Kritik an Gegenschlag Südkoreas Verteidigungsminister tritt zurück

Fast eine Viertelstunde brauchten die Südkoreaner, um den nordkoreanischen Angriff am Dienstag zu erwidern - offenbar zu lange. Denn nun hat der Seouler Verteidigungsminister die Konsequenzen gezogen und sein Amt zur Verfügung gestellt. Nordkorea droht schon mit weiteren Attacken.


Seoul/Peking - Südkoreas Verteidigungsminister Kim Tae Young ist nach heftiger Kritik an der militärischen Reaktion auf den Beschuss durch den Norden zurückgetreten. Das Präsidialamt in Seoul bestätigte an diesem Donnerstag die Annahme des Rücktritts. Der Nachfolger soll am Freitag präsentiert werden.

Sowohl in der Opposition als auch in der Regierungspartei, in der Militärführung und bei Beratern von Südkoreas Präsident Lee Myung Bak war Kritik am Minister aufgekommen. Er habe zu lasch und zu spät reagiert, hieß es. Einem hochrangigen Marine-Oberst zufolge brauchten die südkoreanischen Soldaten 13 Minuten, um den nordkoreanischen Angriff auf den Süden am Dienstag zu erwidern.

Ein Sprecher des Präsidenten erklärte, dieser habe den Rücktritt seines Ministers angenommen, "um die Disziplin in der Armee zu verbessern und die Geschehnisse zu bewältigen". Kim Tae Young hatte bereits im Frühjahr seinen Rücktritt angeboten, als ein südkoreanisches Kriegsschiff versenkt wurde. Nach Erkenntnissen internationaler Ermittler hatte ein nordkoreanischer Torpedo im März die Korvette zum Sinken gebracht. Pjöngjang bestreitet dies.

Seit dem Angriff Nordkoreas vom Dienstag auf die Insel Yeonpyeong des Nachbarlands fürchtet die internationale Gemeinschaft eine Eskalation des Konfliktes. So drohte die Führung in Pjöngjang Südkorea unverhohlen mit neuen Angriffen. Die Regierung in Seoul will die Militärpräsenz im Gelben Meer nun ausbauen. Die Einheiten auf den südkoreanischen Inseln nahe der Grenzlinie sollen mit modernsten Waffen ausgerüstet werden. Pläne, die dort stationierten Marineeinheiten zu reduzieren, würden gestrichen, ließ Präsident Lee mitteilen. Man müsse auf die Möglichkeit einer neuen Provokation durch Nordkorea vorbereitet sein, wurde er zitiert. "Eine Provokation wie die jüngste kann jederzeit kommen."

Südkorea hat auch verschärfte Einsatzregeln für sein Militär angekündigt. Es würden verschiedene Stufen von Gegenangriffen festgelegt, hieß es. "Die bestehenden Einsatzregeln, die als eher passiv gelten, werden komplett überarbeitet", erklärte Lees Büro.

China besorgt über geplantes US-Manöver

Um eine diplomatische Lösung in dem Konflikt zu erreichen, wollen sich die Außenminister der USA, Japans und Südkoreas im Dezember zu Beratungen in Washington treffen. Der japanische Außenminister Seiji Maehara und seine US-Amtskollegin Hillary Clinton hätten sich per Telefon darauf verständigt, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo.

China forderte Mäßigung in dem Konflikt. Doch die Führung in Peking machte nicht eindeutig Nordkorea für die Eskalation verantwortlich. Stattdessen brachte sie ihr Missfallen über das geplante US-Manöver mit Südkorea zum Ausdruck.

"Wir haben die relevanten Berichte erhalten und bringen unsere Besorgnis darüber zum Ausdruck", sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Peking zur Entsendung eines amerikanischen Flugzeugträgers und die für Sonntag angekündigten Manöver im Gelben Meer. China fürchtet eine Eskalation auf der koreanischen Halbinsel durch die neuen Manöver Südkoreas mit den USA.

Der chinesische Regierungschef Wen Jiabao rief alle Beteiligten zu "äußerster Zurückhaltung" auf. China lehne "jede Form von militärischer Provokation" ab, zitierte ihn die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua am Donnerstag. Eine Wiederaufnahme der Sechser-Gespräche zwischen Nordkorea, den USA, China, Südkorea, Japan und Russland sei der beste Weg, um zu Stabilität und einer koreanischen Halbinsel ohne Atomwaffen zu gelangen.

Spekulationen über Angriffsbefehl durch Kim Jong Il

Südkoreanische Medien spekulierten darüber, wer den Angriff am Dienstag befohlen hat. Medienberichten zufolge sollen der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il und sein als Nachfolger gehandelter Sohn Jong Un wenige Stunden vor dem Artilleriebeschuss die betroffene Militärbasis des kommunistischen Landes besucht haben. Der Angriff sei wahrscheinlich von Kim Jong Il persönlich befohlen worden, berichtete die südkoreanische Zeitung "Joongang" am Donnerstag unter Berufung auf Regierungskreise. Eine offizielle Stellungnahme dazu lag nicht vor.

Nordkorea hatte am Dienstag die südkoreanische Insel Yeonpyeong angegriffen. Dabei waren nach Angaben aus Südkorea zwei Soldaten und zwei Zivilisten getötet worden. Es war einer der schwersten Zwischenfälle seit dem Koreakrieg Anfang der fünfziger Jahre. Nordkorea unterstellte Südkorea, den Schusswechsel ausgelöst zu haben. Die USA seien zudem der eigentliche Verursacher des Konflikts, weil sie mitverantwortlich seien für die Ziehung der Grenzlinie im Gelben Meer zum Ende des Korea-Kriegs. Nordkorea erkennt die Grenzlinie nicht an.

sef/mmq/Reuters/dpa/dapd

insgesamt 3605 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
werner thurner, 23.11.2010
1. Gefährliche Situation
Angesichts der Verschuldung des Westens, der US Wirtschaftskrise und des Politikwechsels 2008 in Südkorera (Abkehr von der Annäherungspolitik) und des Verbohrtseins beider Seiten ist dies sehr gefährlich. Die Einordnung der Zwischenfälle an der Grenze von Nord-und Südkorea ist gelinde gesagt unklar.
Der andere Genosse 23.11.2010
2.
Na, sooo falsch ist es nicht...die Juche-Ideologie ist Kommunismus mit anderem Aufkleber... Warum will eigentlich jeder der ehemaligen UdSSR oder Nordkorea das Kommunismus-Etikett abnehmen? Weil dort der Kommunismus/Sozialismus versagt hat und so etwas aus linker Sicht nicht sein kann und somit auch nicht sein darf?
Dirk Ahlbrecht, 23.11.2010
3. ...
Zitat von werner thurnerAngesichts der Verschuldung des Westens, der US Wirtschaftskrise und des Politikwechsels 2008 in Südkorera (Abkehr von der Annäherungspolitik) und des Verbohrtseins beider Seiten ist dies sehr gefährlich. Die Einordnung der Zwischenfälle an der Grenze von Nord-und Südkorea ist gelinde gesagt unklar.
Na, Herr Thurner, etwas mehr Mut bitte: Schreiben Sie doch ruhig, daß Sie den Verlautbarungen Pjöngjangs mehr Glauben schenken, als denen Seouls oder des Westens.
ColynCF 23.11.2010
4.
Juche ist aber stark kommunistisch geprägt. Wollen Sie die kommunistische Ideologie von irgendewelchen bösartigen Regimen freiwaschen? (ich frag nur)
Dirk Ahlbrecht, 23.11.2010
5. ...
Den Bürgern Nordkoreas, Tastenhengst, wird es wohl egal sein, ob die Mangelernährung kommunistischer Natur ist; oder unsere Freunde der Juche-Ideologie den Leuten nichts auf den Teller zaubern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.