Kuba nach Fidel Raúl Castro klopft bei den Amerikanern an

Fidel Castro macht Platz für seinen Bruder - und für Änderungen im System Kuba. Denn der Pragmatiker Raúl hat alle Unzufriedenen zum Dialog aufgerufen. Gleichzeitig hofft die gesamte Insel auf einen Wahlsieg der Demokraten in den USA - und ein Ende des Embargos.

Havanna - Die Revolution hat begonnen. Sie hat die Universitäten erfasst, wo die Jungen erstmals laut und offen offiziell verkündete Wahrheiten in Frage stellen. Sie erschüttert die Parteiversammlungen, wo altgediente Kader öffentlich ihre Zweifel an der Weisheit der wirtschaftspolitischen Entscheidungen äußern. Sie ist in den Fabrikhöfen zu spüren, wo die Arbeiter die niedrigen Löhne und das absurde Belohnungssystem in Frage stellen. Und sie hat das Internet infiziert, wo Blogger vor einem Millionenpublikum ihrem Frust über die Zustände in der sozialistischen Republik Kuba Luft machen.

Eines unterscheidet die Revolution des Jahres 2008 jedoch von der Revolution der Castros und Ché Guevaras, die vor fast 50 Jahren die Welt erschütterte: Sie ist friedlich, und sie gibt keine Antworten, sondern stellt Fragen.

Warum darf ein Minister 20 Jahre im Amt bleiben, obwohl seine Arbeit gescheitert ist? Warum dürfen wir nicht ins Ausland reisen und nicht in den Touristenhotels der Insel absteigen? Warum ist es verboten, Mail-Accounts bei Yahoo oder Google zu eröffnen? Warum gibt es zwei Währungen im Land? Warum werden die Arbeiter in Pesos bezahlt, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt werden?

Eliécer Avila, ein Student aus der Provinz Las Tunas, stellte diese Fragen Mitte Januar in der Universität für Informatikwissenschaften (UCI), am Vorabend der Wahl zur Nationalversammlung. Wer da Rede und Antwort stehen musste, war kein geringerer als Ricardo Alarcón, der mächtige Präsident der Nationalversammlung, ein Oldtimer der Revolution und Vertrauter von Revolutionsführer Fidel Castro.

Der Politiker, ein hochintelligenter und rhetorisch begabter Altrevolutionär, kam sichtlich ins Schwitzen. Er redete sich heraus mit den altbekannten Floskeln, verglich die Situation heute mit der Lage vor der Revolution, sagte, dass er vor 1959 auch nicht im Seebad Varadero baden durfte, und dass das mit den Reisebeschränkungen ein globales Problem sei. Überzeugt hat er niemanden.

Es knirscht im Fundament des Sozialismus-Museums

Der Dialog wurde auf Video aufgezeichnet, Videos zirkulieren unter der Hand in den Straßen von Havanna. Konspirationstheoretiker verbreiten, dass die Kopien von offizieller Seite unters Volk gebracht werden, um Alarcon eins auszuwischen. Doch das ist wenig wahrscheinlich.

Denn eines steht fest: Im Fundament des Sozialismus-Museums Kuba knirscht es. Um die Schwachstellen zu identifizieren, hat Raúl Castro, der seinen Bruder Fidel seit dessen Erkrankung vor anderthalb Jahren vertritt, eine Revolution von höchster Stelle angestoßen: Während einer symbolträchtigen Rede am Jahrestag des Sturms auf die Moncada-Kaserne am 26. Juli vergangenen Jahres rief er zu schonungsloser Kritik an den Missständen der Republik auf.

Das Volk nahm ihn beim Wort: Fünf Millionen Kubaner reichten 1,2 Millionen Änderungsvorschläge bei den staatlichen Institutionen ein. Nur eines ist tabu: Das politische System wird nicht in Frage gestellt, und auch nicht der Máximo Líder Fidel Castro, der jetzt den Weg freigemacht hat für seinen Bruder – und für Jüngere, die im Schatten der alten Revolutionsgarde schon lange mit den Hufen scharren.

Der alte Fuchs Fidel hat den Übergang auf der Insel selbst inszeniert: Die vergangenen anderthalb Jahre seit seiner Erkrankung waren eine "Generalprobe" für die Zeit nach seinem Tod, so der spanische Kuba-Kenner Enrique Vázquez.

Mit der legendären Rede Raúls begann eine neue Ära

Am kommenden Sonntag wird sein Bruder Raúl, der seit seiner Erkrankung die Geschäfte führte, höchstwahrscheinlich zum Präsidenten und Vorsitzenden des Staatsrats gewählt. Es wird voraussichtlich keine Tumulte auf den Straßen geben, und es werden auch keine Denkmale vom Sockel gestürzt wie in den ehemaligen Ostblock-Staaten. Denn die Ära Post-Fidel hat schon vor Monaten begonnen – mit jener legendären Rede Raúls im vergangenen Juli.

Raúl ist zwar kein Demokrat, aber er ist Pragmatiker. Er hat in den neunziger Jahren, als Kuba nach dem Sturz der Sowjetunion die schlimmste aller Krisen erlebte, für den Tourismus als Devisenquelle plädiert – gegen den Wunsch seines Bruders. Er hat die Liberalisierung der Bauernmärkte betrieben, um die Versorgungslage zu bessern Jüngst erhöhte die Regierung erstmals die Preise, die den privaten Bauern für ihre Produkte bezahlt werden, um den Druck vom Schwarzmarkt zu nehmen.

Raúl Castro weiß dabei die junge Garde hinter sich, vor allem den für Wirtschaftspolitik zuständigen Staatsratsminister Carlos Lage. Kubas Herrschende sind vom "chinesischen Weg" fasziniert: Sie streben eine wirtschaftliche Öffnung unter Beibehaltung des Machtmonopols der Kommunistischen Partei an. Raúl war oft in Peking, er hat das chinesische Modell gründlich studiert. Aber lässt es sich auf die kleine, verarmte Zuckerinsel 140 Kilometer vor der Küste von Florida übertragen?

Die Rolle der Amerikaner

Zwei Faktoren werden machtpolitisch Kubas nahe Zukunft bestimmen: Das Verhalten der Streitkräfte und der Ausgang der US-Wahlen. Das Militär ist heute der wichtigste Machtfaktor auf Kuba, es kontrolliert die Tourismusunternehmen und garantiert die Stabilität des Regimes.

Die Streitkräfte stehen geschlossen hinter Raúl, er gilt als ihr Mann. Aber Raúl ist auch schon 76. Die Jungen, vor allem Carlos Lage und Außenminister Felipe Pérez Roque, haben nicht die gleiche Autorität im Land wie die Castro-Brüder. Der Übergang von Raúl zur jüngeren Generation wird daher viel kritischer sein als der Wechsel von Fidel zu Raúl, der praktisch schon vollzogen ist.

Die Amerikaner könnten beim Übergang zu einem kapitalistischen System wertvolle Hilfe leisten, wenn sie über ihren ideologischen Schatten springen. Denn Washington und Havanna haben ein Ziel gemeinsam: Sie streben Stabilität auf der Insel an. Die USA können keinen Konfliktherd vor ihrer Haustür gebrauchen, sie fürchten eine unkontrollierbare Flüchtlingswelle, wenn das System zusammenbricht. Seit langem machen deshalb einflussreiche politische Kreise in Washington Druck, endlich das anachronistische Wirtschaftsembargo gegen Kuba aufzuheben und den Dialog mit Havanna aufzunehmen.

Unter George W. Bush ist damit nicht mehr zu rechnen, aber unter einem demokratischen Präsidenten im Weißen Haus sind die Tage des Embargos vermutlich gezählt. Kuba-Kenner wie der deutsch-mexikanische Soziologe Heinrich Dieterich setzen auf einen Wahlsieg Barack Obamas.

Raúl Castro bietet den USA einen offenen Dialog an

Raúl hat Washington in den vergangenen Monaten mehrmals einen offenen Dialog angeboten. Das ist nicht nur Rhetorik: Die Kubaner wissen, dass sie die USA langfristig brauchen, denn nur aus eigener Kraft ist die Inselwirtschaft langfristig nicht überlebensfähig.

Dank Venezuelas Staatschef Hugo Chávez, dem wichtigsten Verbündeten der Insel, ist die Energieversorgung Kubas zwar vorerst halbwegs gesichert, Caracas beliefert Havanna mit Öl zu Vorzugspreisen. Aber Chávez steht selbst unter Druck, er könnte bald ein Opfer des Chaos werden, das er mit seiner dilettantischen Wirtschaftspolitik angerichtet hat. Der Sturz der Caudillos würde Kuba mit in den Strudel ziehen.

Raúl, dem ein schlechtes Verhältnis zu Chávez nachgesagt wird, blickt noch aus einem anderen Grund sorgenvoll nach Venezuela: Dort hat der Aufstand gegen die Regierung an den Universitäten begonnen. Schon immer waren es die Studenten, die in Lateinamerika Diktaturen stürzten. Die offene Diskussion an Kubas Unis, die von Raúl selbst angeschoben wurde, könnte sich für das Regime als Bumerang erweisen und zu einer Volksbewegung anwachsen.

Kubas Studenten haben nie einen anderen Präsidenten als Fidel Castro erlebt. Die meisten verehren ihn als Landesvater und Nationalhelden, nicht als Sozialisten. Ohne seine Autorität an der Spitze des Staates könnte sich der Wunsch nach Wandel schneller Bahn brechen als der Regierung lieb ist.

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