Kunduz-Augenzeuge "Es sah aus, als ob die Erde Feuer spuckt"

Waren die Bomben auf die Tanklaster bei Kunduz gerechtfertigt? Waren die Menschen um die Lkw wirklich Taliban? Zum ersten Mal spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview ein Augenzeuge über die Nacht des Bombardements bei Kunduz: Tanklastwagenfahrer Abdul Malek.
Tanklasterfahrer Abdul Malek: "Die Taliban stritten sich, ob sie mich gleich töten sollten"

Tanklasterfahrer Abdul Malek: "Die Taliban stritten sich, ob sie mich gleich töten sollten"

Foto: SPIEGEL ONLINE/ Shoib Najafizada

SPIEGEL ONLINE: Herr Malek, Sie fuhren einen der beiden Tankwagen, der am 3. September von den Taliban entführt und später bombardiert wurde. Wie hat die Entführung begonnen?

Abdul Malek: Wir waren an dem Tag mit zwei Tankern gegen 12.30 Uhr in Kunduz losgefahren in Richtung Süden und wollten in Richtung Kabul. Kurz nach dem Ortsausgang hatte ich eine Panne, also mussten wir anhalten. Nach der Reparatur konnten wir wieder starten, doch wenige Minuten später stoppten uns etwa 25 bewaffnete Männer, die den Weg versperrten.

SPIEGEL ONLINE: Was verlangten die Bewaffneten?

Taliban

Malek: Dass die Männer waren, war uns gleich klar. Ungewöhnlich war nur, dass sie ärmlich gekleidet waren, noch nicht mal Schuhe hatten sie an. Sie bedrohten uns und sagten sie seien so arm, deshalb wollten sie den Tanker in ihr Dorf nach Omarkhil bringen, eine Ortschaft südwestlich von Kunduz. Dort wollten sie den Treibstoff abzapfen. Sie brauchten das Benzin aus dem Tanker in ihren Dörfern, sagten sie. Bei jeder Gegenwehr würden sie uns sofort erschießen.

SPIEGEL ONLINE: Wer führte die Männer an?

Malek: Einen richtigen Anführer hatten sie nicht. Gleich nachdem wir losfuhren - einige der Taliban waren bei mir im Führerhaus, andere trotteten zu Fuß hinter den Lastern her - telefonierten sie immer wieder mit Mullah Abdul Rahman, der in der Region südlich von Kunduz eine Hand voll Männer unter seinem Kommando hat. Er befahl ihnen, schnell zu kommen. Wenn wir nicht gehorchen würden, sollten sie uns hinrichten.

SPIEGEL ONLINE: In dem Dorf kamen sie aber nie an.

Malek: Als wir Omarkhil erreichten, herrschte Konfusion. Ich hatte den Eindruck, verschiedene Gruppen von Taliban bekämpften sich oder stritten sich um die Tanker. Jedenfalls hörten wir immer wieder Schüsse. Auch Mullah Abdul Rahman gab immer neue Befehle und Ziele für uns durch. Schließlich sollten wir den Kunduz Fluss überqueren. Die Taliban zeigten uns eine Strecke über eine Sandbank. Doch wir steckten schnell fest, alle Versuche, die beiden Laster zu bewegen, scheiterten. Die Taliban wurden böse, schrien uns an, schlugen uns mit ihren Kalaschnikows. Meinen Kollegen in dem anderen Truck erschossen sie.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Taliban waren da präsent?

Malek: Es waren immer noch die gleichen 25, vielleicht ein paar mehr. Nun aber telefonierten sie, riefen Freunde und Bekannte in den umliegenden Dörfern an. Sie sollten kommen und das Benzin aus den Tankern abzapfen. Einige Taliban-Kämpfer gingen auch in die Dörfer und riefen die Menschen über die Lautsprecher der Moscheen zusammen. Es dauerte nicht lange, da kamen immer mehr Dorfbewohner. Mit einem Traktor versuchten sie, die Tanker zu bewegen, doch es klappte nicht. Also organisierten die Bewaffneten, dass die Menschen das Benzin abzapften und mit Kanistern wegbrachten.

SPIEGEL ONLINE: Wer waren die Menschen, die das Benzin abzapften?

Malek: Es ist schwer zu sagen, es waren ja sehr viele Menschen. Zeitweise standen 200 Personen um die beiden Trucks, jeder wollte umsonst Benzin abzapfen. Es herrschte Chaos. Bewaffnet waren vielleicht 40 oder 50, sie organisierten Reihen, in denen sich die Menschen anstellten. Die anderen sahen aus wie Dorfbewohner, allerdings hatten manche ihre Gesichter vermummt. Die Menschen waren bestimmt normale Bauern aus den Dörfern, doch viele kannten die bewaffneten Taliban, begrüßten sie mit Namen und bedankten sich für das Benzin. In diesen Dörfern ist es schwer zu sagen, wer Taliban ist und wer nicht.

SPIEGEL ONLINE: Es sollen auch hochrangige Anführer der Taliban bei den Lastern gewesen sein.

Malek: Ich habe nur Mullah Abdul Rahman gesehen, er ist ein vielleicht 35 Jahre alter Mann mit einem dunklen Bart und einem schwarzen Turban. Er tauchte einmal kurz auf, als wir in einem Dorf anhielten und dann auch am Fluss, das muss so gegen 22 Uhr gewesen sein. Die anderen Taliban sagten, er sei ihr Anführer und alle gehorchten ihm. Abdul Rahman kam mit einem grünen Ford Pick-up der afghanischen Polizei angefahren, den seine Männer bei einem Überfall erbeutet hatten, darauf waren sie sehr stolz. Was er bei den Lastern machte, konnte ich nicht sehen, doch nach zehn Minuten verschwand er wieder. Ich glaube nicht, dass er getötet worden ist.

SPIEGEL ONLINE: War der B1-Bomber oder die beiden anderen Flugzeuge, welche die Szenerie beobachteten, am Fluss zu hören?

Malek: Wie viele Flugzeuge es waren oder welche, kann ich nicht sagen. Ich habe etwa ab 22 Uhr Fluglärm gehört. Es war aber recht leise, offenbar war das Flugzeug sehr hoch, doch in Afghanistan kennen wir diese Geräusche von Kampfjets. Manche der Menschen um die Trucks haben es sicher auch gehört, doch die meisten stritten sich darum, wer schneller sein Benzin bekommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Taliban auf die Flugzeuge reagiert?

Malek: Die bewaffneten Männer wurden schon nervös, sie fingen auch wieder an, viel zu telefonieren. Ich dachte, sie rufen ihre Anführer an, fragen um Rat, was sie nun tun sollen. Irgendwann fingen manche an zu brüllen und fuchtelten mit ihren Waffen herum. Sie schrien, die Menschen sollten weg von den Lastern, es würden gleich Bomben fallen. Doch keiner wollte auf das Gratisbenzin verzichten. Manche der Bewaffneten sind dann auch weggelaufen, doch es war so unübersichtlich, dass ich nicht sagen kann, wie viele.

SPIEGEL ONLINE: Wo waren Sie zu dem Zeitpunkt?

Malek: Ich saß mit einigen Bewaffneten recht weit weg von den Tankern am Fluss, vielleicht 50 Meter entfernt. Die Männer stritten sich, ob sie mich gleich töten sollten oder ob sie mich als Geisel benutzen, um von meiner Firma Geld zu erpressen. Ich hatte große Angst, auch vor einem möglichen Bombardement.

SPIEGEL ONLINE: Die Bomben fielen dann ja auch.

Malek: Ich werde diesen Moment nicht vergessen. Es war erst ein lautes Summen, wie bei einem Kurzschluss in einem Generator. Dann gab es einen hellen Blitz. Ich habe mich einfach nach vorne fallen lassen und bin ins Wasser eingetaucht, doch selbst da spürte ich die Druckwelle. Es war für Sekunden taghell, dann wurde selbst das Wasser immer wärmer. Als ich auftauchte, stand um die Laster herum alles in Flammen, es sah aus, als ob die Erde Feuer spuckt, doch das war wohl das Benzin aus den Trucks. Es war unerträglich heiß und überall lagen Leichen, völlig verkohlt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Tote lagen da?

Malek: Ich kann es nicht genau sagen, ich stand unter Schock. Vorher waren um die 120 Personen dort und nur wenige haben überlebt, glaube ich. Ein paar Taliban habe ich noch gesehen, sie rannten mit ihren Waffen vom Tatort weg. Ich hatte große Angst, also rannte ich einfach weg, bis ich nicht mehr konnte und versteckte mich in einem Reisfeld. Dort harrte ich bis zum Morgen aus. Immer wieder hörte ich, wie Menschen Tote und Verletzte vom Tatort holten, doch ich wollte nichts mehr sehen. Jede Nacht träume ich von den Bildern, die Nacht am Kunduz-Fluss werde ich wohl nie richtig verarbeiten können.

Abdul Malek, 42, wurde am Tag nach dem Bombardement auch von der afghanischen Polizei vernommen, seine Aussagen gingen in einen umfangreichen Untersuchungsbericht einer afghanischen Kommission mit Vertretern des Innenministeriums und anderer Sicherheitsbehörden ein. Dieser spricht von 69 getöteten Taliban und 30 zivilen Todesopfern.

Das Gespräch führte SPIEGEL ONLINE-Mitarbeiter Shoib Najafizada in Kabul