Krise der Elfenbeinküste Vom Musterland zum Horrorstaat

Einst war die Elfenbeinküste ein Musterstaat im Westen Afrikas. Doch seit Monaten streiten der Präsident und sein Herausforderer, wer die Wahlen gewonnen hat. Es ist ein blutiger Machtkampf, der täglich brutaler wird - und immer mehr Menschen zur Flucht zwingt.

AFP

Aus Abidjan berichtet


Véronique will nicht mehr. Aus Abobo, dem gefährlichsten Stadtviertel von Abidjan, wo sie nahe der Kaserne gewohnt hat, ist sie schon vor Wochen geflohen. Nach Marcory im Süden der Stadt. Doch auch das erscheint ihr inzwischen nicht mehr sicher. Eine Schwester, die in Europa lebt, hat auf verschlungenen Pfaden Geld geschickt.

Nun soll es weitergehen nach Osten. Sie sind sechs Erwachsene und drei Kinder. Im Bus an die Grenze zu Ghana, dann weiter bis nach Togo. Das Fliehen und Weiterziehen ist nicht ungewöhnlich im westlichen Afrika. Die Schule, die Véronique, 20, bis zuletzt besuchte, hat geschlossen, das Examen ist, da es ums nackte Überleben geht, erst einmal nachrangig. "Wir wollen nicht sterben", sagt Véronique. "Das sind doch zwei Sturköpfe, die sich da streiten."

Bizarrer Streit um das höchste Amt des Landes

Die Sturköpfe sind Laurent Gbagbo, der frühere Präsident der Elfenbeinküste, und Alassane Ouattara, der die Wahl im vergangenen November gewonnen hat. So sahen es jedenfalls alle unabhängigen Wahlbeobachter, jene aus der Europäischen Union genauso wie die der Uno oder der Afrikanischen Union (AU). Doch Gbagbo akzeptierte das Votum nicht, sprach von nicht ausgezählten Stimmen und Fälschung - und blieb in seinem Präsidentenpalast.

Kontrahent Ouattara wiederum kommt, von Gbagbos Soldaten umzingelt und Uno-Militärs geschützt, aus seinem Hotel nicht mehr heraus - wenn ihn nicht die Blauhelme mit ihren Hubschraubern heimlich herauschauffieren.

Noch ist kein Ende absehbar im bizarren Streit um das höchste Amt der Elfenbeinküste. Alle Versuche der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas, von Polit-Größen wie Thabo Mbeki (Südafrika), Raila Odinga (Kenia) oder Goodluck Jonathan (Nigeria) blieben bisher fruchtlos. Gbagbo will die Macht nur teilen, wenn er Präsident bleibt, Ouattara wiederum will gar nicht teilen, sondern allenfalls Gbagbo-Leute in die Regierung einbinden.

Und weil sie nicht teilen wollen und können, lassen sie ihre Truppen marschieren. An der Grenze zu Liberia im Westen rücken seit Wochen die "Forces Nouvelles" (FN) vor, eine Miliz, die sich vor Jahren aus der regulären Armee Gbagbos herauslöste und einen Putsch versuchte. Der ging schief, aber der nördliche Teil des Landes wird seither von den "Forces Nouvelles" beherrscht. Nun schieben sie sich nach Süden vor, vor allem im Westteil des Landes, nicht zuletzt um Gbagbos angeblichen Söldnern aus Liberia den Weg zu versperren.

"Die kleinen Rebellen werden sterben"

Lange hatte Ouattara es abgelehnt, sich mit den "Forces Nouvelles" in Verbindung bringen zu lassen. Die Scheu ist jetzt gefallen, die Milizen hat er inzwischen als "Ivorische Republikanische Kräfte (FRCI) bezeichnet. Sein Premierminister Guillaume Soro, einst Chef der "Forces Nouvelles", reist immer wieder in den umkämpften Westen, um dort die Front zu besichtigen. Angeblich sollen die Rebellen dort innerhalb kurzer Zeit fünf Städte besetzt und teilweise auch größere Mengen an Waffen erbeutet haben. Doch weil der Zugang schwierig ist, gibt es auch keine bestätigten Berichte über Geländegewinne oder gar Opferzahlen. Am Montag meldeten die Truppen Ouattaras dort die Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Duékoué.

Derweil konzentriert sich Gbagbo offensichtlich auf den Regierungssitz Abidjan. Sein Scharfmacher, Jugendminister Charles Blé Goudé, zugleich Anführer der militanten "Jungen Patrioten", rief am Wochenende bei einer Versammlung in Abidjan Tausende von Jugendlichen dazu auf, das Land "zu befreien". "Wir bringen sie jetzt um", "die kleinen Rebellen werden sterben" und andere Schlachtgesänge hallten über den Versammlungsplatz.

Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters rechtfertigte Blé Goudé seine Polemik: "Unser Land wird angegriffen; deshalb organisieren wir uns, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen". Am Montag morgen standen tausende von jungen Männern vor Gbagbos militärischem Hauptquartier Schlange, um sich registrieren zu lassen und bei der Herstellung von Ruhe und Ordnung mitzuwirken - vermutlich nicht zuletzt in der Hoffnung auf ein karges Salär.

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