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12. Oktober 2011, 16:28 Uhr

Kuds-Brigaden

Teherans mysteriöse Elite-Krieger

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Einer der Drahtzieher des Washington-Komplotts stammt aus ihren Reihen: Die iranischen Kuds-Brigaden gehören zu den gefährlichsten Spezialeinheiten der Welt. Die Elite-Krieger erfüllen ihre Aufträge im Geheimen - und sollen bei Einsätzen im Ausland den Einfluss Teherans ausweiten.

Berlin - 150 Tote sollen sie einkalkuliert haben, die Bombe sollte in einem Restaurant hochgehen. Ihr Ziel: der saudische Botschafter in Washington. So soll der Plan eines iranischen Terrorkommandos ausgesehen haben, den die USA jetzt aufdeckten. Einer der beiden Drahtzieher, Gholam Schakuri, ist, so heißt es aus Washington, Mitglied der iranischen Kuds-Brigaden.

Die Kuds-Brigaden sind eine Spezialabteilung der iranischen Revolutionswächter, zuständig für Einsätze im Ausland. Ihre Stärke wird auf 5000 bis 15.000 Mann geschätzt, genaue Angaben gibt es nicht. Die Männer der Kuds-Brigaden verfügen über profunde Kenntnissen der arabischen Welt und Sprache. Ihr Spezialgebiet ist die Unterstützung schiitischer Kräfte im arabischen Ausland, ihr Ziel ist es, den Einfluss Irans auszuweiten.

Experten zufolge zählen die Kuds-Brigaden zu den effizientesten Spezialeinheiten weltweit. Organisatorisch ist ihr Oberkommandeur, Kassim Soleimani, dem iranischen Revolutionsführer Chamenei unterstellt. Unklar ist, ob die Kuds teilweise auch ohne Absprachen agieren und wie ihr Verhältnis zur iranischen Regierung von Präsident Mahmud Ahmadinedschad ist.

Auch das genaue Vorgehen der Truppe ist mysteriös. "Es ist sehr schwierig, Belege darüber zu finden, wo die Kuds-Brigade tatsächlich im Ausland aktiv geworden sind", sagt Konstantin Kosten von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. "Es gibt kaum gesicherte Informationen darüber, wie sie agieren, ob sie etwa Waffen schmuggeln oder nur beratend tätig sind." Ähnlich äußert sich Walter Posch von der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Die Kuds-Brigaden sind mehr eine Taskforce als eine starre militärische Einheit. Es geht ihr nicht nur ums Bombenlegen, sondern auch um den Ausbau von Beziehungen zu verschiedenen Akteuren."

Enge Verbindungen zur irakischen Regierung

Seit ihrer Gründung nach dem Irak-Iran-Krieg Anfang der neunziger Jahre haben die Kuds ihre Spuren dennoch in vielen Ländern hinterlassen - davon jedenfalls gehen Experten aus. Im Jugoslawien-Krieg sollen die Brigaden Muslime in Bosnien unterstützt haben, im Afghanistan-Krieg die Nordallianz, im Libanon die Hisbollah - aber auch in Westafrika ist die Einheit angeblich in schiitischen Gemeinden aktiv. Vor einem Jahr gab es Berichte, dass Kuds-Leute Waffen nach Nigeria geschmuggelt haben sollen.

"Am spektakulärsten aber ist das Auftreten der Kuds-Brigaden im Irak", sagt Iran-Experte Posch. "Dort ist es dem Chef der Spezialeinheit vor Jahren gelungen, unter den Augen der Amerikaner in die Green Zone in Bagdad einzudringen und an den Beratungen der irakischen Parteien teilzunehmen." Seit dem Sturz Saddam Husseins haben die schiitischen Parteien an Einfluss gewonnen - und damit indirekt auch Iran. Tatsächlich hatte der Chef der Kuds, Soleimani, im März 2008 einen Waffenstillstand zwischen der schiitischen Sadr-Miliz und der irakischen Regierung ausgehandelt. Noch immer unterhalte die iranische Auslands-Spezialeinheit gute Beziehungen zur irakischen Regierung, so Posch. "Viele kennen sich noch aus dem Iran-Irak-Krieg. Ein großer Teil der irakische Regierung wurde in Iran ausgebildet."

Unterstützen die Kuds-Brigaden das syrische Regime?

Die USA beklagt seit langem den Einfluss Irans auf Milizen im Irak. Die Kuds-Brigaden rüsten Aufständische mit Sprengsätzen aus, die auch Panzer durchbrechen können. 2008 erklärte ein amerikanischer Militärsprecher, schiitische Extremisten würden von Kämpfern der libanesischen Hisbollah in einem Trainingslager nahe Teheran ausgebildet. Das Lager befinde sich unter Kontrolle der Kuds-Brigaden. Im Jahr 2007 machte ein US-General die Spezialeinheit direkt für einen Anschlag auf US-Soldaten in Kerbela verantwortlich.

Aktuell verdichten sich die Hinweise darauf, dass die Kuds-Einheit auch in Syrien aktiv ist und dem Regime von Baschar al-Assad bei der Niederschlagung des Aufstands assistiert - mit Ausrüstung, Waffen, Know-how und neuer Überwachungstechnologie, die die Revolutionswächter selbst schon ausprobiert haben: Bei der Unterdrückung der iranischen Proteste, der Grünen Revolution im Jahr 2009. Diese Bruderhilfe aus Teheran, so berichtete es jüngst die "Washington Post", sei auch der Grund dafür, warum die US-Regierung die Kuds-Brigaden mit Sanktionen belegt hat.

Extrem diskret, peinlich genau darauf bedacht, keine Spuren zu hinterlassen - so agieren die Kuds-Mitglieder. Daher scheint der Anschlagsplot in den USA untypisch für die Geheimkrieger. "Es ist außerdem vollkommen unverständlich, warum die Iraner, wenn es um irgendeinen saudischen Botschafter geht, ausgerechnet eine Spezialeinheit, die auf arabische Länder spezialisiert ist, nach Washington schicken sollte", so Wissenschaftler Posch.

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