Ukraine-Krise Putin, der Verlierer

Der Westen macht in der Ukraine-Krise einen Denkfehler: Er redet sich ein, dass Wladimir Putin die Agenda bestimmt oder gar den Machtpoker gewonnen hat. In Wahrheit hat Russland schon jetzt auf ganzer Linie verloren.
Russischer Präsident Putin: Siege sehen anders aus

Russischer Präsident Putin: Siege sehen anders aus

Foto: Michael Klimentyev/ AFP

Wenn die Bevölkerung der Krim im Referendum am Sonntag für einen Anschluss an Russland votiert, starten tags darauf eine oder mehrere Runden von Sanktionen und Gegensanktionen. Doch was aussieht wie Eskalation, ist nur der Epilog einer geschlagenen Schlacht.

Und ihr Verlierer heißt Wladimir Putin.

Nach westlicher Rationalität liegt das auf der Hand: Russland ist längst Teil der Weltwirtschaft, braucht zur Modernisierung des Landes ausländische Investitionen und Know-how. Davon schneidet Wladimir Putin sein Land ab, zum eigenen Schaden.

Von "Modernisierungspartnerschaft" mag selbst der notorische Russland-Versteher Frank-Walter Steinmeier nicht länger reden. Politisch hat Russland jenen Vorschuss verspielt, der dem Land mit der Aufnahme in den Zirkel der wichtigsten Industriestaaten der Welt (G7, G8) gewährt wurde. Es ist zurückgeworfen auf den Stand eines Schwellen- oder Entwicklungslandes. Und für die Anrainer Russlands hat Putin kein Angebot, das diese auch nur annähernd so attraktiv fänden wie das europäische: Wohlstand und Freiheit.

In der Folge wird Russland dahindämmern zwischen dem Westen und China. Selber schuld.

Aber auch in Putins eigener Rationalität ist die Ukraine-Krise eine Niederlage. Selbst wenn man sich auf die besondere Befindlichkeit einer gewesenen Supermacht und die psychopathologischen Reaktionsmuster großrussischen Denkens einlässt, bleibt das Ergebnis dasselbe: Vor der Krise hatte Putin eine folgsame Regierung in Kiew und einen gesicherten Status der russischen Flottenteile auf der Krim. In den Kategorien des 19. Jahrhunderts kontrollierte er also eine große Landmasse und hatte Zugang zu einem "warmen Meer". Nach der Krise bleibt der Zugang zum warmen Meer.

Siege sehen anders aus.

Vor der Krise balancierte die Ukraine zwischen Ost und West. Gewiss nicht immer glücklich, aber die Europäische Union dachte nicht im Traum daran, das Land je aufzunehmen. Jetzt treibt Putin die Ukraine weiter denn je nach Westen, und er zwingt die EU, eine Mitgliedschaft des Landes erstmals in Erwägung zu ziehen. Am Ende reicht der westliche Block mehrere hundert Kilometer weiter nach Osten als zuvor, bis an die Grenze Russlands. Putins Ziel war das Gegenteil.

Die Europäer müssen nun erkennen, dass sie das Spiel gewonnen haben - egal ob sie es ursprünglich spielen wollten oder nicht. Die "Neue deutsche Außenpolitik" sollte nicht länger grübeln, wie Putin zur Umkehr bewegt werden kann. Sondern überlegen, was sich mit diesem Sieg Kluges anfangen lässt.

Gasleitungen aus Russland in die Ukraine

Gasleitungen aus Russland in die Ukraine

Foto: SPIEGEL ONLINE
Russische Truppen auf der Krim

Russische Truppen auf der Krim

Foto: SPIEGEL ONLINE
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