Kunduz-Ausschuss Oberst Klein flüchtet sich in Vorwärtsverteidigung

Fünf Stunden stand Oberst Klein dem Kunduz-Ausschuss Rede und Antwort - und verteidigte seine Entscheidung für das Tanklaster-Bombardement vehement. Den Angriff bezeichnete er als "angemessen", die zahlreichen zivilen Opfer bedauerte er.

Oberst Klein: "Ich trauere um diese Menschen"
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Oberst Klein: "Ich trauere um diese Menschen"

Von und John Goetz


Berlin - Oberst Georg Klein hat seinen Befehl für den Angriff auf zwei von den Taliban entführte Tanklastzüge bei Kunduz eindringlich verteidigt. Zu Beginn einer eineinhalb Stunden langen Erklärung Kleins in der geheimen Sitzung des Untersuchungsausschusses bezeichnete Klein den Angriff von Anfang September nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wörtlich als "angemessen". Damit wählte der Offizier genau den Begriff, den Verteidigungsminister Guttenberg letztlich zurückgenommen hatte.

Dennoch drückte Klein sein Bedauern für die zivilen Opfer aus. "Ich trauere um diese Menschen", sagte er.

Der Oberst ist der erste Zeuge des zum Untersuchungsausschuss umgewandelten Verteidigungsausschusses, der den Befehl zum Bombenabwurf und die vielen Fehler vor und nach der Operation durchleuchten soll. Klein entschied sich überraschend dafür, den 31 Abgeordneten in dem Gremium Rede und Antwort zu stehen. Zuerst las er eine vorbereite Erklärung vor, die etwa 1,5 Stunden dauerte, dann beantwortete er Fragen. Er hätte die Aussage auch verweigern können, weil die Bundesanwaltschaft Ermittlungen gegen ihn prüft.

Klein war am Morgen unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einen abhörsicheren Raum auf der Präsidialebene des Bundestags geschleust worden. Der Ausschuss war trotz aller Transparenz-Beteuerungen einstimmig der Meinung, dass sich der Oberst nicht den kritischen Fragen und den Kameras der Presse stellen müsse.

Gegen zahlreiche Nato-Regeln verstoßen

Klein steht seit dem Angriff massiv in der Kritik, da er mit seinem Befehl gegen zahlreiche Nato-Regeln verstieß und so den fatalen Angriff, bei dem viele Zivilisten ums Leben kamen, erst möglich machte. Der Oberst wird in einem Untersuchungsbericht der Nato schwer belastet, da er diverse Regeln zur Vermeidung von zivilen Opfern nicht einhielt, offenbar absichtlich falsche Angaben machte und die Aufklärung behinderte.

Mit vielen Details über die Bedrohungslage rechtfertigte Klein in der geheimen Sitzung nun sein Handeln und betonte, der Einsatz der Bomben sei in der konkreten Situation die richtige Entscheidung gewesen. Klein hatte gemeinsam mit seinem Anwalt ein langes Statement vorbereitet, das viele Einzelheiten über die Sicherheitslage vor dem Angriff enthielt.

Am Morgen vor der Aussage hatte er durch seinen Anwalt mitteilen lassen, "dass die Entscheidung für diesen Luftangriff auf Grundlage der verfügbaren Informationen und Ressourcen rechtlich nachvollziehbar und damit rechtmäßig war". Demnach habe Klein als Kommandeur für seine Soldaten, die afghanischen Sicherheitskräfte und die Zivilbevölkerung in einem bewaffneten Konflikt eine schwerwiegende militärische Entscheidung zu treffen.

Welche Rolle spielte das KSK?

Hinter verschlossenen Türen wehrte sich Klein gegen Vermutungen, bei der Operation in Kunduz habe ihn die geheime Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte zum Befehl gedrängt. Klein führte die Operation aus dem Gefechtsstand der "Task Force 47", die zur Hälfte aus KSK-Kämpfern besteht. "Ich möchte ausdrücklich unterstreichen, dass es sich nicht um eine Operation der 'Task Force 47' handelte, sondern um eine des PRTs", sagte Klein in der geheimen Sitzung. PRT ist das "Provincial Reconstruction Team", eine zivil-militärische, regionale Wiederaufbau-Mannschaft.

Klein korrigierte vor den Bundestagsabgeordneten die frühere Version der Bundeswehr, bei dem Waffeneinsatz sei es um die beiden von den Taliban entführten Tanklaster gegangen, da diese eine mögliche Gefahr darstellten. Er sagte: "Ziel des Angriffs waren nur die Tanklastzüge und die in unmittelbarer Nähe befindlichen Aufständischen". Damit bestätigte er, dass durch die beiden Bomben gezielt auch Taliban, die man nahe den Tankern ausgemacht hatte, getötet werden sollten.

"Die Quelle hatte direkten Blick auf die Fahrzeuge"

In der Vernehmung wies der Oberst Verdächtigungen zurück, man habe mit dem Angriff auf die Laster sehenden Auges auch den Tod von Zivilisten in Kauf genommen. Er sei die ganze Zeit der festen Überzeugung gewesen, dass die Bomben keine Unbeteiligten treffen würden. Dies hatte eine Quelle der Bundeswehr auch mehrmals bestätigt. "Die Quelle hatte direkten Blick auf die Fahrzeuge", referierte Klein.

Auch den Vorwurf, er habe einen Tiefflug über dem Tatort abgelehnt, wollte der Oberst nicht gelten lassen. Die im Nato-Jargon als "show of force" bekannten Überflüge zum Auseinandertreiben von Menschenmengen hätten sich in den Monaten vor dem September abgenutzt, argumentierte Klein. Ähnliche Aussagen hatte auch ein anderer Bundeswehroffizier gegenüber der Nato gemacht.

Klein verwies in seiner Erklärung allerdings auch darauf, dass er nicht alle Entscheidungen allein getroffen habe. Besonders die genauen Verhandlungen seines Flugleitoffiziers mit den Piloten habe er kaum verstehen könne, da viele Fachworte benutzt worden seien. "Es war mir daher nicht möglich, den Funkverkehr zwischen dem JTAC (Flugleitoffizier, d. Red.) und den Piloten zu überwachen, das ist auch nicht mein Auftrag", sagte Klein.

Mit Material von dpa

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Seite 1
semir, 20.01.2010
1.
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
Es wird viel geredet werden,die Verantwortlichen für den Tod von Zivilisten werden aber bestimmt nicht einen Knast von innen sehen.
Leto_II., 20.01.2010
2.
Zitat von semirEs wird viel geredet werden,die Verantwortlichen für den Tod von Zivilisten werden aber bestimmt nicht einen Knast von innen sehen.
N-TV hat schon läuten hören, das die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen Oberst Klein einstellen will, da nach geltendem VStGB keine strafbare Handung vorliegt. Das war nur eine Randbemerkung wert... Die Verantwortlichen für den Tod der Zivilisten sind also unter den Taliban zu suchen und die kommen in der Tat viel zu selten in den Knast.
saul7 20.01.2010
3. ...
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
es hat selten einen UA gegeben, der wirklich aufklärend gewirkt hätte. Meist bleibt vieles unter dem Teppich. In diesem Fall erwarte ich keine wesentliche Klärung der tatsächlichen Abläufe.
M@ESW, 20.01.2010
4.
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
Insbesondere Guttenberg also? Na dann frage ich mich wieso die so zimperlich sind? Dann könnten sie ihm doch gleich noch den Angriff auf Polen vorwerfen. Wen interessieren schon Amtszeiten und Zeitpunkt des Vorfalls.
henningr 20.01.2010
5.
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
Die Frage ist doch eher "soll der Untersuchungsausschuss die Kunduz-Affäre überhaupt aufklären?"
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