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15. Juni 2008, 11:01 Uhr

Krise in Simbabwe

Hitlers Fan in Harare

Von Karl-Ludwig Günsche

Seine Todesschwadrone jagen Oppositionspolitiker, den Hunger seines Volkes setzt er als Waffe ein, die Medien hat er kaltgestellt: Der greise Robert Mugabe geht im Endkampf um die Macht in Simbabwe bis zum Äußersten - und droht sogar mit Bürgerkrieg.

Er ist 84 Jahre alt. Seit 28 Jahren regiert er sein Land, erst als weltweit gefeierter Befreiungskämpfer, dann als gefürchteter Diktator, der öffentlich seine Sympathie für Hitler bekundet. Er hat sein Land ruiniert, sein Volk in Angst und Schrecken versetzt. Jetzt riskiert Simbabwes Präsident Robert Mugabe sogar den Bürgerkrieg, um mit seiner Clique an der Macht zu bleiben.

Diktator Mugabe: Droht mit Bürgerkrieg
AFP

Diktator Mugabe: Droht mit Bürgerkrieg

"Wenn Tsvangirai die Präsidentschaftswahl gewinnt, werden die Veteranen des Freiheitskampfes wieder in den Busch gehen und kämpfen", verkündete er in dieser Woche bei eine Konferenz der militanten Jugendorganisation seiner Zanu-PF-Partei. "Sogar ich bin bereit, mich ihrem Kampf anzuschließen", beteuerte er. "Wir dürfen nicht zulassen, dass die Briten uns durch ihre Marionetten erneut dominieren."

Seine Handlanger drohen noch unverhüllter mit dem Bürgerkrieg als der "Genosse Bob": "Eine Stimmabgabe für Tsvangirai bedeutet Krieg", warnte der stellvertretende Verkehrsminister Hubert Nyanhongo die Simbabwer in dieser Woche bei einer Wahlversammlung. "Also, lasst uns diesen Krieg abwenden, in dem Ihr und ich getötet werden. Lasst uns für Präsident Mugabe stimmen."

Zwei Wochen vor der entscheidenden Stichwahl um das Präsidentenamt haben Mugabe und seine engsten Verbündeten die Weichen zum Endkampf um die Macht gestellt. In der ersten Runde am 29. März hatte Mugabes Zanu-PF zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit die Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments verloren. Sein Gegenkandidat Morgan Tsvangirai von der "Bewegung für einen demokratischen Wandel" (MDC) hatte ihn auch bei der Präsidentenwahl überrundet und in die Stichwahl gezwungen. "Wir haben den Abgrund gesehen", kommentiert die Staatszeitung "Herald", "wir sollten – zum Teufel noch mal – vor nichts mehr zurückschrecken." Seit der März-Wahl verbreiten Mugabe und seine Todesschwadrone gezielt Angst und Schrecken. 66 Oppositionelle sind bereits umgebracht worden. Hunderte wurden brutal zusammengeschlagen. Tausende wurden aus ihren Häusern vertrieben.

Nach südafrikanischen Medienberichten hat das Vereinigte Oberkommando Simbabwes sogar Kopfprämien für die Ermordung von MDC-Politikern ausgelobt. Die gefürchteten Zanu-Jugendmilizen sollen für jeden von ihnen getöteten Oppositionellen mit zehn Milliarden Simbabwe-Dollar belohnt werden. Das sind umgerechnet gerade mal 6,50 Euro. Wer die Hütte eines MDC-Politikers niederbrennt, bekommt dafür fünf Milliarden. Informationen über den Aufenthaltsort eines Oppositionspolitikers, der ins Visier der Todesschwadrone geraten ist, sind dem Diktator immerhin noch zwei Milliarden wert.

Durst nach "weißem Blut"

MDC-Führer Morgan Tsvangirai wird immer wieder schikaniert und festgenommen, fünfmal in dieser Woche. Zuletzt verhafteten Mugabes uniformierte Schlägerbanden ihn und elf weitere MDC-Funktionäre am Samstag für drei Stunden. Dann ließen sie ihn wieder laufen. Generalsekretär Tendai Biti, der eigentliche starke Mann der MDC, war am Samstag in Hand- und Fußfesseln dem Obersten Gericht in Harare vorgeführt worden, zwei Tage nach seiner Verhaftung. Sein Schicksal ist weiter ungeklärt. Ihm wird Hochverrat vorgeworfen. Schlimmstenfalls droht ihm die Todesstrafe.

Einer der schlimmsten Drahtzieher der Einschüchterungskampagne, der Stratege in Mugabes innerstem Zirkel, ist Emmerson Mnangagwa. Der 61-Jährige – bekannt und gefürchtet als "das Krokodil", hat den Vorsitz im Vereinigten Oberkommando, einer Art Junta, die Simbabwe in Mugabes Sinn regiert. Er war schon während des Unabhängigkeitskrieges Mugabes rechte Hand, sein Vertrauter und Handlanger. Er hat ihm als Geheimdienstchef gedient und war maßgeblich beteiligt, als Mugabe in den achtziger Jahren 20.000 Mitglieder des Ndebele-Stammes buchstäblich abschlachten ließ.

Wie Mugabe selbst hat Mnangagwa, der auch 30 Jahre lang Schatzmeister der Mugabe-Partei Zanu-PF war, sich unermesslich bereichert: Er besitzt Farmen, Unternehmen, Minen. Für die Ausführung der von Mnangagwa geplanten Bluttaten sind vor allem zwei Männer verantwortlich: Der Chef der Streitkräfte von Simbabwe, General Constantine Chiwenga, und Polizeichef Augustine Chihuri. Chiwengas Frau Jocelyn, eine frühere Barfrau, soll bei der Beschlagnahme einer von Weißen geführten Farm 2002 gesagt haben: "Ich habe seit 1980 kein weißes Blut mehr gekostet. Das hat mir gefehlt."

Mugabe setzt, wie US-Botschafter James McGee sagt, sogar den Hunger seines Volkes als "politische Waffe" ein. Die ausländischen Hilfsorganisationen hat er mit einem Arbeitsverbot belegt, weil sie angeblich gegen die Regierung gearbeitet haben. Doch nach Angaben der Hilfsorganisation "World Vision" hängt das Überleben von vier Millionen Simbabwern von der Nahrungsmittelhilfe dieser Organisationen ab: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung muss nach UN-Angaben mit einem Einkommen von weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt laut UN nur noch bei 35 Jahren.

James Elder, Unicef-Sprecher in Simbabwe, sagt: "Unicef allein hat dafür gesorgt, dass Hunderttausende Kinder Nahrungsmittel und gesundheitliche Versorgung erhielten." Ohne diese Hilfe drohe ihnen der Hungertod. Sicherheitskräfte beschlagnahmten in dieser Woche eine US-Lebensmittelspende von 20 Tonnen, die für eine Schule in Ost-Simbabwe bestimmt war. Später verteilten sie die erbeuteten Lebensmittel bei einer Wahlversammlung von Mugabes Gefolgsleuten. MDC-Anhänger bekommen die dringend benötigten Hilfsgüter nur noch, wenn sie ihren Ausweis oder ihre Wahlkarte abgeben – jedes Mal eine Stimme weniger für MDC-Chef Tsvangirai bei der Stichwahl in zwei Wochen.

Auch gegen die Wirtschaft Simbabwes wütet der Diktator inzwischen ungehemmt. Bei einem Treffen mit den Topleuten aus Banken, Minen, Tourismus und der Industrie machte er die Bosse für die galoppierende Inflation und den ökonomischen Zusammenbruch Simbabwes verantwortlich : "Sie haben sich gegen die Regierung gestellt und weigern sich, mit uns und unserer Politik zusammenzuarbeiten", tobte er. Sie seien keine Ehrenmänner. Mit den Briten hätten sie sich zusammengetan, um das Land in deren Hände zu treiben.

Kampf bis zum bitteren Ende

Nach außen schottet Mugabe sein Land immer mehr ab. Ausländische Medien wurden mit einer Luxussteuer von 40 Prozent belegt und sind damit kaum noch erschwinglich für einen normal verdienenden Simbabwer. Auf dem Land wurde die Kampagne "Dzikisai Madhishi" gestartet: TV-Empfang per Satellit soll unterbunden werden, damit die Landbevölkerung nichts über die Zustände im Land erfährt. Ausländische Journalisten dürfen nur noch mit einer Sondergenehmigung einreisen.

Das Staatsfernsehen berichtet weder über die gewalttätigen Ausschreitungen noch über die Wahlveranstaltungen der MDC. Acht führende Mitarbeiter des Staatsfernsehen wurden gefeuert, weil sie der MDC Sendezeiten einräumen wollten, die ihr per Gerichtsbeschluss zugestanden worden waren. Die Oppositionsbewegung beklagt in einer Stellungnahme: "Das Regime ist entschlossen, Simbabwe vom Rest der Welt abzuschneiden. Das Volk soll weder erfahren, was im Land vorgeht, noch Informationen von außen darüber bekommen."

Der ausgeschiedene Präsidentschaftskandidat Simba Makoni, früher ein Mitstreiter Mugabes, fürchtet, dass die Stichwahl gar nicht mehr stattfinden kann. Für einen fairen und sicheren Ablauf müssten sofort mindestens 9000 unabhängige Wahlbeobachter in Simbabwe stationiert werden und den Urnengang kontrollieren. Doch die südafrikanische Staatengemeinschaft will nur wenige hundert Wahlbeobachter in das krisengeschüttelte Land schicken. Ein Angebot südafrikanischer Geschäftsleute, die Kosten zu tragen, ist abgelehnt worden.

Mugabe will kämpfen bis zum bitteren Ende. "Diese aufgeblasenen Marionetten und das Land übernehmen?" höhnte er am Samstag bei der Beerdigung eines Generals. "Das wird nie geschehen." Dann lieber Bürgerkrieg, heißt die neue Devise des greisen, grausamen Diktators.

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