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Scharfschützen auf dem Maidan Heikles Telefonat zwischen Ashton und estnischem Minister veröffentlicht

Wer waren die Scharfschützen auf den Dächern um den Maidan in Kiew? In einem abgehörten Gespräch mit der EU-Außenbeauftragten Ashton hat Estlands Außenminister angedeutet, die neue Regierung in Kiew könne mit ihnen zu tun haben. Jetzt dementiert er diese Interpretation energisch.

Tallinn - Wer das Ende Februar geführte Telefonat abgehört und auf YouTube veröffentlicht hat, ist unklar. Fest steht: der Inhalt des Gesprächs zwischen Estlands Außenminister Urmas Paet und der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton ist heikel. Paet zeigt sich darin beunruhigt über die prowestliche Führung in Kiew.

Die neue ukrainische Regierung wolle die Todesschüsse während der Proteste in Kiew offenbar nicht aufklären, sagte Paet in dem am Mittwoch auch vom Moskauer Staatsfernsehen verbreiteten Telefonat. Der Mitschnitt ist auch im Internet zu sehen  (Hinweis: das Video zeigt schwer verletzte Opfer und Leichen).

Das Verhalten Kiews sei "beunruhigend", sagte Paet in dem Gespräch. Er bestätigte am Mittwoch die Echtheit des Mitschnitts. Der estnische Außenminister erwähnt darin den Verdacht einer ukrainischen Aktivistin, dass die Schüsse auf Demonstranten und Sicherheitskräfte von denselben Scharfschützen abgegeben worden seien. Es gebe demnach mehr und mehr Hinweise, dass hinter den Mördern "nicht (der entmachtete Präsident Wiktor) Janukowitsch, sondern jemand von der neuen Koalition" stehe, sagte Paet in dem Telefonat.

Paet wies jetzt mit Nachdruck zurück, eine Beurteilung darüber abgegeben zu haben, dass die damalige Opposition in Kiew an der Gewalt beteiligt gewesen sei. In Russland lief das Telefonat als Top-Nachricht bei der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Der staatliche Nachrichtensender Rossyia-24 übersetzte Teile des Gesprächs ins Russische und behauptete, die EU habe nun Beweise dafür, dass dieselben Scharfschützen auf Demonstranten und Polizei geschossen hätten.

Eine solche Interpretation wies die estnische Regierung am Mittwochabend scharf zurück: Der Außenminister beschuldige in dem Gespräch nicht die Gegner Janukowitschs, die Scharfschützen engagiert zu haben. "Er gibt einen Überblick darüber, was er am vorangegangenen Tag in Kiew gehört hat und drückt seine Betroffenheit über die Situation vor Ort aus", heißt es in der Stellungnahme der estnischen Regierung.

"Es ist äußerst bedauerlich, dass Telefonate abgehört werden", sagte Paet in Tallinn. Die Veröffentlichung des Anrufs sei "kein Zufall". Eine Sprecherin von Ashton sagte, es gebe keinen Kommentar zu dem veröffentlichten Gespräch.

Bei den blutigen Zusammenstößen in der Hauptstadt Kiew starben im Februar fast hundert Menschen. Die prowestliche Opposition hatte den Machtapparat um den damaligen Staatschef Janukowitsch beschuldigt, die Schüsse auf Demonstranten angeordnet zu haben.

mia/dpa/Reuters