Krise im Kongo "Wir können den Krieg nach Kinshasa tragen"

Jules Simpeze Banga ist der neue Bürgermeister der Provinzstadt Rutshuru - er regiert, weil die Rebellen im Ostkongo die Regierungstruppen verjagt haben. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über seine Herrschaft, einen möglichen neuen Krieg und die Cholera.


SPIEGEL ONLINE: Herr Banga, wie steht es um die Sicherheit für die Menschen in Rutshuru?

Banga: Wir können für die Sicherheit nicht hundertprozentig garantieren. Wir durchsuchen die Häuser und neutralisieren die Feinde. Sie verstecken sich zwischen den Zivilisten. Aber heute ist es sicherer.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nun von den Rebellen als oberste Autorität eingesetzt. Was ist Ihre Aufgabe?

Banga: Wenn wir alle bewaffneten Personen ausgemacht haben, müssen wir uns um sauberes Wasser kümmern. Die Cholera ist ausgebrochen. Die Leute hungern, weil sie ihre Felder nicht bestellen konnten. Wir arbeiten mit den Hilfsorganisationen zusammen, die zurückgekehrt sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie ersetzen in dieser Region faktisch den kongolesischen Staat.

Banga: Der Staat konnte sich hier nicht durchsetzen. Jetzt regiert der CNDP ("Nationaler Kongress zur Befreiung des Volkes", Anm. d. Red.) die Region. Aber sie gehört immer noch zum kongolesischen Staat, auch wenn wir mit der Hauptstadt Kinshasa keine Kontakte haben. Wir fordern ein Treffen mit der Regierung.

SPIEGEL ONLINE: Welche Forderungen stellen Sie an die Regierung in Kinshasa?

Banga: Wir wollen direkt verhandeln. Es gibt im Ostkongo viele fremde Rebellengruppen, die von der Regierung akzeptiert werden. Warum bekämpfen sie nur uns? Das ist ungerecht. Wir fordern, dass die kongolesischen Flüchtlinge aus den Nachbarländern zurückkehren können. Das ist nicht möglich, solange die Regierung mit der FDLR zusammenarbeitet. Wenn sie das in der Hauptstadt nicht akzeptieren, werden wir den Krieg bis nach Kinshasa tragen.

SPIEGEL ONLINE: Was denken Sie, wie lange können Sie Ihre Stellung halten?

Banga: Ich kann keine Jahreszahl nennen. Es gibt Rebelleneinheiten, die schon mehrere Jahre eine Region unter Kontrolle haben. Krieg funktioniert nicht nach Regeln der Mathematik. Wenn die Bevölkerung uns akzeptiert, bleiben wir auch 20 oder 25 Jahre.

"Wir sorgen uns um die Menschen"

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten also, den Menschen in Rutshuru geht es unter Ihrer Herrschaft besser als unter der Regierung?

Banga: Die Truppen der Regierung haben die Bevölkerung malträtiert, sie bombardiert und ausgebeutet. Die Menschen starben, ohne dass es jemanden kümmerte. Wir sorgen uns um die Menschen. Jetzt können sie wenigstens ruhig und sicher schlafen. Dafür sind sie uns dankbar.

SPIEGEL ONLINE: Und wie steht es um die Flüchtlinge?

Banga: Die Menschen in Rutshuru teilen ihre Bananen mit ihnen. Das kann zwar den Hunger nicht stillen, aber zusammen mit den Hilfsorganisationen versuchen wir, die Situation zu verbessern. Immerhin bemühen wir uns. Nicht so wie die Regierung, die jahrelang die Leute hat verrecken lassen. Wir haben die Handelsstraße nach Uganda wieder geöffnet, die drei Monate lang geschlossen war.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie Rutshuru erobert? Hier gibt es keine Minen, die Profite abwerfen.

Banga: Es geht uns nicht um das Gold, das Koltan oder sonstige Reichtümer. Die internationale Gemeinschaft hat Milliarden in unser Land investiert. Aber bei der Bevölkerung im Osten ist nichts angekommen. Diejenigen, die von diesem Geld profitiert haben, die haben keinen Finger krumm gemacht.

"Wir wollen das ganze Land befreien"

SPIEGEL ONLINE: Woher beziehen Sie Ihre Ressourcen und das Geld, die Waffen und Söldner zu bezahlen?

Banga: Hat denn die Regierung ihre Soldaten bezahlt? Sie sind plündernd durch die Dörfer gezogen. Wir ziehen jetzt die Steuern von der Bevölkerung ein und bezahlen die Verwaltung. Die hat schon immer mit wenig Geld auskommen müssen. Selbst die MONUC gibt zu, dass wir als Rebellen mehr Disziplin haben und nicht vergewaltigen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der CNDP eine Marionette der ruandischen Regierung?

Banga: Immer dasselbe Lied. Ich kann nur klar sagen: Wir sind unabhängig. Man kann genauso behaupten, dass die Regierungstruppen eine Marionette der westlichen Länder oder der Chinesen sind. Es geht hier nicht um Hutu oder Tutsi. In unserer Einheit gibt es Tutsis und Hutus, in der Armee von Kabila ist es dasselbe. Ich bin ein Hutu, eingesetzt von einer angeblich Tutsi-dominierten Macht. Der CNDP hat eine nationale Vision. Wir wollen das ganze Land befreien. Und wenn es die Menschen in Kinshasa wollen, dann befreien wir auch sie.

Das Interview führte Simone Schlindwein



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