Kritik in London Blair soll Bush öffentlich die Meinung sagen

Großbritanniens Premier Tony Blair gerät wegen seiner unverbrüchlichen Allianz zur US-Regierung immer mehr unter Druck. Nach einer neuen "Blair-Doktrin" sei offene Kritik an der Politik von Präsident Bush tabu, schimpft Oppositionsführer Howard. Auch in der eigenen Partei rumort es. Doch Blair fürchtet um die Moral der Truppen im Irak.


Bush und Blair: Nur keine offene Kritik
AP

Bush und Blair: Nur keine offene Kritik

London - Zahlreiche Labour-Abgeordnete hatten Blair angesichts der Verschärfung des Irak-Konfliktes bereits in den letzten Wochen aufgefordert, sich mehr von US-Präsident George W. Bush zu distanzieren. Gestern äußerte Vize-Premier John Prescott Zweifel an Blairs Auffassung, in der Öffentlichkeit immer loyal zu den USA zu sein, würde sich langfristig auszahlen.

Heute rief auch der Vorsitzende der Konservativen, Michael Howard, Blair in einem Zeitungsartikel auf, sich wie ein "aufrichtiger Freund" zu benehmen und die Fehler Amerikas im Irak offen zu kritisieren. In einem Beitrag für den "Independent" schreibt Howard, Blair habe eine neue Doktrin geschaffen, nach der jeder seiner Ratschläge an die US-Regierung vertraulich und jegliche Meinungsverschiedenheit geheim bleiben müsse. Howard kritisiert: "Mehr Klarheit, mehr Kompetenz und mehr Ehrlichkeit würden enorm helfen."

Britische Soldaten in Basra: Moral der Truppen in Gefahr?
REUTERS

Britische Soldaten in Basra: Moral der Truppen in Gefahr?

Blair verteidigt seine Haltung: Eine offene Auseinandersetzung mit den USA über die Irak-Strategie würde sich nach seiner Ansicht schädlich auf die Moral der Truppen auswirken. Nach Angaben seines Sprechers versicherte der Regierungschef heute vor dem Kabinett noch einmal, dass die USA und Großbritannien im Irak ein "gemeinsames Ziel" verfolgen.

Die Frage sei, ob man die gestellten Zielsetzungen besser mit den Mitteln der "Megaphon-Diplomatie" oder mit vertraulichen Strategiegesprächen erreichen würde, sagte der Sprecher. Blair, Außenminister Jack Straw und Verteidigungsminister Geoff Hoon hätten im Kabinett deutlich gemacht, dass sich ein öffentlicher Streit mit den USA negativ auf die Moral der Soldaten auswirken könne.

Auch Italiens Ministerpräsident Sivio Berlusconi schwor Bush seine Treue: Italien werde weiter an der Seite der USA stehen und seine Soldaten erst zurückholen, wenn das Land befriedet sei, sagte Berlusconi am Donnerstag in einer Rede vor Abgeordneten in Rom. Die Opposition hat einen Antrag auf Abzug der italienischen Truppen aus dem Irak eingebracht, über den am Abend abgestimmt werden sollte. Das italienische Kontingent im Irak umfasst rund 3000 Mann.

Bisher sind 21 Italiener im Irak ums Leben gekommen, der Großteil von ihnen bei einem Selbstmordanschlag auf das italienische Hauptquartier im südirakischen Nasirija im November. Zuletzt war am Sonntag ein italienischer Soldat bei einem Angriff schiitischer Extremisten getötet worden.



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