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Ukraine: Die Angst der Tataren vor den Russen

Foto: Darko Vojinovic/ AP/dpa

Krim-Krise Nationalisten stiften Tataren zu Anschlägen an

Die Tataren könnten im Machtkampf auf der Krim eine wichtige Rolle übernehmen: Ukrainische Nationalisten fordern sie zur Vorbereitung von Anschlägen gegen Russen auf. Denn die muslimische Minderheit lehnt einen Anschluss der Halbinsel an die verhassten Nachbarn ab.

Auf der Krim drohen neue blutige Zusammenstöße zwischen Russen und Krimtataren. Am Mittwoch waren bei einer Massenschlägerei vor dem Parlament der Schwarzmeerhalbinsel bereits rund 30 Menschen verletzt worden. Das Präsidium des Krim-Parlaments wandte sich daraufhin mit einem Aufruf an die Bevölkerung, Blutvergießen zu verhindern.

Doch von russischen Hackern geknackte E-Mails des Vize der Krimtataren-Vertretung "Medschlis", Aslan Omer Kirimli, zeigen offenbar, dass führende Funktionäre des rechtsextremen "Rechten Sektors" die Krimtataren zur Unterstützung bei Terrorakten gegen Russen auf der Krim anstiften wollen.

In einer Mail fordert Andrej Tarassenko, einer der Anführer des "Rechten Sektors" von Kirimli, seinen Kameraden "Instrumente" und die Koordinaten versteckter Waffenlager zu geben. Der Rechtsextremist schreibt: "Wild gibt's viel, wir brauchen mehr Jagdausrüstung, Helme und Knüppel." Aus dem Kontext ergibt sich eindeutig, dass mit "Wild" politische Gegner gemeint sind, aktive Mitglieder der russischen Gemeinschaft. Nationalistische Krimtataren und der "Rechte Sektor" haben sich bei den Kundgebungen auf dem Maidan in Kiew angenähert.

Die meisten Einwohner auf der Krim sind Russen. Die Volksvertretung der Halbinsel ruft für den 25. Mai zu einem Referendum über erweiterte Rechte für das autonome Gebiet auf. Das Parlamentspräsidium verkündete, es ginge um eine "Vervollkommnung des Status der Autonomie". Nur so könnten die Krim-Bewohner "ohne äußeren Druck und Diktat die Zukunft der Autonomie bestimmen". Doch ein großer Teil der Krimtataren ist gegen eine solche Erweiterung der Autonomie: Viele von ihnen fürchten, russische Kräfte wollten die Halbinsel an Russland anschließen.

Tausende Tote bei Deportation unter Stalin

Die Krimtataren, etwa 260.000 Menschen von rund 2 Millionen Bewohnern der Krim, sind ein muslimisches Turkvolk mit einer dem Türkischen ähnlichen Sprache. Seit dem achten Jahrhundert lebten sie auf der Halbinsel. Um 1430 schufen sie einen eigenen Staat, das Krim-Khanat. Um die Krim kämpften jahrhundertelang rivalisierende Mächte, Genua, Venedig und Byzanz. Denn wer die Krim beherrschte, kontrollierte das Schwarze Meer und damit den Zugang zum Bosporus und zum Mittelmeer. Die Krimtataren wurden in weniger fruchtbare Gebiete verdrängt.

Das Verhältnis der Krimtataren zu den Russen ist seit langem gespannt: Unter Josef Stalin zwang das Sowjetregime die Krimtataren wie alle Bauern in Kolchosen, es schloss Moscheen und verfolgte gläubige Muslime. Im Zweiten Weltkrieg unterstützten sie dann die Wehrmacht: Das 1942 geschaffene "Tatarenkomitee" in der Hauptstadt Simferopol schuf eine "Abteilung zum Kampf gegen die sowjetischen Partisanen": Bewaffnete tatarische Nationalisten gingen in Kompaniestärke brutal gegen den russischen Widerstand auf der Krim vor, geführt von deutschen Offizieren.

Für die blutige Zusammenarbeit eines Teils ihrer Gemeinde mit den Nazis haben auch die Unschuldigen einen hohen Preis gezahlt: Stalin ließ 183.000 Krimtataren nach der Rückeroberung der Krim nach Kasachstan deportieren. Tausende kamen dabei um. Die Erzählungen von diesem grausamen Schicksal sind in den Familien der Krimtataren bis heute sehr lebendig. 1967 wurden die Krimtataren vom Sowjetstaat offiziell rehabilitiert. Doch erst ab 1988 durften sie in ihre Heimat zurückkehren.

Zwar haben sich viele Krimtataren im Alltag bislang um ein friedliches Verhältnis zu den russischen und ukrainischen Bewohnern der Halbinsel bemüht. Doch immer wieder gab es Streit und Schlägereien um Landbesetzungen durch die geburtenstarken Tataren.

Jetzt, wo die russische Mehrheitsbevölkerung der Krim ihre Autonomie gegen angedrohte Gewaltakte ukrainischer Nationalisten verteidigt, schüren Hitzköpfe bei den Tataren alte Ängste vor den Russen. Die Krimtataren laufen dabei Gefahr, zum Instrument fremder Interessen zu werden: Denn die rechtsextremen Nationalisten haben auf der Krim keine Basis - ihre einzige Chance besteht also darin, die Krimtataren als Hilfswillige gegen die Russen zu missbrauchen.

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