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Krim vor der Abspaltung "Die Russen sollen bleiben"

Lieber mit Russland als mit der Ukraine: So sehen das viele Menschen auf der Krim. Sie trauen zwar Putin nicht - aber noch mehr Angst haben sie vor den Nationalisten, die in Kiew nach der Macht greifen.

Viel erinnert am Flughafen von Simferopol nicht mehr daran, dass die Stadt auf der Krim noch immer zur Ukraine gehört. Ein großes Schild weist ankommende Passagiere darauf hin, dass "Sie jetzt das Hoheitsgebiet der Ukraine betreten". Vor dem Gebäude aber kann man leicht vergessen, dass die Halbinsel formal immer noch von Kiew aus regiert wird, nicht von Moskau.

Die ukrainische Polizei lässt sich seit Tagen nicht mehr sehen. Die neue Ordnungsmacht trägt Stahlhelme und automatische Waffen. Auf dem grünen Tarnfleck der Invasoren fehlen Erkennungszeichen, die Kamas-Lastwagen, auf denen sie gekommen sind, haben keine Nummernschilder - und doch zweifelt niemand mehr daran, dass es sich dabei um russische Marineinfanteristen handelt.

Russland hat völkerrechtswidrig die Halbinsel Krim mit Truppen unter seine Kontrolle gebracht. Während sich der Westen nun die Köpfe heiß diskutiert über das weitere Vorgehen in der Krise, über einen möglichen Ausschluss Russlands aus den G8 und Sanktionen gegen den Kreml hat sich die Zivilbevölkerung auf der Halbinsel mit der Lage mehr oder weniger arrangiert. "Die Russen kommen": Dieser Ruf kann hier niemanden schocken - die meisten sind ja selbst Russen, mehr als 60 Prozent.

Ende des Monats, schon am 30. März, soll die Krim in einem Referendum abstimmen über ihr weiteres Schicksal. Der Kreml ist fest von einer klaren Mehrheit für eine engere Anbindung an Moskau überzeugt. Allzu stürmisch ist die Zuneigung zu Russland auf der Krim in der Vergangenheit allerdings nicht gewesen. Bei einer Meinungsumfrage 2012 gaben nur 38 Prozent an, dass die Krim der Russischen Föderation beitreten solle. 40 Prozent plädierten für eine weitgehende Autonomie innerhalb des ukrainischen Staates.

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Foto: ALEXANDER NEMENOV/ AFP

Im Zentrum von Simferopol, am "Platz des Sieges", hat jemand ein Plakat aufgehängt: "Lieber mit Russland als mit dieser Ukraine", steht darauf. Alexander Raschupkin, 53, sieht das genauso. Normalerweise arbeitet er in einem Eisenbahn-Depot, jetzt hat er sich eine rote Binde um den linken Oberarm geschlungen. Er geht so mit seinen Kameraden der prorussischen Bürgerwehr auf Streife, "so lange, bis sich unsere Polizei klar darüber ist, auf welcher Seite sie steht".

"Wir wollen nicht, dass hier radikale Nationalisten aus dem Westen der Ukraine auftauchen", sagt er. Am Revers seiner Lederjacke trägt Raschupkin das schwarz-orange Georgsband, mit dem in Russland des Sieges über den Faschismus im Zweiten Weltkrieg gedacht wird. Im Westen der Ukraine kämpften damals Einheiten ukrainischer Nationalisten auf der Seite von SS und Wehrmacht. Russlands Präsident Wladimir Putin habe richtig gehandelt, er habe "mögliches Blutvergießen verhindert", sagt Raschupkin.

Ein Passant mischt sich ein, er mag das so nicht stehen lassen, es entsteht ein kleiner Streit. "Glauben Sie nicht, dass hier alle nach Russland wollen", ruft er. Der Mann stellt sich als Vitali vor, seinen Nachnamen mag er nicht nennen. "Ich habe vier Kinder", sagt er entschuldigend, er habe Angst vor Repressionen durch die neuen Machthaber.

Vitali ist 35, er hat ein kleines Geschäft für Baumaterialien. "Ich bin in der Ukraine aufgewachsen, ich will auch in der Ukraine bleiben", sagt er. Als in der vergangenen Woche Gegner und Befürworter der Maidan-Regierung in Simferopol auf die Straße gingen, war er dabei - auf Seiten der Anhänger der Revolution. "Wir waren doppelt so viele wie die Russen", erzählt er. "Aber dann haben sie in der Nacht darauf einfach frech das Militär geschickt. Wie kann das sein?"

Der Kreml rechtfertige die Invasion mit einer Gefährdung von Russen. "Ich habe hier aber noch nie gesehen, dass Russen bedrängt worden wären", sagt Vitali. Bevor er weiter muss, macht er seinem Unmut über die russische Führung noch einmal richtig Luft. Putin sei ein Schuft, statt der am Boden liegenden Ukraine zu helfen, "nutzt er Kiews Schwäche dreist für seinen Vorteil".

"Wir werden immer ein Subjekt zweiter Klasse sein"

Während in Sewastopol, der Hafen von Russlands Schwarzmeerflotte, die Moskauer Intervention bejubelt wird, schauen die Bürger der nördlich gelegenen Provinzhauptstadt Simferopol mit gemischten Gefühlen auf das russische Militär.

"Russland ist auch keine Garantie, dass wir unsere Probleme lösen werden, wir müssen unser Schicksal eigentlich in die eigene Hand nehmen", sagt Swetlana, 21, Wirtschaftsstudentin. Sie steht in einem Hinterhof nahe des Parlaments und diskutiert die Lage mit Bekannten, mit Dmitrij und Kristina. "Russland ist für mich ein fremdes Land, wir werden für Moskau immer nur ein Subjekt zweiter Klasse sein", sagt sie.

Swetlana plädiert für eine weitgehende Autonomie der Krim. Einen Beitritt zu Russland will sie nicht, aber das Verhalten der Nationalisten in Kiew hat auch sie aufgeschreckt. "Ich verstehe nicht, warum sie uns die ukrainische Sprache aufzwingen wollen", sagt sie. Auf der Krim und im Osten spreche kaum jemand Ukrainisch. Trotzdem hatte die Zentralregierung vor ein paar Jahren Vorlesungen an Swetlanas Universtität in Simferopol ausschließlich auf Ukrainisch angeordnet. Das Vorhaben scheiterte auch daran, dass sich auf der Krim nicht genug Dozenten fanden, die der Sprache mächtig gewesen wären.

Er sei Russe, sagt Dmitrij, 30, aber die Ukraine sei seine Heimat. Er ist Programmierer und hat auch in Russland gearbeitet. "Wenn meine Freunde dort über Putin reden, senken sie die Stimme und schauen sich sicherheitshalber um, ob niemand Fremdes lauscht", sagt er. "So etwas will ich nicht, ich will in Freiheit leben." Von Zusammenstößen zwischen Russen und Ukrainern habe er nichts gehört.

Kristina, 21, Jurastudentin, wiegt den Kopf. Ihre Mutter hat ihr von den Demonstrationen der Tataren berichtet, sie hätten Ende Februar Straßen gesperrt und selbst Krankenwagen nicht mehr passieren lassen. Sie seien bewaffnet gewesen mit Knüppeln. "Es ist nicht toll, dass fremde Soldaten mit Waffen auf unseren Straßen patrouillieren", sagt sie. "Wenn sie aber dafür sorgen, dass es friedlich bleibt, dann sollen die Russen ruhig bleiben."

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