Kubaner und die USA Schnell ins Feindesland, bevor es Freundesland wird

Migranten aus Kuba erhalten in den USA eine Vorzugsbehandlung - noch, denn die Zeichen stehen auf Aussöhnung. Zehntausende Kubaner versuchen in Torschlusspanik die Flucht. Doch nun wird ihre zentrale Route geschlossen.
Kubaner beobachten die Eröffnung der amerikanischen Botschaft in Havanna am 14 August 2015: Sie genießen in den USA seit 1996 eine Vorzugsbehandlung

Kubaner beobachten die Eröffnung der amerikanischen Botschaft in Havanna am 14 August 2015: Sie genießen in den USA seit 1996 eine Vorzugsbehandlung

Foto: dpa Picture-Alliance / Alejandro Ernesto/ picture alliance / dpa

Yrmelina Valiente ist 49 Jahre alt und hat die vergangenen Monate ihres Lebens auf einer abenteuerlichen Reise verbracht. Die Frau aus Havanna hat irgendwann im Sommer ihren Kühlschrank verkauft und auch den Fernseher zu Geld gemacht. Von den Dollars erstand die Textilhändlerin für den 30. August ein Ticket in die ecuadorianische Hauptstadt Quito, nahm dort ein Taxi nach Cali in Kolumbien und schlug sich von dort gemeinsam mit Schwester und Nichte über Panama, Costa Rica, Nicaragua und Honduras bis Guatemala durch.

Am 1. November rastete die kleine kubanische Reisegruppe in der mexikanischen Grenzstadt Tapachula. Von dort blieben ihr noch 1700 oder 3800 Kilometer bis ins gelobte Land - je nachdem, an welcher Ecke sie die Vereinigten Staaten betreten wollen. Am Ende werden die drei Kubanerinnen acht Länder durchquert und rund 8000 Kilometer hinter sich gebracht haben - wenn sie dann überhaupt ankommen.

So wie Yrmelina Valiente haben sich seit Sommer Zehntausende Menschen von der kommunistisch regierten Karibikinsel auf den weiten Weg über Ecuador in die USA gemacht, eine Odyssee über den halben amerikanischen Kontinent. Im Schnitt gibt dabei jeder Migrant 5000 Dollar für Flugticket und Schlepper aus. Es ist die größte Auswanderungswelle seit Mitte der Neunzigerjahre, als Tausende Kubaner im Rahmen der sogenannten Balsero-Krise vor der schwierigen Wirtschaftslage flohen. Und sie beginnt in Ecuador, weil das Land als einziges kein Visum von den Kubanern fordert.

Wer auf dem Landweg kommt, darf in den USA arbeiten

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Kubaner auf dem Weg in die USA: Eilige Flucht

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Verglichen mit damals geht es der kubanischen Wirtschaft und den Menschen heute deutlich besser. Privatökonomie ist seit den Reformen von Präsident Raúl Castro erlaubt, auch fliehen die Kubaner nicht wie Syrer oder Iraker vor Gewalt und Terror. Die Menschen machen sich aus Angst vor Annäherung und Tauwetter davon, das seit fast einem Jahr zwischen Washington und Havanna herrscht. So ist die kubanische vielleicht die absurdeste Flüchtlingsbewegung der Welt, weil die Versöhnung mit dem Erzfeind die Menschen treibt, ihre Heimat zu verlassen.

Dabei folgt die Fluchtpanik einer einfachen Logik: Kubaner genießen in den Vereinigten Staaten seit 1996 eine Vorzugsbehandlung wie kein anderer Migrant des amerikanischen Kontinents. Jeder, der trockenen Fußes die USA erreicht, bekommt eine Arbeitserlaubnis und nach einem Jahr eine Daueraufenthaltserlaubnis. Diese Regelung, als Cuban Adjustment Act bekannt, gilt zwar noch immer, aber bei den Menschen auf der Castro-Insel hat sich die Befürchtung durchgesetzt, im Rahmen der neuen US-kubanischen Freundschaft könnte Washington dieses Gesetz kassieren. Schließlich ist es ein Relikt des Kalten Krieges und war dazu gedacht, der kommunistischen Regierung zu schaden, indem man die Menschen zur Flucht animiert. Aber plötzlich wirkt diese Regelung wie aus der Zeit gefallen.

Die Auswanderungswelle hat die Zahlen kubanischer Migranten in Zentralamerika und Mexiko in die Höhe schnellen lassen. Allein Mexiko rechnet damit, dass in diesem Jahr 13.000 Kubaner das Land durchqueren werden. In Costa Rica hat sich die Zahl kubanischer Migranten ohne Visum zwischen Januar und September gegenüber 2013 auf 12.166 verfünffacht. Die meisten zentralamerikanischen Staaten winken die Kubaner auf ihrer Reise durch oder stellen ihnen "humanitäre Visa" aus. Nur die Nicaraguaner stellen sich quer.

Auch Ecuador stoppt nun die Flüchtlinge

Seit Tagen sitzen daher 4000 Kubaner an der Grenze zwischen Costa Rica und Nicaragua fest, weil Präsident Daniel Ortega in der Hauptstadt Managua den Spielverderber gibt. Er hat die Schlagbäume geschlossen und beruft sich auf die fehlenden Visa der kubanischen Migranten. Aber eigentlich macht er sich zum Anwalt der Interessen Havannas und stoppt die Wanderer von der fernen Insel, damit sie ihr Ziel nicht erreichen.

Man werde die Grenze nicht öffnen, um der "illegalen Politik" des Cuban Adjustment Act keinen Vorschub zu leisten, sagte der nicaraguanische Vizeaußenminister Dennis Moncada. "Die US-Politik schadet, schafft Leiden und führt zu menschlichen und ökonomischen Verlusten", unterstrich der Minister die Position seines Regierung am Dienstag.

Nun zog Ecuador nach und führt am 1. Dezember erstmals seit 2008 die Visumpflicht für Kubaner wieder ein. Man wolle die risikoreiche Migration stoppen, die "Männer, Frauen und Kinder in Gefahr bringt", hieß es. Ob Präsident Raúl Castro seinen ecuadorianischen Kollegen Rafael Correa darum gebeten hat, um den für Kuba unangenehmen Exodus zu stoppen, ist unklar.

Bevor die kubanische Regierung 2013 ihren Bürgern Reisefreiheit gewährte, flohen die Menschen meist über eine ungleich kürzere Seeroute. Von Havanna nach Key West in Florida sind es über die Meeresenge zwischen beiden Staaten kaum 150 Kilometer. Aber der Weg birgt eine doppelte Gefahr. Es droht nicht nur das Ertrinken, sondern auch die Deportation nach Havanna. Denn die Vorzugsbehandlung der USA gilt nur für diejenigen Kubaner, die trockenen Fußes im gelobten Land anlangen. Wer auf dem Meer aufgebracht wird, muss wieder heim.

Und so belagerten Hunderte erzürnte Kubaner am Freitag die ecuadorianische Botschaft in Havanna und forderten, die Visumsfreiheit beizubehalten. Sie alle haben schon ein Ticket nach Quito gekauft - aber ihr Flug geht nach dem 1. Dezember.