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Krise in Hellas: Jenseits der Realität

Foto: FILIPPO MONTEFORTE/ AFP

Krise in Griechenland Schuld sind immer die anderen

Es ist ein Charaktertest für ein ganzes Land: Griechenland steht am Abgrund, muss brutal sparen, seine Einnahmen steigern. Doch Bevölkerung und Opposition verdrängen die Realitäten der Krise. An den Stammtischen sind sie sich einig - die wahren Schuldigen stecken im Ausland.

Er ist einer der bekanntesten Journalisten Griechenlands, und er ist Kult: Georgios Trangas, 60. Morgen für Morgen bezieht er Stellung und eckt an. In seinem zweistündigen Morgenmagazin "In Athen", das von einer privaten Radiostation landesweit ausgestrahlt wird, äußert er sich zu allem was die Griechen so bewegt. Und das schon seit vielen, vielen Jahren.

Trangas polarisiert. Im Frühjahr rief er tagelang zum Boykott deutscher Waren und Produkte auf, als Antwort auf die Medienschelte aus Berlin, Hamburg oder München. Er schießt gegen die eigene Regierung und ihr Sparprogramm, er fordert Geschlossenheit und warnt vor einer "Spaltung der Gesellschaft". Und er schafft damit für sein Magazin Einschaltquoten und Marktanteile, die nahezu konkurrenzlos sind.

"Da draußen warten zwei SPIEGEL-Journalisten", ruft Trangas zum Abschied seinen Hörern zu, "was soll ich ihnen bloß sagen?" Er hebt beschwörend die Stimme und schickt als Antwort die Parolen in den Äther: "Kopf hoch an alle" und "Ruhe bewahren".

Die tragischen Bilder sind noch frisch: ausgebrannte Banken, drei Todesopfer, darunter die hübsche junge Frau, im vierten Monat schwanger. Doch Trangas wirkt nicht sonderlich bedrückt oder berührt. Ein wenig leiser vielleicht als sonst, aber nicht weniger bestimmt. "Wir haben alle damit gerechnet", sagt er, als die Mikrofone aus sind, zu den tragischen Folgen des Brandanschlags, "die Leute sind wie ein Vulkan".

Trangas ist kein Linker. Er zählt sich eher zum sogenannten völkisch rechten Flügel der bürgerlichen Nea Dimokratia, deren Ministerpräsident Konstantin Karamanlis seinem Nachfolger Georgios Papandreou all die getürkten Zahlen und Statistiken hinterlassen hat.

Jetzt sitzt der Radiomann am Konferenztisch seines Senders. Im Rugbyshirt einer Edelmarke mit schwerer Golduhr am Arm redet er von der Korruption in seinem Land. "So viel Korruption", stöhnt er und senkt angesichts der schweren moralischen Last theatralisch den Blick, wie unter Verschwörern. "Aber auch deutsche Unternehmen haben davon profitiert", sagt er: "Es gibt keinen Staatsauftrag an Deutschland und andere EU-Länder, der nicht durch Schmiergeldzahlungen stark überteuert war." Er will sagen: Nicht nur die Griechen sind die Bösen, alle haben mitgemacht und profitiert. Dann lebt es sich leichter mit dem schlechten Gewissen.

Trangas macht Meinung, zumindest Stimmung. Morgens im Radio, abends als Kommentator in einer der beliebtesten TV-Nachrichtenshows eines Privatsenders zur besten Sendezeit. Trangas schreibt Zeitungskolumnen, und er gibt auch ein kleines Sonntagsblatt heraus.

Mangel an Realitätssinn an den Stammtischen

Auf Leute wie Trangas, von denen es in der griechischen Presselandschaft einige gibt, kommt es an in den nächsten Wochen. Sie werden maßgeblich mitentscheiden, ob das radikale Programm des Sozialdemokraten Papandreou zum Umbau des Landes und zur Abwendung eines Staatsbankrotts den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung behält, den Meinungsumfragen signalisieren. Sie haben es mit in der Hand, den Widerstand gegen den schmerzhaften Sparkurs auf der Straße zu schüren, dem vorigen Donnerstag auch die beliebte ehemalige Athener Bürgermeisterin Dora Bakojannis, 56, politisch zum Opfer fiel.

Die Tochter des früheren Premiers Konstantin Mitsotakis, dessen Familie zusammen mit den Karamanlis' und Papandreous die drei Herrscherdynastien des demokratischen Griechenland bildet, war zuletzt Außenministerin unter Karamanlis. Bei der Urwahl zu seinem Nachfolger an der Spitze der Nea Dimokratia war die Liberale dem rechten Kandidaten Antonis Samaras unterlegen, ein Richtungsentscheid, wie sich spätestens jetzt zeigt.

Bei der Abstimmung über das von EU und IWF geforderte zweite Sparprogramm votierte sie vorigen Donnerstag als einzige Abgeordnete der oppositionellen Karamanlis-Partei für die Regierung. Daraufhin flog sie erst aus der Fraktion und gleich danach aus der Partei. Nun wird sie wohl eine neue politische Gruppierung aufbauen und auch noch das herkömmliche Parteiensystem erbeben lassen.

Wie der griechischen Opposition mangelt es auch dem prominenten Radiomann an der nötigen Einsichtsfähigkeit in die ökonomischen Realitäten. Bei der Suche nach Schuldigen ist Trangas vor allem jenseits der Grenzen unterwegs, und dabei spricht er für viele seiner Landsleute. "Was haben die europäischen Regierungen wirklich gewusst über die paradoxe Verschuldung Griechenlands und warum haben sie das zugelassen?" Das sei für ihn eine "ganz zentrale Frage", sagt er, eine Frage, die vor allem die Stammtische beherrscht.

Legendenbildung um die tödlichen Krawalle

Im Fragen stellen ist Trangas ganz groß, nur um Antworten, da drückt er sich gern herum. "Ich verstehe überhaupt nicht, wie eine europäische Politikerin wie Kanzlerin Merkel mit solcher Absolutheit den IWF unter amerikanischem Einfluss in die Euro-Zone hineinlassen konnte", fragt er auch, "was hat der hier zu suchen?"

Was die Alternative gewesen wäre? "Dass der IWF hier ist und unter Einfluss der Amerikaner Maßnahmen fordert, das liefert den Treibstoff für die Proteste", sagt er statt einer Antwort. Der Anti-Amerikanismus, seit langem sehr beliebt in Griechenland, treibt neue Blüten, jetzt befeuert er die Argumente des Widerstands gegen das rigorose Sparprogramm.

Es ist das Geheimnis eines Teils der griechischen Gesellschaft, sich der harten Realität konsequent durch Entschuldigungen, Larmoyanz und Legendenbildung zu entziehen. So ist zum Beispiel überall zu hören, bei seriösen Journalisten wie bei Unternehmern und Politikern, dass hinter den Brandopfern der vorigen Woche nicht etwa verantwortungslose Krawallmacher steckten, die dabei sogar beobachtet wurden. Es seien vielmehr "Provokateure" am Werk gewesen, heißt es hinter vorgehaltener Hand, noch dazu "der Regierung", die den Protest auf der Straße diskreditieren wollten.

Versteckte Swimmingpools im Speckgürtel

Auch das ist Griechenland im Zeichen der Krise. Und genau das ist es, was selbst bei wohlmeinenden Beobachtern den Optimismus dämpft, jene Zuversicht, dass die Regierung Papandreou mit ihrer Ernsthaftigkeit und Hartnäckigkeit auch Erfolg haben könnte.

Denn Sparen allein wird nicht reichen. Griechenland braucht eine massive Steigerung seiner Einnahmen, und das ist zugleich der Charaktertest für das Land. Denn mehr Einnahmen bedeuten mehr Steuerehrlichkeit und weniger Schwarzarbeit, mehr Konsum und weniger Kapitalflucht, mehr Wettbewerb und weniger Korruption, mehr Wachstum und weniger Schattenwirtschaft. An diesen Fragen wird sich mit entscheiden, ob das Land nur am Abgrund steht und einen Weg zurück findet, oder ob es schon einen Schritt weiter ist.

Dafür muss den Griechen die soziale Blance der Sparmaßnahmen und Strukturveränderungen begreifbar gemacht werden. Dafür braucht es Mittler in den Medien, und dafür braucht es glaubwürdige Beispiele.

Die gibt es, glaubt der Wirtschaftswissenschaftler Jens Bastian, 50. Der Ökonom ist an der Stiftung Eliamep, die vergleichbar mit der deutschen Stiftung für Wissenschaft und Politik ist, zuständig für Südosteuropa und damit für Griechenland. Er hält die schmerzhaften Eingriffe durchaus für "sozial ausgewogen". Nicht nur, weil zum Beispiel die Kürzung der 13. und 14. Monatsgehälter im öffentlichen Dienst einkommensabhängig gestaltet ist.

Auch ein anderes Beispiel spreche für die politische Glaubwürdigkeit der Regierung, glaubt er. Und dann erzählt Bastian die Geschichte von den privaten Swimmingpools.

Die geht so: In den nördlichen Vororten von Athen haben lediglich 324 Hausbesitzer freiwillig ihren Gartenpool bei den Steuerbehörden deklariert, tatsächlich gibt es allein in dieser Region im vornehmen Speckgürtel der Hauptstadt nach neuen amtlichen Erhebungen aber 16.974 private Schwimmbecken. Die wurden verheimlicht, um den Wert des Hauses zu drücken und Steuern zu sparen, eventuell sogar, weil sie illegal gebaut wurden. Sie alle müssen jetzt mit einer Neueinstufung des Grundwertes rechnen und zumindest mit saftigen Steuernachforderungen.

Zu den sozialen Ungereimtheiten gehört auch, dass rund 450 Ärzte lediglich 10.000 Euro Jahresgehalt bei den Steuerbehörden deklariert haben - sie müssen jetzt damit rechnen, zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Die Preise kommen langsam in Bewegung

Eine entscheidende Bedeutung für den Erfolg des Sanierungsprogramms kommt allerdings auch der Frage zu, ob die Regierung neues und ausreichendes Wachstum generieren kann. Auch da ist der Wirtschaftswissenschaftler, der seit 13 Jahren in Griechenland lebt, durchaus optimistisch, er sieht Potential vor allem durch die geplante Liberalisierung des Arbeitsmarkts. Viele selbständige Berufe, Architekten, Rechtsanwälte, Ärzte, Apotheker, Taxi- oder Transportunternehmer etwa, seien bislang "kartellmäßig organisiert", sagt Bastian, "das waren geschlossene Berufe". Diese Barrieren würden jetzt "aufgespalten". Das schaffe neue "Zukunftschancen für junge Leute" und mehr Wettbewerb. "Bisher war es billiger einen Container mit Baumaterial von China nach Athen zu schaffen, als von hier nach Rhodos", erzählt wie zur Bestätigung der Architekt und Bauunternehmer Gerassimos Drimaropoulos.

Auch für die "Akquirierung ausländischer Direktinvestitionen", die seit 2004 "stark vernachlässigt" worden sei, sieht Ökonom Bastian durchaus Chancen. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Griechen ausstehende Rechnungen endlich bezahlten.

Zu alledem müsse das Land billiger werden. "Griechenland ist viel zu teuer", sagt Bastian, "das ist die Alltagserfahrung der Griechen, aber auch der ausländischen Touristen". Die Preise fangen an, langsam in Bewegung zu kommen, Bastian rechnet in den kommenden Monaten mit einer deutlichen "Preisanpassung nach unten".

Das sind Prognosen ganz nach dem Geschmack von Kultmoderator Trangas. Sein Land braucht vor allem Zeit, glaubt er, und Vertrauen. "Die Griechen sind Kämpfer", sagt Trangas, "und in der Regel auch in schwierigen Zeiten erfolgreich". Das wird sich zeigen.

Mitarbeit: Ferry Batzoglou

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