Krisenrezepte Was Obama von Deutschland lernen kann

Die USA durchleiden die schwerste Krise seit Jahrzehnten. Präsident Obama bekämpft sie, indem er mit einem gigantischen Konjunkturprogramm die nächste vorbereitet. Der Kater ist programmiert - und wenn kein Wunder geschieht, wird er gigantisch ausfallen.
Von Gabor Steingart

Das Schönste an der Globalisierung ist, dass wir weltweit einkaufen können. Der Wein kommt aus Frankreich, der Flachbildschirm aus Korea und elegantere Schuhe aus Italien.

Auch Konzepte für gutes Regieren kann man global erwerben. Das Regal der Ideen ist gut gefüllt. Die derzeit begehrten Handlungsanleitungen "Wie rette ich eine Volkswirtschaft?" gibt es aus aller Herren Länder.

Präsident Obama: Kein Vergleichsangebot aus Deutschland eingeholt

Präsident Obama: Kein Vergleichsangebot aus Deutschland eingeholt

Foto: AP

Der neue US-Präsident wählte das heimische Produkt. Kauft amerikanisch, ist im Kernland der Krise gerade populär - auch wenn der Senat nun nach internationalen Protesten die umstrittene Klausel im Rettungspaket abgeschwächt hat. Es lag für Barack Obama nahe, sich für den XXL-Schuldenstaat mit angeschlossenem Beschäftigungsprogramm zu entscheiden. Der ehemalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt hat das Konzept entwickelt und in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts getestet.

FDR, wie man den Kriegs- und Krisenpräsidenten in Kurzform nennt, ist in Amerika anhaltend populär. Obama bezeichnet ihn als sein Vorbild.

Das Konzept funktioniert wie folgt: Man nehme Geld, das man nicht besitzt, lasse es auf das Volk regnen, und überall sprießen öffentliche Bauten. Unter FDR entstanden 900.000 Kilometer neue Straßen, 77.000 neue Brücken und 285 zusätzliche Flugplätze. Unter Obama sollen Millionen neue High-Speed-Internet-Anschlüsse gelegt werden, die Krankenversicherungen bekommen moderne Computersysteme, und die Parkanlagen des Capitol Hill in Washington werden frisch begrünt.

Schade, dass Obama kein Vergleichsangebot aus Deutschland eingeholt hat. Das hiesige Konkurrenzprodukt kann sich durchaus sehen lassen. Es ist billiger und langlebiger als alles, was sonst im Markt der Krisenkonzepte geboten wird. Es stammt aus den fünfziger Jahren und heißt "Stabilitätskultur".

Ohne Fleiß kein Preis

Es wurde in Handarbeit vom ehemaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard entworfen, besser bekannt unter seinem Pseudonym "Vater des Wirtschaftswunders". Das Erhardsche Konzept funktioniert nicht nur anders als das von Roosevelt, es riecht auch anders, zum Beispiel nach Schweiß.

Übermäßiger Kredit ist gemäß dieser Anleitung verboten. Geld müsse knapp und wertvoll sein, dann erst strengten sich alle an. Man erzielt die besten Ergebnisse, wenn man nach alter Väter Sitte verfährt, glaubte Erhard: Arbeite hart und vergiss das Sparen nicht. "Der Staat kann nichts leisten, was nicht aus der Kraft seiner Bürger fließt", lautete seine Botschaft. Er hätte auch sagen können: Ohne Fleiß kein Preis.

Der auffälligste Unterschied zwischen dem deutschen Produkt und dem, was Obama sich ins Einkaufskörbchen legte, sind die Zahlungsmodalitäten. Erhard bestand auf Barzahlung. Erst die Arbeit und dann das Vergnügen.

Das Roosevelt-Konzept ist in dieser Frage großzügiger, man könnte auch sagen: leichtsinniger. Es gelten dieselben Regeln, wie sie bis zum Ausbruch der Finanzkrise im Immobilienmarkt der USA üblich waren: Schlüsselübergabe heute, Anzahlung unnötig, die Rechnung wird später zugestellt, gern auch in Raten.

Der Schuldenstand der Regierung Roosevelt betrug im ersten Amtsjahr moderate 22 Milliarden Dollar, verdoppelte sich dann bis 1940 auf 50 Milliarden Dollar, 1943 waren daraus 143 Milliarden Dollar geworden, und im letzten Regierungsjahr stellte er seinen persönlichen Schuldenrekord auf: 260 Milliarden Dollar.

Roosevelt stellte den Weltschuldenrekord auf

Kein US-Präsident hat so hemmungslos auf Kredit regiert wie Roosevelt. Obama eifert ihm nun nach. 1500 Milliarden Dollar kreditfinanzierter Ausgaben sind bereits beim Kongress beantragt, weitere 2000 Milliarden könnten folgen, wenn der Bankensektor weiterhin nicht zur Ruhe kommt.

Um die Kosten, sagen die Verkäufer des FDR-Konzepts, soll sich niemand sorgen. Das sei ja gerade das Pfiffige an dem Produkt: Alles bezahlt sich von allein. Wenn ein Land ökonomisch über die Stränge geschlagen hat, so steht es in der Gebrauchsanleitung, soll es einfach weiterfeiern. Der fröhliche Zecher kennt keinen Kater.

Wer sich unwohl fühlt, hat nicht zu viel, sondern zu wenig aus der Kreditpulle getrunken. Der limitierende Faktor sei nicht Geld, feuert Nobelpreisträger Paul Krugman die Obama-Regierung noch an, sondern Zeit und Geschwindigkeit der Kreditaufnahme.

Erhard nannte solche Redensarten "Volksbetrug". Seine Schlüsselworte waren nicht Konsum und Kredit, sondern Lohn und Leistung. Er bestand auf geradezu störrische Art darauf, dass Arbeit und nur Arbeit die Grundlage von Wohlstand sei: "Wir müssen uns entweder bescheiden oder mehr arbeiten." Den dritten Weg, der in den Tresorraum der nächstbesten Bank führt, hielt er für eine Sackgasse.

Seine Bilanz wirkt auch im Rückblick beeindruckend. Er bescherte den Deutschen den längsten Aufschwung der Weltgeschichte, der von 1949 bis 1966 dauerte. Das eben noch kriegszerstörte Land schoss in dieser Zeit zur Exportnation auf, überflügelte zuerst die Franzosen, drei Jahre später die Briten und ab 1976 auch die Amerikaner. Das Geld blieb stabil und der Schuldenstand gering. Seit den späten fünfziger Jahren herrschte in Deutschland Vollbeschäftigung.

Das FDR-Konzept ist nicht annähernd so gut beleumundet. Gäbe es eine Pannenstatistik für politische Konzepte, würde es dort ganz oben rangieren. Als Kronzeuge wider das eigene Tun fungierte seinerzeit Finanzminister Henry Morgenthau.

Vor Gericht und im eigenen Tagebuch sagt ein Amerikaner die Wahrheit. Also zog der Minister gegen Ende der dreißiger Jahre in seinen persönlichen Aufzeichnungen folgende düstere Bilanz: "Wir geben mehr Geld aus als je zuvor, aber es funktioniert nicht. Nach acht Jahren haben wir so viel Arbeitslosigkeit wie zum Start unserer Regierung - und diese enormen Schulden."

Obama ist ein Roosevelt ohne Weltkrieg

Das Modell Roosevelt wäre bis heute unverkäuflich, wenn es dabei geblieben wäre. Doch Roosevelt war groß im Geldausgeben, noch größer aber war er im Kriegführen. Und am allergrößten war er im Krieg gewinnen. Er hatte zwar einen Weltschuldenrekord aufgestellt, aber er hatte im selben Jahr den ihm aufgenötigten Weltkrieg gegen Hitler-Deutschland gewonnen. Sein Geldeinsatz, mit dem er zuletzt vor allem die Rüstungsmaschinerie befeuerte, wurde nach 1945 hochprozentig verzinst.

Amerikas Unternehmen drangen in das kriegszerstörte Europa vor, und das Land konnte sich aus der Kreditfalle heraus exportieren. Die Gewinne der Firmen sprudelten. Die amerikanische Mittelschicht entstand. 15 Jahre nach Kriegsende war die Schuldenlast weitgehend beseitigt.

Aber diese FDR-Originalversion ist - Gott sei Dank, muss man sagen - nicht mehr lieferbar. Obama ist ein Roosevelt ohne Weltkrieg. Die Staatsschulden, die er dem Land gerade aufbürdet, dienen keinem höheren Zweck als dem, den Kater der Amerikaner einmal mehr zu verschieben.

Obama lindert die Krise - indem er die nächstgrößere vorbereitet. Der Kater aber wird kommen. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird er aussehen wie ein Grizzly.

Apropos Wunder: Erhard trägt gehörige Mitschuld, dass sein Konzept heute als Ladenhüter gilt. Er war kein Freund der Verpackung. Schon die Bezeichnung "Wirtschaftswunder", die das staunende Volk sich ausgedacht hatte, war ihm zuwider. Wer diesen Ausdruck in seiner Gegenwart benutzte, wurde von ihm gerüffelt: "Es gibt keine Wunder", sagte er dann.

So kann Deutschland heute zwar Autos, Maschinen und Riesling exportieren, nicht aber seine Stabilitätskultur. Schweiß verkauft sich so schlecht.

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