Krise im Kaukasus Zwei-Fronten-Krieg drängt Georgien in Defensive

Russische Bomber fliegen erneut Luftangriffe auf Gori, abchasische Separatisten melden die Einnahme des umkämpften Kodori-Tals: Georgien gerät im eigenen Land komplett in die Defensive. Bei einem Angriff russischer Kampfjets kam ein niederländischer Journalist ums Leben.


Moskau/Tiflis/Stockholm - Die Straßen sind fast menschenleer, Autos sind kaum noch unterwegs - Gori, rund 60 Kilometer westlich von Tiflis, gleicht Zeugen zufolge einer Geisterstadt. Und dennoch nahmen russische Kampfjets die Stadt am Dienstag wieder unter Beschuss. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur Reuters berichtete als erster aus der Stadt, sprach von mehreren Einschlägen.

"Die Bomben schlugen vor und neben uns ein", sagte der Reporter, der nach eigenen Angaben mit seinem Wagen durch die verlassene Stadt fuhr - in einer Gegend, in der russische Flugzeuge schon früher Artilleriestellungen der georgischen Armee angegriffen hatten. Er habe mehrere Explosionen beobachten können, berichtete der Reporter, fünf Menschen seien tot und vier verletzt auf der Straße liegengeblieben. "Wir sind auf dem schnellsten Weg hier rausgefahren."

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Unter den Toten ist auch mindestens ein niederländischer Journalist. Das gab der Botschafter des Landes in Georgien bekannt. Den Namen des Toten, der für den Sender RTL gearbeitet habe, könne er nicht nennen, sagte Botschafter Onno Van Elderenbosch. Bei dem Bombenangriff wurde das Medienzentrum getroffen, das im obersten Stockwerk des Funkhauses von Gori eingerichtet worden war. Georgische Stellen berichteten, das Postgebäude und die Universität von Gori stünden in Flammen. Der Reuters-Fotograf sprach sogar von zwei toten Reportern.

Gori liegt südlich der umkämpften Region Südossetien. In der Nacht war es dort und im georgischen Kernland ruhig geblieben. Ein weiteres Vorrücken der russischen Truppen sei derzeit nicht zu beobachten, teilte der georgische Regierungschef Lado Gurgenidse nach Angaben der russischen Agentur Interfax in Tiflis mit.

Russland hatte zuvor Behauptungen aus Georgien dementiert, in Richtung der georgischen Hauptstadt vorzudringen. So seien etwa nach Gori lediglich Aufklärer geschickt worden. Bewohner der Geburtsstadt des Sowjetdiktators Stalin hatten am Montagabend von einer Einnahme der Stadt durch die russische Armee berichtet.

Moskau fordert Saakaschwili zum Rücktritt auf

Russlands Außenminister Sergej Lawrow sagte bei einem Gespräch mit mit dem finnischen Außenminister Alexander Stubb, man plane keinen Eroberungskrieg in Georgien. Die russische Armee sei nur in das von Georgien abtrünnige Gebiet Südossetien vorgerückt, um den Gewaltausbruch in der Region zu beenden und neue Aggressionen zu verhindern.

Lawrow forderte den georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili zum Rücktritt auf. Moskau werde nicht mit Saakaschwili verhandeln, erklärte der Außenminister.

Saakaschwili seinerseits beschuldigte Russland, in Abchasien eine "ethnische Säuberung" durchzuführen. Saakaschwilli sagte am Montagabend (Ortszeit) in einem Gespräch mit dem Nachrichtensender CNN, dass derzeit der größere Konflikt nicht Südossetien stattfinde, sondern in Abchasien. Die russischen Streitkräfte griffen auf breiter Front militärische und zivile Ziele in Georgien an. Es sei ein "kaltblütiger und brutaler" Angriff auf sein Land, sagte der Präsident. Aber Georgien "wird sich niemals ergeben".

Abchasien meldet Einnahme des Kodori-Tals

Am Morgen hatte sich im Südkaukasus-Konflikt auch die Lage an der zweiten Front in Abchasien verschärft. Um 6 Uhr morgens Ortszeit habe eine Offensive gegen georgische Truppen begonnen, sagte ein Sprecher der abchasischen Separatisten. Sie wollen die georgischen Einheiten aus dem nördlichen Teil der Kodori-Schlucht vertreiben. Es ist das einzige Gebiet der abtrünnigen georgischen Region Abchasien, das noch von georgischen Truppen kontrolliert wird.

Am Vormittag meldeten die Separatisten allerdings, sie würden inzwischen den Großteil des oberen Kodori-Tals kontrollieren. Die Orte Aschara und Tschchalta seien eingenommen, sagte der abchasische Präsident Sergej Bagapsch laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax. "Die abchasische Armee bewegt sich weiter erfolgreich zur Grenze mit Georgien."

Die Abchasen betrachten das obere Kodori-Tal, in dem wenige tausend Menschen leben, als ihr Territorium. Der georgische Präsident Micheil Saakaschwili hatte dort 2006 die dortigen Abchasen vertreiben und eine georgische Verwaltung errichten lassen. Abchasien hatte sich ebenso wie die abtrünnige Provinz Südossetien Anfang der 90er Jahre von Georgien abgespalten. Nach dem Völkerrecht gehören beide Gebiete jedoch weiter zu Georgien.

Russland hat in den vergangenen Tagen 9000 Soldaten und 350 Militärfahrzeuge in das Gebiet am Schwarzen Meer verlegt. Dies wurde mit der Unterstützung der bislang in Abchasien stationierten russischen Friedenstruppen begründet.

"Massive wirtschaftliche Schäden"

Schwedens Außenminister Carl Bildt stufte die Lage in Georgien am Dienstagmorgen als "ernst" ein. Der am Vorabend in der georgischen Hauptstadt Tiflis gelandete Minister sagte im Stockholmer Rundfunksender SR, Russland habe mit "Bodentruppen und ziemlich ausgedehnten Luftschlägen die georgischen Militäranlagen einschließlich Radarstationen, Kommunikation und Armeelager komplett zerstört". Durch die Angriffe seien auch "massive wirtschaftliche Schäden" für Georgien entstanden.

Bildt war als amtierender Vorsitzender des Ministerkomitees im Europarat zusammen mit dessen Generalsekretär Terry Davis nach Tiflis gereist. Er sagte, vor allem der Moskauer Regierungschef Wladimir Putin habe mehrfach von "Rache" als Motiv gegenüber einem kleinen Land gesprochen, das seinen eigenen Weg suche. Auf seiner persönlichen Internetseite schrieb Bildt: "Das Ziel der Russen scheint jetzt darin zu bestehen, Georgien militärisch und wirtschaftliche so stark zu schaden, dass dessen politische Widerstandskraft substanziell geschwächt wird."

Wegen des Krieges will der französische Staatspräsident und amtierende EU-Ratsvorsitzende Nicolas Sarkozy am Dienstag zu Vermittlungsgesprächen nach Russland und Georgien reisen. Sarkozy soll zunächst in Moskau mit dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew zusammentreffen und dann nach Tiflis reisen.

phw/dpa/AP/AP/Reuters

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