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07. Mai 2010, 14:16 Uhr

Krisenstimmung in Spanien

"Meine Wohnung. Mein Geld. Mein Alptraum"

Aus Madrid berichtet

Bau-Boom, schnelle Kredite und Mega-Wachstum: Spanien steigerte sich in einen kollektiven Kaufrausch - bis die Blase platzte. Hunderttausende haben sich überschuldet und mussten ihre Wohnungen verlassen. Doch die Banken wittern schon den nächsten Deal.

Auf einem Flur mit grauen Plastikstühlen endet für Erick Játiva ein Traum. Hier, in dem Gerichtsgebäude im Norden von Madrid, hängt seine Wohnung aus: Größe, Preis, Termin der Auktion. Ein Zettel neben vielen, eine Zwangsversteigerung von vielen. Játivas Wohnung gehört der Bank. Weil er sich irgendwann fragte: Will ich meine Hypothek zahlen oder will ich essen? Mit 32 Jahren hat Játiva 400.000 Euro Schulden.

In diesem Flur sitzen Leute, die alles verloren haben. Mehr als 180.000 Wohnungen werden dieses Jahr wohl zwangsversteigert, insgesamt werden damit innerhalb von drei Jahren 350.000 Familien ihre Häuser verlassen haben. Im Gerichtsgebäude türmen sich die Akten. 19 Zwangsversteigerungen innerhalb von anderthalb Stunden, das ist ein normaler Tag. Zum ersten, zum zweiten, zum dritten. Die Vertreter der Banken nicken sich zu, schnappen ihre Akten, drücken den Fahrstuhlknopf.

So enden viele Geschichten.

Erick Játivas Geschichte beginnt an einem Dezembertag vor sechs Jahren. Da nimmt er sich frei und lädt seine Familie ins Restaurant ein. 250.000 Euro hat er gerade für eine Wohnung gezahlt, ein guter Preis für die 65 Quadratmeter im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses, findet er. Viele Jahre hat hier keiner gewohnt, er will selbst renovieren, um zu sparen. Die Schwiegereltern leben nicht weit entfernt, sie sollen ab und zu auf die Kinder aufpassen.

Mieten ist teuer, denkt Játiva. In Spanien kauft man. Also setzt er seine Unterschrift unter einen Vertrag, der eine Hypothek von einer Laufzeit über 30 Jahre vorsieht. Mit 66 Jahren hätte er sie abbezahlt.

Es geht doch aufwärts in Spanien. Der Bausektor boomt, es gibt Jobs für alle - und die Chance auf ein komfortables Leben. Das befeuert den Traum auf Pump: Dass du alles haben kannst, und zwar jetzt. "Die Leute verschulden sich, weil sie's können. Das hängt von der Sicherheit ab, mit der man in die Zukunft schaut", sagt der Präsident des Spanischen Hypothekenverbandes 2006.

Einen Kredit, aber schnell

Spanische Sonne und günstige Ferienhäuser locken deutsche und britische Rentner an die Mittelmeerküste. Geschäftsleute lassen sich neue Glaspaläste im Madrider "Business District Cuatro Torres" bauen, und die Hoffnung auf das schnelle Geld ködert Millionen von Einwanderern. Menschen aus lateinamerikanischen Ländern wie Játivas Heimat Ecuador, aber auch Osteuropäer und Nordafrikaner. Sie werden angelockt von Versprechen, "ohne viel Papierkram" einen Kredit zu bekommen, auch für Autos oder Computer. Wer arbeitet, kann auch die Raten zahlen, oder?

Heute steht Spanien vor einer Riesen-Rezession, mit dem dritthöchsten Defizit der Euro-Zone und einer Arbeitslosenquote von 20,5 Prozent. Innerhalb von vier Jahren hat sie sich mehr als verdoppelt. Die Euphorie ist Ernüchterung gewichen.

Für Erick Játiva lief es gut bis zum 31. März 2009. Dann wurde dem Webdesigner gekündigt. 2000 Euro netto hatte er bislang verdient. Knapp die Hälfte davon ging für seine Hypothek drauf, später fast alles. Der Zinssatz war in seinem Vertrag an den europäischen Interbanken-Zinssatz Euribor gekoppelt - und der war inzwischen dramatisch gestiegen. Játiva musste statt 900 Euro monatlich zuletzt 1800 Euro für seine Wohnung zahlen. Nach der Kündigung bekam er noch 900 Euro Arbeitslosengeld. Die Bank wollte nicht verhandeln. Játiva stellt seine Zahlungen ein.

Niemand hat ihm die Pistole auf die Brust gedrückt und ihn gezwungen zu unterschreiben, sagt er. Aber es hat auch niemand versucht, die Risiken der Immobiliengeschäfte einzudämmen. Gebürgt haben für ihn seine Schwiegermutter und deren Lebensgefährte. "Es wurden fast wahllos Hypotheken gewährt. Es gab keine öffentlichen und politischen Kontrollen - und auch keine bezahlbaren Mieten", sagt Ada Colau, Anwältin der "Plataforma de Afectados por la Hipoteca de Cataluña", einer Vereinigung der Geschädigten.

Große Gier nach dem schnellen Geld

Blühende Geschäfte, fehlende Kontrollen - und die große Gier. Die Krise in Spanien ist auch eine Krise dieser Gesellschaft. Das Oberste Gericht bestätigte im Dezember 2009 die vierjährige Haftstrafe gegen den früheren Bürgermeister des mallorquinischen Hafenorts Andratx, der illegal gebaut hatte. Die Richter kritisierten dabei in ungewohnt scharfer Weise den Misstand im eigenen Land: Die Zerstörung der Landschaft in Spanien sei "desaströs", alle Bürger seien Opfer der urbanistischen Zügellosigkeit geworden.

Rund 35 Kilometer südlich von Madrid liegt eines dieser irrwitzigen Projekte: El Quiñón. Hier wollte ein Unternehmer 13.500 Wohnungen bauen, ein "Manhattan von La Mancha". Der Mann, früher sozialistischer Bürgermeister, deklarierte flugs Ackerboden zu Bauland um - und soll sich dabei ausgiebig bereichert haben.

Heute sind die Kräne längst abgezogen, der neue Bürgermeister hat die weiteren Projekte bis auf weiteres gestoppt. Geblieben sind zehnstöckige Wohnblocks, die über Brachflächen thronen. Bis zur nächsten Siedlung sind es zu Fuß 45 Minuten.

Die leeren Straßen der Stadt tragen klingende Namen wie "Francisco de Goya" und "Leonardo da Vinci". Einen "neuen Lebensstil" verheißen die Broschüren. Doch viele haben sich mit diesem neuen Lebensstil verspekuliert. "Sie haben sich zwei oder drei Wohnungen auf einmal gekauft", sagt der Makler in einem Verkaufshäuschen. "Nun werden sie sie nicht mehr los."

Straßen führen ins Nichts

António Pérez führt seinen Hund spazieren. So sieht es hier aus seit anderthalb Jahren, seit er eingezogen ist. "Mir gefiel das Projekt", sagt Pérez. "Hier sollte eine kleine Stadt entstehen." Aber alles ist leer geblieben. Straßen führen ins Nichts. Mehr als 100 Bänke säumen den großzügigen Park, keine einzige ist besetzt. Auf dem Spielplatz spielen zwei Kinder.

"Zu verkaufen" oder "zu vermieten": An fast jedem Haus hängt ein solches Schild. 40.000 Menschen sollten hier einziehen. Das Einwohnermeldeamt zählt heute nur 3000.

Doch nicht alle hier sind unglücklich. Raúl Moreno arbeitet bei einer Versicherung in Madrid, er wohnt seit zwei Jahren hier und mag die Stille. "Für mich ist das Lebensqualität." Außerdem hätten alle Häuser Spielplätze, Basketball- und Fußballfelder. Zu jedem Wohnblock gehört ein Schwimmbad - mitten in der trockenen Ebene von Castilla. Es ist nicht alles schlecht in El Quiñón, sagt Raúl.

Es ist nur vieles schief gelaufen.

Die Geschäftemacher planen schon den nächsten Reibach

Die Betreiber einer Churrería wollten nicht warten, bis es besser wird. Sie haben den Imbiss wieder aufgegeben, die Räume sind zu vermieten. Ein Poster verspricht noch die "frischeste Horchata überhaupt". Horchata, das ist die beliebte spanische Mandelmilch. Die Uhr an der Wand tickt weiter.

Um die Abwärtsspirale der Wirtschaft aufzuhalten, hat die Regierung von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero ein umfassendes Spar- und Reformpaket vorgelegt. Doch die Zahl der Erwerbslosen steigt weiter, die Reform des Arbeitsmarktes wird immer dringender.

Die politischen Parteien hat das bislang nicht geeint. Zapatero hat die größte Oppositionspartei Partido Popular (PP) immer wieder aufgefordert, seinen Kurs zu unterstützen und Kürzungen von öffentlichen Ausgaben in den Regionen mitzutragen. Doch die PP - selbst in eine große Korruptionsaffäre verstrickt und damit nicht eben beliebter als die Regierung - ist vor allem durch scharfe Attacken aufgefallen.

Hoffnungen weckte das Treffen von Zapatero und PP-Chef Mariano Rajoy am Mittwoch. "Allein diese Ankündigung ist eine gute Nachricht, auf die eine im Misstrauen versunkene Öffentlichkeit gewartet hat", kommentiert die Zeitung "La Vanguardia". Viele Spanier sind besorgt - und doch auch pragmatisch. Die Krise kann ja nicht ewig dauern, das Leben geht weiter. Und wenn man sich dafür Arbeit in Andalusien statt Madrid suchen muss.

Schon präsentieren die Banken grell und großzügig ihre Werbung für Konsumkredite. Alles lässt sich kaufen: Die Digitalkamera, finanziert über 24 Monate. Der Fernseher, über 18 Monate. Mehr als 40 Prozent dieser Kleinkredite gibt das Warenhaus Corte Inglés aus. Der Computer etwa lässt sich dort mit 46 Euro über 12 Monate finanzieren, "ohne dass du es mitbekommst".

Zehn Jahre Arbeit - einfach weg

Auch das Geschäft mit den Hypotheken floriert wieder. Laut spanischem Statistikinstitut wurden im Januar mehr als 50.000 Verträge abgeschlossen, 12,3 Prozent mehr als im Dezember 2009 und zwei Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Bank BBVA preist ihre "Hipoteca Fácil" an, die mühelose Hypothek. Auch Barclays verspricht den Kunden: "Sie werden kein Problem haben, sich für eine Hypothek zu entscheiden - sondern welche Farbe ihre Wände haben sollen." Und wer seine Hypothek nicht zahlen kann, kann einfach einen neuen Kredit aufnehmen.

Doch viele Einwanderer verführt das nicht mehr. Die Krise hat sie wohl am härtesten getroffen, im Gegensatz zu den Einheimischen können sie sich nicht auf ihre Familien stützen. Vor allem Südamerikaner kehren nun in ihre Heimat zurück, auch wenn das bedeutet, sich die eigene Niederlage einzugestehen. In den Arbeitsämtern hängen Poster aus, die sich an Migranten richten: "Wenn du darüber nachdenkst zurückzugehen, kannst du auf uns zählen."

Auch Erick Játiva will das Land irgendwann verlassen, vielleicht geht er nach London, zurück nach Ecuador will er nicht. Bis Ende des Monats muss er seine Wohnung verlassen. Er hatte sich gewehrt, mit anderen zusammengetan und Protestaktionen organisiert. Aber verändert hat sich nichts.

Zehn Jahre seiner Arbeit - "sie sind einfach weg", sagt Játiva und wischt sich die Augen. Er sucht jetzt eine Mietwohnung. Aber die Auktion verpasst er nicht, den Moment, in dem seine Wohnung endgültig nicht mehr ihm gehört. Es ist nicht schön, eine Erleichterung vielleicht. "Es ist meine Wohnung. Mein Geld. Mein Alptraum."

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