Kritik an Industriestaaten China und Indien pochen auf Gerechtigkeit beim Klimaschutz

Bislang galten die USA als die größten Umweltsünder. Vor dem G-8-Gipfel blicken nun alle nach China und Indien, weil sie sich nicht auf Obergrenzen verpflichten wollen. Peking und Neu-Delhi sind verärgert über Schuldzuweisungen aus dem Westen.

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Hamburg - Sunita Narain findet klare Worte für das, was derzeit aus Europa und aus den USA über China und Indien zu hören ist. Für den Vorwurf, diese Schwellenländer würden mit ihrem rasant zunehmenden Kohlendioxid-Ausstoß für den Klimawandel mitverantwortlich seien und sich nun auch noch weigern, international verbindliche Obergrenzen anzuerkennen. Narain, eine der bekanntesten Umweltschützerinnen Indiens und Leiterin des Centre for Science and Environment in Neu-Delhi, sagt: "Die Industriestaaten sind auf Kosten der Umwelt reich geworden. Jetzt müssen sie runter mit den Emissionen, damit die Entwicklungsländer auch eine Chance bekommen zu wachsen."

Rauch über Luoyang: Mehr Wohlstand, mehr Strombedarf
REUTERS

Rauch über Luoyang: Mehr Wohlstand, mehr Strombedarf

Mit ihrer Kritik bringt Narain die Position der indischen Regierung - und auch der chinesischen - auf den Punkt: Beim Klimaschutz geht es auch um Gerechtigkeit. Zwischen Wirtschaftswachstum und dem Ausstoß von CO2 besteht ein direkter Zusammenhang: Zunehmender Wohlstand bedeute mehr Autos, mehr Flugzeuge, mehr Fabriken - und damit automatisch mehr Abgase. "Wir sind bereit, über Umwelt- und Klimaschutz zu reden", sagt ein ranghoher Beamter im Außenministerium in Peking. "Aber wir werden uns zu nichts verpflichten, was unser Wachstum hemmt." Nach indischen Angaben würden konkrete Grenzwerte, wie von Bundeskanzlerin Angela Merkel vorgeschlagen, nicht nur dem Wachstum, sondern auch dem Kampf gegen die Armut schaden.

China will noch vor Beginn des G-8-Gipfels, bei dem es unter anderem auch um Klimaschutz geht, einen eigenen Plan zur Bekämpfung des Treibhauseffektes vorlegen. Der Aktionsplan, der am Montag vorgestellt werden soll, umfasse zwei Punkte: die Verringerung des Energieverbrauchs sowie die Vergrößerung von Waldgebieten, wie aus Peking zu erfahren war. Experten gehen davon aus, dass China in wenigen Jahren die USA als größten Verursacher von Treibhausgasen überholen wird.

Indien dagegen will erst einmal abwarten, zu welchen Klimaschutzmaßnahmen der Westen bereit ist. Die Formulierung eigener Klimaziele sei derzeit nicht vorgesehen, hatten Mitarbeiter von Indiens Außenminister Pranab Mukherjee am Rande eines Treffens mit asiatischen und EU-Außenministern in Hamburg Anfang der Woche gestreut.

Peking und Neu-Delhi lehnen verbindliche, einheitliche Klimaziele jedoch ab. Die USA haben ihre starre Haltung, keine globalen Zielvorgaben zu akzeptieren, aufgegeben. US-Präsident George W. Bush rief heute zu einer neuen Klima-Initiative auf, wonach 15 Staaten, darunter auch China und Indien, bis 2008 ein globales Ziel zur Senkung der CO2-Emission vereinbaren sollen. Diese Vorgaben sollen allerdings deutlich niedriger liegen als bisher geplant.

Washington hatte schon das Kyoto-Protokoll, wonach die Industriestaaten bis 2012 ihren Ausstoß an Treibhausgasen um 5,2 Prozent gegenüber 1990 senken sollen, nicht ratifiziert. China und Indien betonen lediglich, man müsse für die Zeit nach dem Kyoto-Protokoll einen "konstruktiven Beitrag" finden.

Den sehen China und Indien - wie Russland und im Gegensatz zu Deutschland - unter anderem im Ausbau von Atomkraft. China will bis 2020 insgesamt 20 neue Kernkraftwerke in Betrieb nehmen, Indien baut derzeit an sieben Anlagen.

Möglichkeiten, wirtschaftliches Wachstum und Klimaschutz miteinander zu vereinbaren, sehen die neuen Wirtschaftsmächte außerdem in der technischen Zusammenarbeit mit westlichen Staaten. Um Umweltstandards einzuhalten, seien Entwicklungsländer auf technologische, aber auch finanzielle Hilfe der Industrieländer angewiesen, heißt es übereinstimmend aus chinesischen und indischen Regierungskreisen.

Sunita Narain sieht im Klimaschutz auch eine Chance für Indien: Schon jetzt würden Schwellenländer Energie effizienter nutzen als Industriestaaten - schon allein aus Kostengründen angesichts steigender Rohstoffpreise. Für China und Indien liege das Ziel jetzt, da die Wirtschaft wächst und die Armen eine Chance auf ein besseres Leben haben, nicht darin, Emissionen zu reduzieren, sondern Strategien für CO2-arme Wirtschaftsformen zu finden.



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