Krise in Simbabwe Hitlers Fan in Harare

Seine Todesschwadrone jagen Oppositionspolitiker, den Hunger seines Volkes setzt er als Waffe ein, die Medien hat er kaltgestellt: Der greise Robert Mugabe geht im Endkampf um die Macht in Simbabwe bis zum Äußersten - und droht sogar mit Bürgerkrieg.

Von Karl-Ludwig Günsche


Er ist 84 Jahre alt. Seit 28 Jahren regiert er sein Land, erst als weltweit gefeierter Befreiungskämpfer, dann als gefürchteter Diktator, der öffentlich seine Sympathie für Hitler bekundet. Er hat sein Land ruiniert, sein Volk in Angst und Schrecken versetzt. Jetzt riskiert Simbabwes Präsident Robert Mugabe sogar den Bürgerkrieg, um mit seiner Clique an der Macht zu bleiben.

Diktator Mugabe: Droht mit Bürgerkrieg
AFP

Diktator Mugabe: Droht mit Bürgerkrieg

"Wenn Tsvangirai die Präsidentschaftswahl gewinnt, werden die Veteranen des Freiheitskampfes wieder in den Busch gehen und kämpfen", verkündete er in dieser Woche bei eine Konferenz der militanten Jugendorganisation seiner Zanu-PF-Partei. "Sogar ich bin bereit, mich ihrem Kampf anzuschließen", beteuerte er. "Wir dürfen nicht zulassen, dass die Briten uns durch ihre Marionetten erneut dominieren."

Seine Handlanger drohen noch unverhüllter mit dem Bürgerkrieg als der "Genosse Bob": "Eine Stimmabgabe für Tsvangirai bedeutet Krieg", warnte der stellvertretende Verkehrsminister Hubert Nyanhongo die Simbabwer in dieser Woche bei einer Wahlversammlung. "Also, lasst uns diesen Krieg abwenden, in dem Ihr und ich getötet werden. Lasst uns für Präsident Mugabe stimmen."

Zwei Wochen vor der entscheidenden Stichwahl um das Präsidentenamt haben Mugabe und seine engsten Verbündeten die Weichen zum Endkampf um die Macht gestellt. In der ersten Runde am 29. März hatte Mugabes Zanu-PF zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit die Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments verloren. Sein Gegenkandidat Morgan Tsvangirai von der "Bewegung für einen demokratischen Wandel" (MDC) hatte ihn auch bei der Präsidentenwahl überrundet und in die Stichwahl gezwungen. "Wir haben den Abgrund gesehen", kommentiert die Staatszeitung "Herald", "wir sollten – zum Teufel noch mal – vor nichts mehr zurückschrecken." Seit der März-Wahl verbreiten Mugabe und seine Todesschwadrone gezielt Angst und Schrecken. 66 Oppositionelle sind bereits umgebracht worden. Hunderte wurden brutal zusammengeschlagen. Tausende wurden aus ihren Häusern vertrieben.

Nach südafrikanischen Medienberichten hat das Vereinigte Oberkommando Simbabwes sogar Kopfprämien für die Ermordung von MDC-Politikern ausgelobt. Die gefürchteten Zanu-Jugendmilizen sollen für jeden von ihnen getöteten Oppositionellen mit zehn Milliarden Simbabwe-Dollar belohnt werden. Das sind umgerechnet gerade mal 6,50 Euro. Wer die Hütte eines MDC-Politikers niederbrennt, bekommt dafür fünf Milliarden. Informationen über den Aufenthaltsort eines Oppositionspolitikers, der ins Visier der Todesschwadrone geraten ist, sind dem Diktator immerhin noch zwei Milliarden wert.

Durst nach "weißem Blut"

MDC-Führer Morgan Tsvangirai wird immer wieder schikaniert und festgenommen, fünfmal in dieser Woche. Zuletzt verhafteten Mugabes uniformierte Schlägerbanden ihn und elf weitere MDC-Funktionäre am Samstag für drei Stunden. Dann ließen sie ihn wieder laufen. Generalsekretär Tendai Biti, der eigentliche starke Mann der MDC, war am Samstag in Hand- und Fußfesseln dem Obersten Gericht in Harare vorgeführt worden, zwei Tage nach seiner Verhaftung. Sein Schicksal ist weiter ungeklärt. Ihm wird Hochverrat vorgeworfen. Schlimmstenfalls droht ihm die Todesstrafe.

Einer der schlimmsten Drahtzieher der Einschüchterungskampagne, der Stratege in Mugabes innerstem Zirkel, ist Emmerson Mnangagwa. Der 61-Jährige – bekannt und gefürchtet als "das Krokodil", hat den Vorsitz im Vereinigten Oberkommando, einer Art Junta, die Simbabwe in Mugabes Sinn regiert. Er war schon während des Unabhängigkeitskrieges Mugabes rechte Hand, sein Vertrauter und Handlanger. Er hat ihm als Geheimdienstchef gedient und war maßgeblich beteiligt, als Mugabe in den achtziger Jahren 20.000 Mitglieder des Ndebele-Stammes buchstäblich abschlachten ließ.

Wie Mugabe selbst hat Mnangagwa, der auch 30 Jahre lang Schatzmeister der Mugabe-Partei Zanu-PF war, sich unermesslich bereichert: Er besitzt Farmen, Unternehmen, Minen. Für die Ausführung der von Mnangagwa geplanten Bluttaten sind vor allem zwei Männer verantwortlich: Der Chef der Streitkräfte von Simbabwe, General Constantine Chiwenga, und Polizeichef Augustine Chihuri. Chiwengas Frau Jocelyn, eine frühere Barfrau, soll bei der Beschlagnahme einer von Weißen geführten Farm 2002 gesagt haben: "Ich habe seit 1980 kein weißes Blut mehr gekostet. Das hat mir gefehlt."

Mugabe setzt, wie US-Botschafter James McGee sagt, sogar den Hunger seines Volkes als "politische Waffe" ein. Die ausländischen Hilfsorganisationen hat er mit einem Arbeitsverbot belegt, weil sie angeblich gegen die Regierung gearbeitet haben. Doch nach Angaben der Hilfsorganisation "World Vision" hängt das Überleben von vier Millionen Simbabwern von der Nahrungsmittelhilfe dieser Organisationen ab: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung muss nach UN-Angaben mit einem Einkommen von weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt laut UN nur noch bei 35 Jahren.

James Elder, Unicef-Sprecher in Simbabwe, sagt: "Unicef allein hat dafür gesorgt, dass Hunderttausende Kinder Nahrungsmittel und gesundheitliche Versorgung erhielten." Ohne diese Hilfe drohe ihnen der Hungertod. Sicherheitskräfte beschlagnahmten in dieser Woche eine US-Lebensmittelspende von 20 Tonnen, die für eine Schule in Ost-Simbabwe bestimmt war. Später verteilten sie die erbeuteten Lebensmittel bei einer Wahlversammlung von Mugabes Gefolgsleuten. MDC-Anhänger bekommen die dringend benötigten Hilfsgüter nur noch, wenn sie ihren Ausweis oder ihre Wahlkarte abgeben – jedes Mal eine Stimme weniger für MDC-Chef Tsvangirai bei der Stichwahl in zwei Wochen.

Auch gegen die Wirtschaft Simbabwes wütet der Diktator inzwischen ungehemmt. Bei einem Treffen mit den Topleuten aus Banken, Minen, Tourismus und der Industrie machte er die Bosse für die galoppierende Inflation und den ökonomischen Zusammenbruch Simbabwes verantwortlich : "Sie haben sich gegen die Regierung gestellt und weigern sich, mit uns und unserer Politik zusammenzuarbeiten", tobte er. Sie seien keine Ehrenmänner. Mit den Briten hätten sie sich zusammengetan, um das Land in deren Hände zu treiben.

Kampf bis zum bitteren Ende

Nach außen schottet Mugabe sein Land immer mehr ab. Ausländische Medien wurden mit einer Luxussteuer von 40 Prozent belegt und sind damit kaum noch erschwinglich für einen normal verdienenden Simbabwer. Auf dem Land wurde die Kampagne "Dzikisai Madhishi" gestartet: TV-Empfang per Satellit soll unterbunden werden, damit die Landbevölkerung nichts über die Zustände im Land erfährt. Ausländische Journalisten dürfen nur noch mit einer Sondergenehmigung einreisen.

Das Staatsfernsehen berichtet weder über die gewalttätigen Ausschreitungen noch über die Wahlveranstaltungen der MDC. Acht führende Mitarbeiter des Staatsfernsehen wurden gefeuert, weil sie der MDC Sendezeiten einräumen wollten, die ihr per Gerichtsbeschluss zugestanden worden waren. Die Oppositionsbewegung beklagt in einer Stellungnahme: "Das Regime ist entschlossen, Simbabwe vom Rest der Welt abzuschneiden. Das Volk soll weder erfahren, was im Land vorgeht, noch Informationen von außen darüber bekommen."

Der ausgeschiedene Präsidentschaftskandidat Simba Makoni, früher ein Mitstreiter Mugabes, fürchtet, dass die Stichwahl gar nicht mehr stattfinden kann. Für einen fairen und sicheren Ablauf müssten sofort mindestens 9000 unabhängige Wahlbeobachter in Simbabwe stationiert werden und den Urnengang kontrollieren. Doch die südafrikanische Staatengemeinschaft will nur wenige hundert Wahlbeobachter in das krisengeschüttelte Land schicken. Ein Angebot südafrikanischer Geschäftsleute, die Kosten zu tragen, ist abgelehnt worden.

Mugabe will kämpfen bis zum bitteren Ende. "Diese aufgeblasenen Marionetten und das Land übernehmen?" höhnte er am Samstag bei der Beerdigung eines Generals. "Das wird nie geschehen." Dann lieber Bürgerkrieg, heißt die neue Devise des greisen, grausamen Diktators.

insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mosambik, 15.06.2008
1. Destabilisierung in der gesamten Region
Einst von den Westländern gestützt und großzügig unterstützt, spielt Mugabe seine Position heute despotischer denn je aus, ohne daß ihm jemand das Handwerk legt. Die Flüchtlingsströme aus Zimbabwe und nun auch aus Südafrika in Richtung Mosambik schaffen hierzulande neue soziale Spannungen. Die ganze Region steht Kopf. Bei einer öffentlichen Debatte in Maputo wurde auch die mosaambikanische Regierung zu einem Ende der Diplomatie des Schweigens aufgefordert. Eine Stichwahl in der jetzigen Situation wäre eine Farce. www.kulturinstitut-maputo.com
anti_trust 15.06.2008
2. Stichwahl
Dann kann man nur hoffen, dass die Stichwahl am 27. Juni, 2008 eine Entscheidung zu Gunsten von Tsvangirai bringt. Es ist schon erstaunlich dass in einem Land wie Simbabwe, das in der Lebenserwartungsstatistik mittlerweile auf Platz 151 (von 177)abgerutscht ist (im Vgl: Deutschland liegt auf Platz 22)einen Diktator gibt der mittlerweile 84 Jahre alt ist und sich anscheinend bester Gesundheit erfreut. Das gibt einem schon zu denken - wie weit man mit fehlender sozialer Intelligenz und Machtgier kommt.
fritze meier, 15.06.2008
3. Und alle gucken zu
Es ist schon erstaunlich, wie lange sich Mugabe ohnehin in seinem System des Terrors gegen die Menschen in Zimbabwe halten konnte. Seit einigen Jahren ist das Land als gescheiterter Staat zu sehen, also als ein Land ohne funktionierende Regierung und Wirtschaft und einer nicht identifizierbaren Gesellschaftsform. Und dennoch erhält der Despot Rückendeckung bis heute durch Staatsoberhäupter nicht nur der Region, sondern ganz offen auch anderer Staaten vorrangig Afrikas und Asien. Triggers sind die wachsenden Machtansprüche definierter ethnischer Gruppen - im Zweifel unter dem Deckmäntelchen einer Befreiung aus kolonialistisch geprägten Strukturen, in der Realität jedoch als die Vorform menschenverachtender Warlordmanieren. Ähnliches droht Südafrika, die anstehenden Wahlen dort sind längst als Frage nach der "stärksten" ethnischen Gruppe zu verstehen und drücken unter Betrachtung der politischen Ziele der Kandidaten, der bereits lahmenden Jurisdiktion und der labilen Exekutive den drohenden Weg in die Sackgasse des südlichen Afrikas aus.
Michael Giertz, 15.06.2008
4. Macht korrumpiert ...
Zitat von sysopSeine Todesschwadrone jagen Oppositionspolitiker, den Hunger seines Volkes setzt er als Waffe ein, die Medien hat er kaltgestellt: Der greise Robert Mugabe geht im Endkampf um die Macht in Simbabwe bis zum Äußersten - und droht sogar mit Bürgerkrieg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,559769,00.html
... und dieser "feine Herr" ist ein besonders schönes Exemplar, dass Macht in den falschen Händen nichts gutes bewirkt. Da ist man glatt froh, in der Bananenrepublik Deutschland zu leben, in der noch die Menschlichkeit einen gewissen Wert hat, auch wenn der Abbau des Sozialstaates und die Einführung der totalen Überwachung eine Abkehr von diesem Wert darstellt. Die Frage ist allerdings folgende: Wenn Mugabe beseitigt wird, sei es auf legalem Wege (Wahl) oder durch Mord, was wird dann passieren? Der Mann mag zwar alle Fäden in der Hand halten, aber er wird definitiv schon einen (oder mehrere) Nachfolger bestimmt haben, die das Land weiter knechten, wenn er nicht mehr ist. Und dass er eine verlorene Wahl nicht anerkennen will und notfalls mit Gewalt seine Position behaupten wird, zeugt eigentlich nur davon, dass auf das Land noch viel schwerere Zeiten kommen werden, als es jetzt schon der Fall ist. Man muss sich das auch mal vorstellen: Die Wirtschaft ist so kaputtgespielt, dass 10 Mrd Dollar rund 6,50 Euro wert sind. Das heißt, die Binnenwirtschaft ist quasi nicht mehr am laufen und die Außenwirtschaft ist kaum ergiebig. Da wird auch ein Wechsel erstmal keine Änderung bringen. Natürlich ist es wünschenswert, wenn Mugabe verschwindet und seine Partei nicht länger regiert. Aber das Land wieder aufbauen kann auch die nächste Regierung nicht, da muss dringend ausländische Hilfe geholt werden. Zuallererst ist dabei die medizinische Hilfe sicherzustellen und die Agrarwirtschaft wieder in Gang zu bringen, hinzu kommen noch das Bildungswesen, damit es einen Grundstock an Fachleuten gibt, die die Wirtschaft am Laufen halten. Das ist 'ne ganze Menge Arbeit und wird natürlich Wasser auf den Mühlen derjenigen sein, die für eine Abschottung kämpfen und sich vom weisen Mann nicht helfen lassen wollen. Kann ich beinahe verstehen, denn wo der weise Mann hilft, kann niemand mehr helfen, so traurig es ist. Nur was tun? Simbabwe wird aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen, egal, ob nun Mugabe am Hebel sitzt oder irgendwer anders.
deltacentauri, 15.06.2008
5. Interessant auch, wer zu seiner Macht beigetragen hat...
Zitat von fritze meierEs ist schon erstaunlich, wie lange sich Mugabe ohnehin in seinem System des Terrors gegen die Menschen in Zimbabwe halten konnte. Seit einigen Jahren ist das Land als gescheiterter Staat zu sehen, also als ein Land ohne funktionierende Regierung und Wirtschaft und einer nicht identifizierbaren Gesellschaftsform. Und dennoch erhält der Despot Rückendeckung bis heute durch Staatsoberhäupter nicht nur der Region, sondern ganz offen auch anderer Staaten vorrangig Afrikas und Asien. Triggers sind die wachsenden Machtansprüche definierter ethnischer Gruppen - im Zweifel unter dem Deckmäntelchen einer Befreiung aus kolonialistisch geprägten Strukturen, in der Realität jedoch als die Vorform menschenverachtender Warlordmanieren. Ähnliches droht Südafrika, die anstehenden Wahlen dort sind längst als Frage nach der "stärksten" ethnischen Gruppe zu verstehen und drücken unter Betrachtung der politischen Ziele der Kandidaten, der bereits lahmenden Jurisdiktion und der labilen Exekutive den drohenden Weg in die Sackgasse des südlichen Afrikas aus.
Ich war 1981 in Südafrika, als dort die ersten, von Mobutu vertriebenen weißen Farmer eintrafen. Es war die Zeit, wo die 68er skandierten: "Weiße raus aus Südafrika". Dass die Weißen dort ebenfalls schon 200 Jahre lebten, interessierte nicht weiter. In Südafrika kursierte zu dieser Zeit folgender Spruch: Touristenwerbung in Rhodesien lautete: Come to Rhodesia and visit the ruins of Zimbabwe (Hierbei handelt es sich um eine Stadt, die um 1000 entstand und Zeuge einer ausgefeilten Kultur ist, sie gehört heute zum Weltkulturerbe). In 20 Jahren, so sagte man weiter, wird es heißen: Come to Zimbabwe and visit the ruins of Rhodesia. Und genau so ist es gekommen. Übrigens waren es bekannte Personen, die damals Geld für Mobutus Waffen sammelten: http://www.durchblick-gesundheit.de/content/red.otx/1177,52573,0.html?sID=9ef8a0e321dc36c8ff418fe9bb003fd3 Eine Jugendsünde? Mit 27? Naja!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.