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Kroatien: Zurück zu alten Mustern

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WM-Finalist Kroatien Die Gefahren des Fußballfiebers

Kroatien steht im WM-Endspiel, und dieser überraschende Fußballerfolg euphorisiert das Land. Doch er birgt auch Gefahren - weil er den alten Nationalismus belebt.

Bis Dienstag bringen wir keine schlechten Nachrichten - das hat das kroatische Newsportal index.hr jüngst seinen Lesern versprochen.

Selbst diese sonst so nüchtern und seriös berichtende Redaktion kann sich dem rot-weiß-karierten Fußballtaumel nicht entziehen, traut sich nicht, die Euphorie mit Berichten über Korruption, Vetternwirtschaft und Parteienhader zu dämpfen. Erst 24 Stunden nach dem Endspiel wolle man zurück sein mit Artikeln über die "Probleme Kroatiens".

Wer über die zu laut spricht dieser Tage kann im nationalen Überschwang schnell als Nestbeschmutzer gelten.

Kroatien ist das jüngste EU-Mitglied, erst vor fünf Jahren beigetreten. Die Wirtschaft kommt aus einem tiefen Tal und erholt sich erst seit 2016 kräftig. Zagreb möchte gerne - aber durfte noch nicht - der Eurozone und dem Schengenraum beitreten. Eine EU-Begeisterung, wie sie die anderen Osteuropäer direkt nach dem Beitritt erlebt haben, blieb in Kroatien aus. Und über allem schwebt das Trauma der Jugoslawienkriege der Neunzigerjahre.


Publizist Thomas Dudek über die ultranationalistischen Gesänge der kroatischen Fußballer

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Faschistische Symbole im Fahnenmeer

Vor diesem Hintergrund versprechen der Erfolg der kroatischen Mannschaft und die kollektive Begeisterung dafür ein lange vermisstes Gefühl von Einheit und Größe. Tenor: Endlich sind wir mal nicht die zurückgebliebenen Bittsteller aus dem entlegenen Osten.

Doch das Fußballfieber wird zur bedrohlichen Krankheit, wenn faschistische Symbole im rotweißen Fahnenmeer auftauchen. So stimmte die Fußballmannschaft nach dem Sieg über Argentinien in der Kabine einen Rocksong an, dem der Gruß des faschistischen Ustascha-Regimes vorangestellt war: "Za dom - spremni" (dt.: "Für die Heimat bereit").

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Kroatien: Zurück zu alten Mustern

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Die kroatische Unabhängigkeitsbewegung Ustascha war unter Ante Pavelic im April 1941 mithilfe der Achsenmächte Deutschland und Italien in einem neu gegründeten Staat Kroatien an die Macht gelangt - und hatte sich zügig darangemacht, einen Genozid an Juden, Serben und Roma ins Werk zu setzen. In dem Konzentrationslager Jasenovac wüteten Ustascha-Schergen so bestialisch, dass selbst ihre deutschen Gönner Notiz nahmen. "Die Ustaschen führen ein Terrorregiment, das jeder Beschreibung spottet", notierte Goebbels.

Rund 90.000 Menschen starben in Jasenovac, vielen von ihnen wurde mit einem "Serbenschneider" genannten Mordwerkzeug die Kehle durchgeschnitten, einem fingerlosen Handschuh mit Klinge am Handballen.

Event für Rechtsextremisten aus ganz Europa

Seit Jahren schon versuchen rechtsnationale Kreise, das Ustascha-Regime zu verharmlosen, rechnen die Opferzahlen klein. Pavelic, so ihre Lesart, habe sich mit aller Kraft gegen die kommunistische Bedrohung gestemmt. Kroatien sei ein Bollwerk gegen Titos Partisanen gewesen.

Jährlich finden Ustascha-Treffen statt, die sich zunehmend zu einem Event für Rechtsextremisten aus ganz Europa entwickelt haben. Zudem führte Kroatien eine unsägliche Debatte darüber, ob der Ustascha-Gruß noch benutzt werden dürfe, ob es sich um eine altkroatische Formel handle, die von Pavelic nur "missbraucht" worden sei.

Die Geschichte, so wünschen es sich wohl manche Kroaten, soll einer uneingeschränkten nationalen Identifikation nicht im Weg stehen. So wird auch die Erinnerung an die Kriege der Neunzigerjahre gereinigt.

Jeden Tag leben 41 Kroaten weniger in dem Land

Damals kämpfte Kroatien um die Unabhängigkeit von Jugoslawien. Kroatische Truppen begingen dabei auch Verbrechen an bosnischen Muslimen und Serben. Wie schwer sich das Land mit dieser Vergangenheit tut, zeigte sich, als der Militär Slobodan Praljak im November 2017 wegen Kriegsverbrechen vor dem Internationalen Tribunal in Den Haag verurteilt wurde - und noch im Gerichtssaal Suizid verübte.

Damals verurteilte Kroatiens Premier Andrej Plenkovic die "tiefe moralische Ungerechtigkeit" des Gerichts. Hinter dieser Äußerung wird eine unkritische Sicht des Krieges erkennbar: Demnach ist Kroatien vor allem Opfer der Serben gewesen, seine Soldaten allesamt Helden der Unabhängigkeit.

Noch eine weitere für einige osteuropäische Länder typische Entwicklung verleiht dem alten Nationalismus neue Durchschlagskraft: Die Bevölkerung von rund vier Millionen schrumpft, jeden Tag leben 41 Kroaten weniger in dem Land, haben Demographen errechnet. Der wichtigste Grund: die niedrige Geburtenrate, zudem versuchen viele gerade junge, gut ausgebildete Kroaten ihr Glück in den westlichen EU-Ländern.

Ganze Dörfer entvölkern sich, überaltern. Es ist auch diese Entwicklung, die "Angst vor dem ethnischen Verschwinden" die die Menschen anfällig macht für die nationalistische Versuchung. "Die Nation ist - ähnlich wie Gott - einer der Schutzschilde der Menschen gegen den Gedanken der Sterblichkeit", schreibt der bulgarische Politologe Ivan Krastev.

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