Künftige US-Außenpolitik "Obama käme mit den Deutschen am besten zurecht"

Nach Bush wird alles besser? Ob McCain, Clinton oder Obama: Jeder wird große Forderungen an die Europäer stellen, sagt Stephen Szabo. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der renommierte Politologe über die künftige US-Außenpolitik - und darüber, wen die Deutschen favorisieren müssten.


SPIEGEL ONLINE: Herr Szabo, welche Veränderungen können die Europäer vom neuen US-Präsidenten erwarten, der im November gewählt wird - insbesondere die Deutschen?

Szabo: Die Wahl wird zuerst einmal eine Verbesserung der transatlantischen Beziehungen bedeuten, ganz egal wer gewinnt. Das sind gute Nachrichten. Ich denke, selbst die Bush-Regierung hat eingesehen, dass sie Fehler gemacht hat. Bush hat Versuche gemacht, die Beziehungen zu den Europäern zu reparieren. Aber die Europäer haben ihre feste Meinung zu Bush, egal was er jetzt noch tut. Sie werden sich mit einer neuen Regierung leichter tun.

SPIEGEL ONLINE: Also alles Friede, Freude, Eierkuchen?

Szabo: Den Europäern muss klar sein, dass eine neue US-Regierung, vor allem eine demokratische, sehr hohe Erwartungen hat.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Szabo: Vor allem die Demokraten würden all die Dinge tun, die die Europäer schon lange fordern. Sie würden Guantanamo schließen, multilateral zusammenarbeiten, das Völkerrecht achten. Als Antwort auf dieses Entgegenkommen würden sie erwarten, dass die Europäer selbst sich sehr viel stärker engagieren und größere Verantwortung übernehmen. Im Kosovo, aber natürlich vor allem in Afghanistan. Die Afghanistan-Frage beunruhigt mich am meisten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es dort Unterschiede zwischen Demokraten und Republikanern?

Szabo: Das glaube ich nicht. Alle denken, dass der Krieg in Afghanistan der "richtige Krieg" ist.

SPIEGEL ONLINE: In welchen Fragen unterscheiden sich Demokraten und Republikaner am meisten?

Szabo: Die meisten Deutschen wären wahrscheinlich sehr unglücklich über die Haltung des Republikaners John McCain zur Iran-Frage - er ist Bush da sehr ähnlich. Die Demokraten würden eher dem europäischen Ansatz mit mehr Sanktionen folgen und nicht einer militärischen Option.

SPIEGEL ONLINE: Wo wäre das größte Konfliktpotential zwischen Deutschland und den USA?

Szabo: Das sehe ich in der Russland-Frage. Die Deutschen haben strategische Interessen, etwa was Erdgas angeht - in den USA gibt es keine Russland-Lobby, sondern eine viel größere Bereitschaft, Russland wegen seiner Menschenrechtsverletzungen anzugehen und stärker unter Druck zu setzen. Das bringt Deutschland in eine schwierige Lage.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Deutschland aus Sicht der US-Regierung?

Szabo: Mit der Ausnahme von Russland sind viele dieser Fragen nicht mehr bilateral, sondern im Kontext von ganz Europa zu sehen. Deutschland ist so wichtig, weil es eine große Rolle sowohl in der EU als auch in der Nato spielt. Großbritannien ist wichtig in der Nato, Frankreich in der EU, aber kein Land außer Deutschland spielt in beiden Organisationen eine zentrale Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Die Demokraten setzen im Wahlkampf auch auf eine Abkehr vom Freihandel, sie sprechen darüber, das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta neu zu verhandeln.

Szabo: Diese Bestrebungen richten sich vor allem gegen Mexiko und China. Vielleicht gibt es mehr Protektionismus, aber der wird sich nicht gegen Europa richten. Wir haben viel gemeinsam, wenn wir uns gegen Niedriglohnländer wie China verteidigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würde sich eine neue US-Regierung im Irak verhalten?

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