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Kubas Máximo Lider Castro stellt die System-Frage

Der Máximo Lider ist genesen und zeigt sich erstaunlich selbstkritisch: Fidel Castro soll erstmals zugegeben haben, dass das sozialistische Wirtschaftssystem in Kuba gescheitert ist. "Das kubanische Modell funktioniert selbst bei uns nicht mehr", zitiert ihn ein US-Blog.

Hamburg - Wird Fidel Castro altersmilde? 84 Jahre ist Kubas früherer Staatschef alt, nach langer Krankheit zeigt er sich nun wieder in der Öffentlichkeit, spricht vor Anhängern, gibt Interviews. In einem dieser Gespräche soll er sich nun sehr selbstkritisch gezeigt haben. Ausgerechnet Castro, der sonst nicht für Eingeständnisse eigener Fehler bekannt war.

Bei einem Treffen mit einem US-Journalisten und einer amerikanischen Wissenschaftlerin soll er gesagt haben: "Das kubanische Modell funktioniert nicht einmal mehr bei uns." So zitiert ihn der Korrespondent der Zeitschrift "The Atlantic", Jeffrey Goldberg, in seinem Blog . Castro habe damit auf die Frage geantwortet, ob das kubanische System noch immer exportwürdig sei.

Auch die Kuba-Kennerin Julia Sweig war bei dem Gespräch anwesend. Sweig sagte demnach, Castro habe mit seiner Äußerung nicht die Revolution zurückgewiesen. "Für mich war es die Feststellung, dass im kubanischen System der Staat eine zu große Rolle im Wirtschaftsleben einnimmt", erklärte sie dem Blog zufolge.

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Fidel Castro: Der alte Mann und die Fehler der Vergangenheit

Foto: ENRIQUE DE LA OSA/ REUTERS

Der kubanische Staat kontrolliert mehr als 90 Prozent der Wirtschaft - die jedoch kurz vor dem Kollaps steht. Versprochene Reformen wurden lange nicht umgesetzt, außer dass brachliegendes Land an Bauern verteilt wurde. Die Mehrheit der Agrarprodukte muss heute importiert werden, so wie der frühere Exportschlager Kaffee. Beim Zucker sieht es nicht besser aus: Anfang Mai vermeldete selbst die Parteizeitung "Granma" die schlechteste Ernte seit mehr als 100 Jahren. Ein Kubaner verdient nach wie vor umgerechnet nur 15 Euro im Monat.

Um die darbende Wirtschaft anzukurbeln, kündigte Fidel Castros Bruder Raúl, der nun die Regierungsgeschäfte führt, Anfang August an, er wolle mehr Privatwirtschaft zulassen. Kubaner dürfen künftig kleine Geschäfte betreiben und Arbeitskräfte beschäftigen. Dies solle es dem Staat ermöglichen, "sich um wichtigere Dinge" zu kümmern, hatte Wirtschaftsminister Marino Murillo gesagt. Er beeilte sich aber zu versichern, dass es nicht um eine grundlegende Reform des sozialistischen Modells gehe.

Klar ist: Die kubanische Führung muss handeln, viele Bürger sind enttäuscht von Raúl Castro. Dieser hatte 2006 die Amtsgeschäfte von seinem Bruder Fidel übernommen.

Fidel war schwer erkrankt, er musste sich einer Darmoperation unterziehen. "Ich war schon tot", berichtete er nun, vier Jahre später, in einem Interview mit der mexikanischen Zeitung "La Jornada". "Ich hatte schon keine Hoffnung mehr zu leben." Heute bringe er wieder 85 Kilogramm auf die Waage und schaffe schon wieder 600 Schritte "ohne Stütze und ohne Hilfe". Er meistert bereits wieder Auftritte in der Öffentlichkeit, zuletzt sprach er vor Tausenden Studenten der Universität von Havanna.

Er fühle sich vollständig genesen, sagt Castro. Und offenbar fühlt er sich auch stark genug, öffentlich über die Fehler der Vergangenheit zu sprechen. Nicht nur in Fragen des kubanischen Wirtschaftsmodells zeigte er sich nachdenklich. In dem Gespräch mit "La Jornada" räumte er auch ein, Schuld an der Verfolgung von Schwulen auf der Insel zu tragen: "Wenn einer verantwortlich ist, dann bin ich es." Nachdem die Revolutionäre 1959 die Diktatur gestürzt hätten, habe seine Regierung nicht angemessen mit dem Thema umgehen können. "Ich ertrank in Arbeit und war befasst mit Krisen, mit Krieg und politischen Fragen." Aber er nun musste er eingestehen: "Es war eine große Ungerechtigkeit, eine große Ungerechtigkeit!"

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