krim ungebremst fort. Die USA verlangen die sofortige Entsendung von OSZE-Beobachtern. Russlands Börsen und der Rubel brechen ein. Die EU-Außenminister ringen in Brüssel um eine gemeinsame Position zu der Krise.

Dienstag, 4. März
AP/ RIA Novosti

Erstmals meldet sich Russlands Präsident zu Wort: Wladimir Putin sagt auf einer Pressekonferenz, momentan gebe es keine Notwendigkeit für einen militärischen Einsatz. Generell ausschließen will er eine Intervention aber nicht. Das Pentagon beendet die militärischen Kooperationen mit Moskau. Am Abend testet Russland eine Interkontinental-Rakete – die USA waren vorab informiert. Auf der Krim fallen bei einer Konfrontation am Luftwaffenstützpunkt Belbek die ersten Warnschüsse des Konflikts.

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nesmo 04.03.2014
1. Da sind sich alle einig
selbst große hardcore-Freunde der Russen, dass Janukowitsch nun wirklich ein große Pfeife war, wenn nicht sogar ein Krimineller, und trotzdem beruft sich Russland auf ominöse Hilsersuchen des gesuchten Kriminellen. Weil er ja angeblich nie formal korrekt abgesetzt wurde, darf er Russlands Einmarsch in die Ukraine "erbitten". Offenbar sind die Argumente Russlands für die Okkupation so schwach, dass man sich auf solch abstruse Hilfsersuchen stützen muss. Nur noch peinlich-
troubador 04.03.2014
2. Janukowitsch ist nun wirklich der richtige
Dieser Janukowitsch, korrupt bis über beide Ohren, Volksvermögen in Milliarden ins Ausland verschoben, soll Russland um Hilfe gebeten haben? Na schön, das soll eine ernsthafte Begründung für Russlands Besetzung der Krim sein. Das ist genauso abenteuerlich, wie Lawrows Behauptung, er müsse die Menschenrechte der Russen auf der Krim mit seinem Gewalteinmarsch verteidigen! Da muss nun man nun wirklich feststellen, dass Putin und seine Hellfershelfer jeden Realitätssinn verloren haben! Die Russen auf der Krim werden Putins Vorstellungen von Menschenrechten noch zu spüren bekommen und sich nach der Ukraine zurücksehnen!
freemenkind 04.03.2014
3. schon merkwürdig
erst steht ein Abkommen mit der EU an, als das scheitert kommt es zum Aufruhr......dann eine Vereinbarung am Abend....und am nächsten Morgen schon Makulatur...erst Syrien, gescheitert...jetzt die Ukraine....Rußland soll einen NATO-Belagerungsring erhalten, das ist das Ziel. Wie wäre es wenn Teile der russischen Schwarzmeerflotte nach Kuba verlegen würden....das Spiel hatten wir schon einmal in den 60ern....zum Glück gab es da besonnene Leute an den Schaltstellen auf beiden Seiten...und heute....NSA,NSU,EU..Goldman-Sachs...IWF....NWO und jetzt bitte die VerschwörungstheorieKeule
Mach999 04.03.2014
4.
Das bestellte und nachträglich erstellte Hilfsgesuch Janukowitschs bedeutet nichts anderes, als dass Russland jetzt nicht mehr nur Anspruch auf die Krim anmeldet, sondern sich die ganze Ukraine einverleiben will. Ich habe Putins Größenwahn unterschätzt.
braveman 04.03.2014
5. Welch ein Schmierenstück!
Die Ukraine ist ein souveränes Land. Wenn das ukrainische Parlament einen Präsidenten ab- und einen Interimspräsidenten einsetzt, dann ist das Sache der Ukraine! Diesem gesuchten Verbrecher gibt Russland Asyl, anstatt ihn postwendend dem Gerichtshof für Menschenrechte zu überstellen. Damit nicht genug, lässt sich Putin mit einem Brief bitten, einzugreifen, um dann völkerrechtswidrig in der Ukraine einzumarschieren. Wer auf der Welt will eigentlich Putin außer Schröder und ein Teil der Russen? Deshalb wäre es das Beste, wenn Russland aus dem UN-Sicherheitsrat rausgeworfen würde, zumindest so lange, wie Putin in Russland an der Macht ist. Es kann nicht sein, dass ein Land, dass sich an keinerlei Regeln hält, im wichtigsten Gremium der UN sitzt!
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