Krim-Krise Ukraine wirft Russen Aggression vor

In der Ukraine verschärft sich die Krise: Übergangspräsident Turtschinow beschuldigt Moskau der Aggression und verlangt ein Ende der "Provokationen" auf der Krim-Halbinsel. Russlands Präsident Putin mahnt zur Deeskalation.

AP/dpa

Kiew/Moskau - Am Freitagabend ist die Krise in der Ukraine weiter eskaliert: Der Übergangspräsident Alexander Turtschinow hat Russland Aggression gegen sein Land vorgeworfen und Moskau aufgefordert, "Provokationen auf der Krim" zu beenden.

Turtschinow zog einen Vergleich zur russischen Intervention in Georgien im Jahr 2008 - die Moskau auch unter Berufung auf die russische Volksgruppe in der Region Abchasien gerechtfertigt hatte. "Erst provoziert man einen Konflikt, dann annektiert man das Gebiet", sagte Turtschinow laut der Nachrichtenagentur AFP. Russland habe "Truppen auf die Krim geschickt und nicht nur das Parlament und den Regierungssitz der Krim besetzt". Es versuche auch, "die Kommunikationsmittel unter Kontrolle zu bringen."

Am Freitagmittag waren mehr als zehn russische Militärhubschrauber über der Krim in den ukrainischen Luftraum eingedrungen. Das Außenministerium in Kiew protestierte offiziell gegen die "Verletzung des Luftraums".

Seit Freitagabend spitzt sich die Lage möglicherweise weiter zu. Einem ukrainischen Regierungsvertreter zufolge sollen rund 2000 russische Soldaten auf einer Militärbasis nahe der Regionalhauptstadt Simferopol gelandet sein, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Laut dem Sondergesandten der ukrainischen Präsidentschaft auf der Krim, Sergej Kunizin, sind dort angeblich 13 russische Flugzeuge mit jeweils 150 Soldaten gelandet. Der Politiker sprach am Freitagabend im Fernsehen von einer "bewaffneten Invasion". Der Luftraum sei daraufhin geschlossen worden, sagte Kunizin. Eine Bestätigung dieser Vorgänge gibt es bislang nicht.

Russland und die neue Regierung in Kiew bleiben damit weiter auf Konfrontationskurs in der Krim-Frage. Das ukrainische Parlament forderte den Nachbarn am Freitag in einem scharfen Appell auf, alle Handlungen zu unterlassen, die die territoriale Einheit des Landes gefährdeten.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte angesichts zunehmender Spannungen auf der Krim zuvor dazu aufgerufen, eine weitere Eskalation der Situation im Nachbarland zu vermeiden. Bei Telefonaten mit westlichen Regierungschefs wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem britischen Premier David Cameron sowie mit EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy habe der russische Präsident betont, dies besitze "absolute Priorität", wie aus dem Kreml verlautete.

Merkel habe ihre Sorge wegen einer möglichen Destabilisierung des Landes geäußert, wie Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin mitteilte. Im Hinblick auf die Krim warb sie um Zurückhaltung. Zudem sollten Angebote, die internationale Organisationen zur Lösung von Streitfragen und zur Intensivierung des Dialogs unterbreitet hätten, genutzt werden. Zuvor hatte Merkel dem neuen ukrainischen Regierungschef Arsenij Jazenjuk Unterstützung bei der wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung des Landes zugesagt.

Luftraum über der Krim gesperrt?

Die US-Regierung warnte Moskau erneut vor einer militärischen Intervention. Das wäre ein "schwerer Fehler", bekräftigte der Sprecher von US-Präsident Barack Obama. Die USA beobachteten ganz genau, ob Moskau "irgendetwas tue, was die Linie überschreiten könnte".

In der Nacht waren etwa 50 bewaffnete und uniformierte Männer in Geländewagen ohne Kennzeichen sowie mit russischen Fahnen auf dem Krim-Flughafen Simferopol aufmarschiert. Über die Lage dort gibt es widersprüchliche Angaben. Laut der Fluglinie Ukrainian International war am Freitagabend der Luftraum über der Krim gesperrt. Ein Flughafenmitarbeiter berichtete hingegen, nur ein Flug aus Kiew habe Verspätung gehabt. Die Agentur dpa berichtet, der Zwischenfall auf dem Flughafen habe nicht lang gedauert, und die bewaffneten Männer hätten sich nach kurzer Zeit wieder zurückgezogen.

Janukowitschs erster Auftritt nach der Flucht

Knapp eine Woche nach seiner Entmachtung trat der geflohene ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch erstmals in seinem Exil in Russland an die Öffentlichkeit. Bei einer Pressekonferenz in Rostow am Don bekräftigte er seine Ansicht, er sei rechtmäßiger Präsident des Landes und wolle weiter um sein Land kämpfen. Zugleich warnte er vor einem Blutvergießen auf der Krim. Was jetzt dort geschehe, sei eine "natürliche Reaktion" auf die Machtergreifung durch "Banditen" in Kiew, sagte Janukowitsch. Die Krim solle mit einer erweiterten Autonomie im Bestand der Ukraine bleiben, mahnte er. Janukowitsch warf auch dem Westen Täuschung vor.

Die Übergangsregierung will von Russland Janukowitschs Auslieferung verlangen. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft erklärte am Freitag, sollte sich dessen Aufenthalt auf russischem Staatsgebiet bestätigen, wolle sie ein Auslieferungsgesuch an Moskau stellen. Janukowitsch wird von den neuen Behörden wegen "Massenmordes" mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Wegen der explosiven Lage beantragte die Ukraine eine Sondersitzung des Uno-Sicherheitsrates. Die offizielle Anfrage sei am späten Freitagvormittag (Ortszeit) in New York eingegangen, bestätigte die derzeitige Präsidentin des mächtigsten Gremiums der Vereinten Nationen, Litauens Uno-Botschafterin Raimonda Murmokaite. Beobachter erwarteten die Zusammenkunft der 15 Ratsmitglieder am Samstag.

fab/dpa/Reuters/AFP



insgesamt 109 Beiträge
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RudiLeuchtenbrink 28.02.2014
1. direkte Demokratie jetzt,
http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-putin-warnt-vor-eskalation-wegen-krim-krise-a-956392.html[/QUOTE] nach dem Vorbild des Maidan soll das Volk abstimmen. Wer will mit den Nationalisten in der Westukraine weiter existieren. Wer möchte eine unabhängige Ostukraine und wer möchte die Krim an Russland anschliessen. Die Krimtataren haben schon einmal auf das falsche Pferd gesetzt und so droht bei Dummheit die Gefahr der erneuten Ausweisung.
BiffBoffo 28.02.2014
2. Putin warnt vor sich selbst
Er Startet also eine Provokation und danach warnt er auch noch. Was ist eigentlich mit dem ? Ist dem Lupenreinen Demokraten langweilig vom Unterdrücken des eigenen Volkes oder sind jetzt schon alle so geschmiert das man jetzt mal an den Grenzen weiter macht. Also ich denke dort sollten neuwahlen stattfinden. Keine Ahnung was Commander Putin da für eine Show abzieht. Lächerlich - wie immer!
European 28.02.2014
3. Die Auslieferung von Janukowitsch wäre keine gute Idee
er würde nicht mehr als eine politischen Schauprozess bekommen, zumindest würden das viele Menschen in der Ukraine so empfinden. Nichts wäre gewonnen und die Spannungen in der Ukraine würden zunehmen. Besser wäre es ihn nach Weißrussland, Venezuela oder sonst wo abzuschieben denn für Russland ist er eine Belastung. Der Rest der Kriese ließe sich auch recht elegant lösen in dem die Krim weitest gehende Autonomie erhält und die Rechte der russisch-stämmigen Minderheit durch die EU und Russland überwacht und garantiert werden. Bei Verstößen könnte man ganz einfach die Finanzierungshilfen einstellen.
knalli49 28.02.2014
4. Schauspieler
Mir kommen die "Besatzer" der Flughäfen vor wie Schauspieler oder Statisten. Eine ernsthafte Besetzung eines Flughafens würde ganz anders ablaufen. Die Sturmgewehre sind ungeladen, die scheinen regelrecht für Fotos zu posieren. Wenn man nun amerikanische Nachrichtenkanäle durchklickt (cnn.com und ähnliche...) ist dieser Mumpitz ganz groß rausgehängt. Will da jemand Öl ins Feuer giessen? Aber zum Glück hats Putin erkannt und nimmt die Druckluft raus. Danke!
knalli49 28.02.2014
5. Schauspieler
Mir kommen die "Besatzer" der Flughäfen vor wie Schauspieler oder Statisten. Eine ernsthafte Besetzung eines Flughafens würde ganz anders ablaufen. Die Sturmgewehre sind ungeladen, die scheinen regelrecht für Fotos zu posieren. Wenn man nun amerikanische Nachrichtenkanäle durchklickt (cnn.com und ähnliche...) ist dieser Mumpitz ganz groß rausgehängt. Will da jemand Öl ins Feuer giessen? Aber zum Glück hats Putin erkannt und nimmt die Druckluft raus. Danke!
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