Kuba Erster Hinweis auf vollständigen Rückzug Castros

Trotz aller Dementis - es wird immer wahrscheinlicher, dass die Ära Fidel Castro zu Ende geht. Erstmals hat heute ein hohes Regierungsmitglied davon gesprochen, dass eine "friedliche Machtübergabe" stattgefunden habe. Ein Parteifunktionär sagte, Castro werde sein Arbeitspensum einschränken müssen.


Havanna - "Die friedliche Übergabe hat stattgefunden", sagte der führende kubanische Intellektuelle und Staatsratsmitglied Roberto Fernandez Retamar. Die Erwartung der US-Regierung, dass Kuba nun im Chaos versinke, sei nicht erfüllt worden. "Sie haben nicht damit gerechnet, dass eine friedliche Nachfolge möglich ist", erklärte der Schriftsteller heute.

Ende einer Ära: Seit einem halben Jahrhundert ist Castro für Kubaner allgegenwärtig
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Ende einer Ära: Seit einem halben Jahrhundert ist Castro für Kubaner allgegenwärtig

Fernandez Retamar ist das erste Mitglied der kubanischen Regierung, das von einer Machtübergabe spricht. Der bald 80-jährige Staats- und Parteichef Castro hatte nach offiziellen Angaben in der vergangenen Woche wegen einer Darmoperation die Amtsgeschäfte nur vorläufig an seinen 75 Jahre alten Bruder und designierten Nachfolger Raul übergeben. Seitdem wurden beide nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen.

Nur wenige Stunden zuvor hatte es erneut Versuche gegeben, den Spekulationen über die künftige Machtverteilung ein Ende zu setzen. Der kubanische Vizepräsident Carlos Lage hatte bei einem Besuch in Bolivien mitgeteilt, Castro sei nach seiner Operation auf dem Weg der Besserung. "Es wird einige Wochen dauern, aber er wird sich erholen", sagte Lage. Ein Parteifunktionär mittleren Ranges sagte in Havanna, Castro habe die Intensivstation verlassen. Es gehe ihm "so gut, wie man es bei seinem Alter erwarten kann". Allerdings werde Castro vielleicht künftig sein Arbeitspensum einschränken müssen.

Der Präsident Venezuelas und enge Castro-Verbündete Hugo Chavez berichtete von einer raschen Genesung des kubanischen Staatschefs. "Heute Morgen habe ich erfahren, dass es ihm gut geht", sagte Chavez bei einem im Fernsehen übertragenen Gespräch mit seinem bolivianischen Kollegen Evo Morales. "Er steht schon wieder vom Bett auf, er redet - mehr als er sollte, denn er redet viel", ergänzte Chavez.

"Castro hart wie Tropenholz"

Die kubanische Regierungszeitung "Granma" veröffentlichte heute keine Nachrichten über den Gesundheitszustand Castros. Stattdessen druckte sie ein Gedicht ab, in dem der Politiker mit einer widerstandsfähigen kubanischen Baumart verglichen wird, die wegen ihrer Härte als "Axtbrecher" bekannt ist. Castro sei wie ein Caguairan, schrieb "Granma". Dieses vor allem im Osten Kubas verbreitete Tropenholz sei "unbestechlich, kompakt, von außergewöhnlicher Härte". Den Vergleich habe zuerst "ein Freund" Castros angestellt, der den Staatschef am Sonntag besucht habe und von dessen Genesungsverlauf beeindruckt gewesen sei, berichtete die Parteizeitung.

Die kubanische Gewerkschaft CTC teilte mit, binnen drei Tagen hätten im ganzen Land drei Millionen Arbeiter an Kundgebungen teilgenommen, um Castro gute Besserung zu wünschen und seinem Bruder sowie der Kommunistischen Partei ihre Unterstützung zuzusichern.

Kubas Regierung macht keine genauen Angaben zur Art von Castros Erkrankung und bezeichnet diese als Staatsgeheimnis. Als Grund für die Operation wurden Blutungen angegeben, die durch Überarbeitung und Stress ausgelöst worden seien. Berichte, Castro leide an Magenkrebs, haben die kubanischen Behörden zurückgewiesen. Beobachter in den USA gehen unabhängig vom Verlauf der Krankheit Castros davon aus, dass in Kuba eine Übergangsperiode begonnen hat.

Wenn Fidel Castro geschwächt sei und bald sterbe, könne sein alternder Bruder Raul für einige Jahre die Herrschaft übernehmen und das Land auf sein eigenes Abtreten vorbereiten, sagte der Kuba-Experte Frank Mora vom National War College in Washington. "Danach würden wir allerdings vom Ersten unter Gleichen zu lauter Gleichen übergehen", sagte Mora. Dies könnte einen Machtkampf bedeuten, zumindest würden aber die Nachfolger darum wetteifern, wer als Erbe der Castros auftreten dürfe.

Castros Tochter Alina wird CNN-Kommentatorin

Der US-Nachrichtensender CNN teilte unterdessen mit, er habe Castros Tochter Alina Fernandez unter Vertrag genommen. Sie werde künftig als Kommentatorin für CNN in Miami arbeiten. Die bereits 1993 aus Kuba geflohene Journalistin arbeitete bislang für einen Radiosender in Miami, wie eine CNN-Sprecherin in Berlin mitteilte.

ler/AP/Reuters



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