Krise in Griechenland Schuld sind immer die anderen

Es ist ein Charaktertest für ein ganzes Land: Griechenland steht am Abgrund, muss brutal sparen, seine Einnahmen steigern. Doch Bevölkerung und Opposition verdrängen die Realitäten der Krise. An den Stammtischen sind sie sich einig - die wahren Schuldigen stecken im Ausland.

AFP

Aus Athen berichtet


Er ist einer der bekanntesten Journalisten Griechenlands, und er ist Kult: Georgios Trangas, 60. Morgen für Morgen bezieht er Stellung und eckt an. In seinem zweistündigen Morgenmagazin "In Athen", das von einer privaten Radiostation landesweit ausgestrahlt wird, äußert er sich zu allem was die Griechen so bewegt. Und das schon seit vielen, vielen Jahren.

Trangas polarisiert. Im Frühjahr rief er tagelang zum Boykott deutscher Waren und Produkte auf, als Antwort auf die Medienschelte aus Berlin, Hamburg oder München. Er schießt gegen die eigene Regierung und ihr Sparprogramm, er fordert Geschlossenheit und warnt vor einer "Spaltung der Gesellschaft". Und er schafft damit für sein Magazin Einschaltquoten und Marktanteile, die nahezu konkurrenzlos sind.

"Da draußen warten zwei SPIEGEL-Journalisten", ruft Trangas zum Abschied seinen Hörern zu, "was soll ich ihnen bloß sagen?" Er hebt beschwörend die Stimme und schickt als Antwort die Parolen in den Äther: "Kopf hoch an alle" und "Ruhe bewahren".

Die tragischen Bilder sind noch frisch: ausgebrannte Banken, drei Todesopfer, darunter die hübsche junge Frau, im vierten Monat schwanger. Doch Trangas wirkt nicht sonderlich bedrückt oder berührt. Ein wenig leiser vielleicht als sonst, aber nicht weniger bestimmt. "Wir haben alle damit gerechnet", sagt er, als die Mikrofone aus sind, zu den tragischen Folgen des Brandanschlags, "die Leute sind wie ein Vulkan".

Trangas ist kein Linker. Er zählt sich eher zum sogenannten völkisch rechten Flügel der bürgerlichen Nea Dimokratia, deren Ministerpräsident Konstantin Karamanlis seinem Nachfolger Georgios Papandreou all die getürkten Zahlen und Statistiken hinterlassen hat.

Jetzt sitzt der Radiomann am Konferenztisch seines Senders. Im Rugbyshirt einer Edelmarke mit schwerer Golduhr am Arm redet er von der Korruption in seinem Land. "So viel Korruption", stöhnt er und senkt angesichts der schweren moralischen Last theatralisch den Blick, wie unter Verschwörern. "Aber auch deutsche Unternehmen haben davon profitiert", sagt er: "Es gibt keinen Staatsauftrag an Deutschland und andere EU-Länder, der nicht durch Schmiergeldzahlungen stark überteuert war." Er will sagen: Nicht nur die Griechen sind die Bösen, alle haben mitgemacht und profitiert. Dann lebt es sich leichter mit dem schlechten Gewissen.

Trangas macht Meinung, zumindest Stimmung. Morgens im Radio, abends als Kommentator in einer der beliebtesten TV-Nachrichtenshows eines Privatsenders zur besten Sendezeit. Trangas schreibt Zeitungskolumnen, und er gibt auch ein kleines Sonntagsblatt heraus.

Mangel an Realitätssinn an den Stammtischen

Auf Leute wie Trangas, von denen es in der griechischen Presselandschaft einige gibt, kommt es an in den nächsten Wochen. Sie werden maßgeblich mitentscheiden, ob das radikale Programm des Sozialdemokraten Papandreou zum Umbau des Landes und zur Abwendung eines Staatsbankrotts den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung behält, den Meinungsumfragen signalisieren. Sie haben es mit in der Hand, den Widerstand gegen den schmerzhaften Sparkurs auf der Straße zu schüren, dem vorigen Donnerstag auch die beliebte ehemalige Athener Bürgermeisterin Dora Bakojannis, 56, politisch zum Opfer fiel.

Die Tochter des früheren Premiers Konstantin Mitsotakis, dessen Familie zusammen mit den Karamanlis' und Papandreous die drei Herrscherdynastien des demokratischen Griechenland bildet, war zuletzt Außenministerin unter Karamanlis. Bei der Urwahl zu seinem Nachfolger an der Spitze der Nea Dimokratia war die Liberale dem rechten Kandidaten Antonis Samaras unterlegen, ein Richtungsentscheid, wie sich spätestens jetzt zeigt.

Bei der Abstimmung über das von EU und IWF geforderte zweite Sparprogramm votierte sie vorigen Donnerstag als einzige Abgeordnete der oppositionellen Karamanlis-Partei für die Regierung. Daraufhin flog sie erst aus der Fraktion und gleich danach aus der Partei. Nun wird sie wohl eine neue politische Gruppierung aufbauen und auch noch das herkömmliche Parteiensystem erbeben lassen.

Wie der griechischen Opposition mangelt es auch dem prominenten Radiomann an der nötigen Einsichtsfähigkeit in die ökonomischen Realitäten. Bei der Suche nach Schuldigen ist Trangas vor allem jenseits der Grenzen unterwegs, und dabei spricht er für viele seiner Landsleute. "Was haben die europäischen Regierungen wirklich gewusst über die paradoxe Verschuldung Griechenlands und warum haben sie das zugelassen?" Das sei für ihn eine "ganz zentrale Frage", sagt er, eine Frage, die vor allem die Stammtische beherrscht.



insgesamt 112 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ProPolizei, 12.05.2010
1. Die Antwort ist einfach
Charaktertest nicht bestanden!
RubyRhod 12.05.2010
2. Ja, wie wahr!
Die Griechen sind ehrenwerte, einsichtige Kämpfer, genau. Vielleicht sollten die Griechen allerdings mal im 21. Jahrhundert ankommen? Wie wäre das denn mal zur Abwechslung?
hansausberlin 12.05.2010
3. Griechenland und Griechen
Ich kann, wie viele andere auch, diese Wörter nicht mehr hören. Für mich ganz klar die Favoriten für das Unwort des Jahres 2010.
the_flying_horse, 12.05.2010
4. ein gesellschaftspolitisches Problem
In Griechenland ist das ganze Ausmaß der Krise auch ein gesellschaftspolitisches Problem; da haben sich jahrelange Mißwirtschaft und Korruption als normal etabliert, da jetzt zurückk zu steuern wird schwer. Dazu hier ein interessanter Bericht eines Meeresbiologen, der mit dem WDR gerade einen Filmbericht über Griechenland gedreht hat (runter scrollen bis zum Artikel "Eine kurze, düstere Zusammenfassung meiner Eindrücke nach 2 Wochen Griechenland "):http://www.fnz.at/fnz/forum/phpBB2/viewtopic.php?f=63&t=4782&start=30 Was dort beschrieben wird, und sich mit meinen Erfahrungen aus Griechenland deckt, ist schon bedenklich. Da brennt es an allen Ecken und Enden...
hartsch 12.05.2010
5. Unwort des Jahres
Zitat von hansausberlinIch kann, wie viele andere auch, diese Wörter nicht mehr hören. Für mich ganz klar die Favoriten für das Unwort des Jahres 2010.
nicht schlecht, aber es geht noch besser: "alternativlos"
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.